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„In knapp viereinhalb Stunden ist da wieder Wasser drauf.“

Im Galopp in die Bäderstädte

22. August 2019

Gummistiefel statt High Heels, Bikini statt Hut – die Unterschiede zwischen den Duhner Wattrennen bei Cuxhaven oder der Großen Woche auf der Galopprennbahn Baden-Baden-Iffezheim könnten auf den ersten Blick kaum größer sein. Und doch eint beide Veranstaltungen in den mehr als 700 Autokilometer auseinanderliegenden Bäderstädten vieles - vor allem die Tatsache, dass es letztlich bei allen Äußerlichkeiten um die Pferde geht.

Im der badischen Kurstadt schon seit 1858, im Nordseebad Cuxhaven „erst“ seit 1902. Die Begeisterung ist ungebrochen: mit 15.000 bis 20.000 Besuchern rechnet man im Norden an diesem Sonntag, wenn das Wetter wie erhofft mitspielt. Gut 60.000 Gäste, davon allein 15.000 zum großen Finale am 1. September, erwartet der Veranstalter Baden Racing des sechs Renntage umfassenden Sommer-Meetings, das am Samstag beginnt. Trotz dreier Tribünen spielt auch hier das Wetter für den Besuchererfolg eine wichtige Rolle, denn Galopprennen bleiben im Kern eine Open Air-Veranstaltung.
Insbesondere natürlich am Meer, wenn zwischen Ebbe und Flut die Duhner Wattrennen gelaufen werden - eine Mischung aus Trabrennen, Trabreiten und zwei Galopprennen. „Diese Kombination zwischen Pferdesport auf naturbelassenem Geläuf und Volksfest ist das, was die Leute anzieht, was den Reiz für Pferd und Reiter ausmacht“, meint Rennleiter Andreas Heil in Cuxhaven. „In knapp viereinhalb Stunden ist da wieder Wasser drauf.“ Das Thema Wasser beschäftigt auch den in Iffezheim für das Geläuf zuständigen Rennplatz-Verwalter Heinrich Sievert. Hier geht es um die stets delikate Frage, wie viel Feuchtigkeit braucht, wie viel verträgt der Rasen? „Aufgrund von Hitze und Trockenheit sind die Gräser auf sehr viel Wasser angewiesen“, sagt Sievert. „Pro Woche sind das manchmal bis zu 900.000 Liter.“
Denn im Gegensatz zu den Duhner Wattrennen ist nicht nach ein paar Stunden alles vorbei. Mehr als 550 Vollblüter donnern in 58 Rennen über die Grasnarbe, die möglichst auch am letzten Tag noch faire Bedingungen liefern soll. Schließlich geht es am Schluss um das meiste Geld: 250.000 Euro im 147. Longines Grosser Preis von Baden, ein sogenanntes Gruppe I-Rennen, das zur German Racing Champions League gehört – eine Rennserie, die elf der wichtigsten Galopp-Prüfungen Deutschlands umfasst. Es ist ein ziemlicher Kontrast zu den 4.000 Euro, die über dem Preis des Landkreises Cuxhaven stehen. Das Engagement ist dennoch auf beiden Seiten hoch. „Wir haben 1.100 ehrenamtliche Helfer, die das Wattrennen mitgestalten“, sagt Heil. „Das Geläuf muss in kürzester Zeit auf- und wieder aufgebaut werden.“
In Iffezheim wird das zwölfköpfige Baden Racing-Team von knapp 400 (bezahlten) Teilzeit-Arbeitern unterstützt. Denn die Große Woche ist viel mehr als nur großer Sport. Auch hier setzt man auf eine Mischung: für eingefleischten Galoppfans und Gästen, die vielleicht nur ein oder zweimal im Jahr eine Rennbahn besuchen. Diese wollen unterhalten werden – durch Promis, Tanz- und Musikeinlagen, Shoppingmeile oder hohe Gewinnchancen, wie eine Viererwette mit 30.000 Euro garantierter Gewinnausschüttung. Das Wetten war bereits eine Triebfeder für die Gründung der Rennbahn in Iffezheim vor 161 Jahren, denn der damalige Pächter der Spielbank in Baden-Baden, Edouard Bénazet, wollte seinem gutbetuchten Publikum auch am Tage Zeitvertreib bieten, bevor am Abend die Roulette-Kugel rollte.

Gewettet wird hier noch immer gerne: Fast ein Viertel des jährlichen Wettumsatzes in Deutschland – 2018 waren es 5,78 Millionen Euro – erbringt der badische Marktführer. Über die Anfänge in Cuxhaven – eine Stadt ungefähr so groß wie Baden-Baden - ist weniger bekannt. Auf der Website des Vereins für Pferderennen auf dem Duhner Watt findet sich lediglich der Eintrag, dass am 22. Juli 1902 rund 8.000 Besucher den ersten Renntag verfolgten. Bis heute ein Ereignis, das „es sonst so nicht auf der Welt gibt“, wie Heil betont. Die Anfänge des Galoppsports in Deutschland gehen im Übrigen auf ein anderes Seebad zurück – in Bad Doberan an der Ostsee gründete sich bereits 1822 ein Rennverein. In diesem Jahr startete der neue Präsident Helmut Rohde mit zwei Renntagen Anfang August einen erfolgreichen Neuanfang, nach dem es 2018 keine Rennen gab. Zu den wenigen Musterknaben im deutschen Rennsport zählt Bad Harzburg, wo seit 1880 die Vollblüter übers hügelige Geläuf mit Blick auf den Brocken jagen.

Das jährliche Meeting „Am weißen Stein“ widmet sich vor allem dem Basissport, ist gleichermaßen beliebt bei Publikum und Aktiven. Galopp und Bäderstadt – das geht zusammen, ob an Nord- oder Ostsee, im Harz oder im Schwarzwald.  

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