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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„10 Dinge, die Sie schon immer über Avocados wissen wollten“

11. Juli 2019

Unsere Welt wird bekanntlich immer komplizierter, unübersichtlicher und damit auch unverständlicher. Um da Ordnung zu schaffen und dem Menschen Orientierung zu geben gibt es Listen oder – in einer etwas moderneren Form: Listicles. Ein Listicle, das wissen vielleicht noch nicht alle, ist ein Kunstwort, das aus den Wörtern Liste und dem englischen article gebildet wurde und meint einen Zeitungsartikel oder Blog, der dem Leser ein komplexes Thema ohne Anstrengung nahebringen soll. Typische Listicles haben Überschriften wie „10 Dinge, die Sie schon immer über Avocados wissen wollten“ oder auch ganz einfach: „Die 20 besten Sportler aller Zeiten“.  Auch im Galopprennsport sind solche Listen oder Listicles beliebt, auch ich habe einmal vor 15 Jahren in Galopp Intern eine Liste aufgestellt, die sich mit den Derbysiegern des 20. Jahrhunderts beschäftigte, vom Besten bis hinunter zum Schwächsten. 

Derbysieger des 20. Jahrhunderts
Derbysieger des 20. Jahrhunderts

Während aber Fragen nach dem besten Schauspieler oder der besten Sportlerin rein subjektive Angelegenheiten sind, so kann man für eine Antwort auf die Frage nach dem besten Rennpferd immerhin auf eine Menge von Daten und Fakten zurückgreifen, auch wenn danach immer noch ein gewisses Maß an Subjektivität übrig bleibt. Auch als Handicapper ist man ständig mit solchen Sachen befasst – ja, man könnte sagen, dass die gesamte Tätigkeit des Ausgleichers die Aufstellung einer langen Liste ist. Die wichtigsten und für die Allgemeinheit interessantesten Listen erscheinen dabei immer vor und nach jedem Derby. Vorher, wenn die Ausgleicher ihre Einschätzung der Kandidaten für das Deutsche Derby bekanntgeben, und nachher mit den Änderungen, bedingt durch das Ergebnis. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich beide Listen jedes Mal voneinander unterscheiden, denn trotz aller Bemühungen hat es auch der Handicapper noch nicht in den Rang eines Propheten geschafft; aber manchmal gelingt es doch, größere Verwerfungen in der Rangfolge der Derbypferde zu vermeiden.

Laccario siegt unter Eduardo Pedroza im IDEE 150. Deutschen Derby
Laccario siegt unter Eduardo Pedroza im IDEE 150. Deutschen Derby

Ein solcher Fall ist am vorigen Sonntag beim IDEE-150. Deutschen Derby in Hamburg-Horn eingetreten. Die ersten vier Pferde aus der Handicapper-Rangliste belegten die Plätze 1, 2, 4 und 3, auch dahinter ging es formgemäß zu. Das vermittelt zunächst einmal ein gutes Gefühl, denn Formkonstanz ist häufig auch ein Zeichen von Klasse, so dass man die Hoffnung haben darf, dass in diesem Dreijährigen-Jahrgang einige gute Pferde stecken und mit Laccario wieder einmal ein herausragender Derbysieger, dem ersten seit den Tagen von Sea the Moon und Pastorius. Leider kann sich das erwähnte gute Gefühl nach diesem Derby (noch) nicht in vergleichbaren Handicapmarken niederschlagen. Die ersten Sieben waren am Zielpfosten nur durch fünf Längen getrennt, was nach der Mathematik der Ausgleicher über die Strecke von 2400 Meter maximal viereinhalb Kilo ausmacht, so dass – egal, wo man mit der Rechnung ansetzt – für Laccario bei 97,5 kg (Rating 115) erst einmal die Grenze gesetzt ist. Diese Marke scheint sich zum Standard für den Derbysieger zu entwickeln, denn auch für Weltstar und Windstoß ergab sich zuletzt dieses Gewicht. Und erneut – wie schon im Vorjahr mit Weltstar und Destino – so sah man auch diesmal mit Laccario und Django Freeman im Derby auf den ersten beiden Plätzen dieselben Pferde wie schon im Union-Rennen. Ein solches doppeltes Doppel ist  in der 150-jährigen Geschichte des Deutschen Derbys noch acht weitere Male vorgekommen: Erstmals 1878 mit den Pferden Orosvar und Lateran, danach noch mit Ariel und Terminus, Landgraf und Ecco, Ferro und Aurelius, Alba und Ladro, Niederländer und Asterios, Ilix und Arjon sowie Lavirco und Surako.

Wenn der Handicapper nach diesem Derby drei Wünsche offen hat, dann sind das erstens, dass die Derbypferde auf lange Sicht einmal gesund bleiben; zweitens dass nicht noch weitere verkauft werden; und drittens dass sie in den kommenden Wochen in den großen Vergleichsrennen gegen die älteren Pferde auch antreten. Erst dann wird man klarer sehen, wo dieser Derbyjahrgang anzusiedeln ist. Laccario hat für die nächste Zeit Startmöglichkeiten in den Großen Preisen von Berlin und Baden, Django Freeman (wenn er denn hier überhaupt noch einmal läuft) im Großen Preis von Baden, Accon im G3-Fritz Henkel-Rennen in Düsseldorf und Quest the Moon in allen deutschen Gruppe I-Rennen bis Baden-Baden.
Nach dem Derby in Hamburg-Horn sind jetzt alle großen Derbys auf dieser Welt entschieden. Danach ergibt sich aus Sicht der Handicapper folgendes Bild:

USA Maximum Security (v. New Year´s Day) 120 (100 kg)
Frankreich Sottsass (v. Siyouni) 120 (100 kg)
Japan Roger Barows (v. Deep Impact) 119 (99,5 kg)
England Anthony Van Dyck (v. Galileo) 118 (99 kg)
Irland Sovereign (v. Galileo) 118 (99 kg)
Deutschland Laccario (v. Scalo) 115 (97,5 kg)
Italien Keep on Fly (Rip van Winkle) 110 (95 kg)

Gelegentlich höre ich von Leuten, die behaupten, es gäbe hier in Deutschland keine Literatur über den Galopprennsport. Ich frage mich dann, ob hier eine Wahrnehmungsstörung vorliegt, oder warum die doch recht zahlreichen Titel, die sich mit Vollblutzucht und Rennen beschäftigen, offensichtlich nicht bekannt oder nicht zur Kenntnis genommen werden. Na gut – als ich meine ersten Schritte in diesem Sport machte, da gab es wirklich nicht viel. Zwei Bücher von Beaulieu vielleicht, eins von Dr. Uppenborn und – große Klasse – die deutsche Übersetzung von Tesios „Breeding the Racehorse“. Aber danach wurde es besser. Adi Furler, Arnim Basche und Fritz Klein verfassten als bekannte TV-Moderatoren und Reporter populäre Bücher, von Klaus Göntzsche erschienen die beiden Bändchen „Die Welt der Gestüte“, und auch ich war schon früh an einem umfangreichen Werk mit dem Titel „Die Vollblutzucht der Welt“ beteiligt. Danach flaute es wieder etwas ab, aber seit ungefähr zwanzig Jahren hat es eine Fülle von Veröffentlichungen gegeben. Über den Amateurrennsport, die Geschichte der „Sport-Welt“, Bücher über Dark Ronald, Birkhahn und Waldrun, ein repräsentatives Werk „Vollblut“ von Jutta Besser-Lahtz, die Reprints der Schriften von Sternfeld und Rudolfi, die als Handicapper alle Spitzenpferde seit 1905 bewerteten sowie der daran anschließende Band von Peter Schmanns, witzige Sachen über das Wetten von Stefan Lebert und Harry Nutt, das Opus „111 Gründe, den Galopprennsport zu lieben“, die Bände von Traute König, historische Entdeckungen von Gerd von Ende, ein Buch über Graditz und ein wunderbares über Schlenderhan von Michael Stoffregen-Büller, das grundlegende Werk „Faszination Galopp“ über das Deutsche Derby. Dazu noch zahlreiche Chroniken über die Geschichte deutscher Rennvereine, zuletzt noch Leipzig, Mannheim, Hannover und – brandneu – Düsseldorf (kennt derzeit kaum einer, weil nicht beworben, lohnt sich aber unbedingt; zu erwerben bei Godolphin Books oder dem Düsseldorfer Reiter und Rennverein).
Rechtzeitig zum 150. Jubiläum des Derbys in Hamburg ist jetzt im Deutschen Sportverlag etwas überaus Passendes und Ungewöhnliches erschienen: „Die Hamburger Derbyreden“, auf 212 Seiten eine Kompilation aller vorhandenen Derbyreden, das sind 50 plus eine ungehaltene Rede. Was für eine Fundgrube! Wer neugierig darauf ist, welche Gedanken sich einige der größten Züchter und Besitzer im letzten halben Jahrhundert über den Zustand und die Zukunft des deutschen Galoppsports gemacht haben, der sollte das lesen und er wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Dabei ist es wie immer: alles schon dagewesen. Bereits die erste Derbyrede, die Adolf Schindling 1955 aus Anlass des Sieges von Kaliber im 84. Deutschen Derby hielt, behandelte schon Themen wie Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Service auf den Rennbahnen, Wetten, Dopingabwehr, Rennpreise, Züchterprämien, Entwicklung zum Volkssport, also Sachen, die uns auch heute noch beschäftigen. Nur über das Handicapsystem hat sich bisher noch kein Redner aufgeregt, aber das kann ja noch kommen. Und der Leitgedanke des ersten Derbyredners war: „Es geht alles, es kostet nur Geld.“ Da hatte er wohl Recht.
Das Verdienst, diese vielen Gedanken, seien es intellektuelle oder auch ganz einfache, vor dem Vergessen bewahrt zu haben, gebührt Peter Brauer, der die Reden gesammelt, redaktionell betreut und eine brillante Einleitung  dazu verfasst hat. Das Konzept und dessen Umsetzung hat Patrick Bücheler erarbeitet.

Die Hamburger Derby-Reden
Die Hamburger Derby-Reden

Hinweis: Der Handicapper Blog macht eine kurze Sommerpause und erscheint wieder am 31. Juli, nach dem Dallmayr-Preis.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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