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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

28,8 Meter, ungefähr

13. November 2019

Die physikalische Welt unterscheidet bekanntlich zwischen genauen und ungenauen Maßeinheiten. Genau definierte Größen sind Meter, Kilogramm oder Ampere, wobei der Meter seit neuestem definiert wird als Länge der Strecke, die das Licht im Vakuum während der Dauer von einer 1/299792458 Sekunde zurücklegt (der Urmeter in Paris hat ausgedient). Daneben gibt es aber noch jede Menge nicht exakte Messgrößen. Ich denke da an das Saarland oder das Fußballfeld als Vergleichsgröße, auch an den gestrichenen Teelöffel in Kochrezepten. Und an das Olf, eine kuriose Maßeinheit für den Geruch, die 1988 vom dänischen Professor Ole Fanger eingeführt wurde. Ein Olf ist die Geruchsbelastung, die von einer erwachsenen Person mit einem Hygienestandard von 0,7 Bädern pro Tag, und einer Hautoberfläche von 1,8 qm bei sitzender Tätigkeit ausgeht.
Deutlich vertrauter, doch gleichwohl auch unpräzise, ist uns die Pferdelänge, denn Pferde sind bekanntlich nicht alle gleich lang. Wer nun glaubt, der Zielrichter ginge mit dem Zentimetermaß an das Zielfoto heran, der irrt. Das wichtigste Instrument zur Bestimmung der Abstände zwischen den Pferden im Ziel ist die Uhr. Dabei werden für eine Sekunde bei normalen Bodenverhältnissen fünf Längen veranschlagt, eine Pferdelänge entspricht dann einer Dauer von 0,2 Sekunden. Am Sonntag beim G3-Herzog von Ratibor-Rennen in Krefeld war der Boden ausgesprochen weich, die Pferde liefen langsamer, und so justierte Zielfotograf Robert Ströbert sein Instrument auf 0,18 Sekunden für eine Länge. Nachdem Wonderful Moon als triumphaler Sieger durchs Ziel gegangen war vergingen 2,26 Sekunden, ehe Schwesterherz als Zweite ankam. Das ergibt einen Vorsprung von 12 Längen oder 28,8 Metern – wenn man von einer durchschnittlichen Länge von 2,4 Meter für ein Rennpferd ausgeht.

Video: Großer Preis von Bamberg - Herzog von Ratibor Rennen (Gr. III) - Sieger: Wonderful Moon

Nun haben wir in dieser Saison ja schon einige überlegene Sieger in großen Rennen erlebt, Ghaiyyath und Nancho zum Beispiel. Doch ein Zweijähriger, der mit einem Dutzend Längen gewinnt, ist noch einmal etwas anderes. Ich gehe nun schon mehr als 50 Jahre zur Rennbahn, ein 12-Längen-Sieger ist mir in einem großen Zweijährigenrennen aber noch nicht untergekommen. Globus hat den Preis des Winterfavoriten einmal mit zehn Längen gewonnen, Dschingis Khan mit neun, Erasmus und Bandit mit acht und Sumitas mit sieben; im Ratibor-Rennen war Hitchcock 1969 mit neun Längen erfolgreich. Bis auf Globus und Erasmus, der bekanntlich gar nicht mehr gelaufen ist, haben diese Pferde auch später noch große Rennen gewonnen und man darf erwarten, dass das bei Wonderful Moon nicht anders sein wird. Auch wenn der eine oder andere in Krefeld nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Form gewesen sein mag, so hat Wonderful Moon gegen respektable Gegner gewonnen, wie ein Pferd hoher Klasse. Auf seine Handicapmarke (bisher 93,5 kg) wird sich das auswirken.
Für die Ausgleicher wird es jetzt darum gehen, die drei herausragenden Zweijährigen dieses Jahres – Alson, Rubaiyat und Wonderful Moon – in eine Reihenfolge zu bringen. Dazu bedarf es auch einer internationalen Abstimmung, die am Freitag dieser Woche auf einer Konferenz über die europäischen Zweijährigen in London erfolgen wird.

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Der Begriff „Halbblut“ ist heutzutage zu Recht kaum noch gebräuchlich. Er hat zwar durch die Harry-Potter-Romane eine neue Bedeutung erlangt, wo ein Halbblut ein Zauberer mit nur einem magisch begabten Elternteil ist – der andere ist ein „Muggel“.

Aber abgesehen davon dürfte das Halbblut nur noch der älteren Generation geläufig sein, die noch Gelegenheit hatte, Bekanntschaft mit Band 38 von Karl Mays Gesammelten Werken zu machen. Auch im Galopprennsport ist der Halbblüter immer seltener anzutreffen, seine Zahl ist so klein geworden, dass die Rennvereine gar keine Halbblutrennen mehr veranstalten. Das war einmal anders. Es hat Jahre gegeben, vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren, da beteiligten sich Hundert und mehr Halbblüter am Renngeschehen, wobei ihre eigentliche Domäne der Hindernissport war. Aber auch auf der Flachen gab es einige herausragende Könner, wie Dompfaff und Dornkaat, die es im GAG auf mehr als 90 Kilo brachten. Über Hindernisse haben vor allem Altmeister, Domherrin, Schwarzwald, Liebesmund, Schwarzwälder und in den 1980er-Jahren Lappländer und Sachsenhain große Rennen gewonnen. Ein ganz besonderes Exemplar seiner Rasse war der 1942 geborene und von Heini Schütz trainierte Altmeister, der zwischen 1947 und 1957 bei 155 Starts auf der Flachen und über Sprünge nicht weniger als 51 Rennen gewann. Gibt es ein Pferd, das häufiger gewonnen hat?
Alle diese Halbblüter hatten eines gemeinsam: Ihr Vater war stets ein Vollbluthengst, Halbblut war die Mutter. Es einmal umgekehrt zu versuchen, schien absurd, zumal die meisten mit besserem Können ausgestatteten Halbblüter Wallache waren. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse, die Volker Schleusner in Mecklenburg-Vorpommern mit seinem Halbblut-Deckhengst Ogatonango erzielt, so erstaunlich, dass die Frage gestellt werden darf, ob nicht die von Schleusner praktizierte Aufzuchtmethode (die Pferde sind an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden auf der Koppel) bei der Entwicklung der Pferde eine größere Rolle spielt, als vielfach angenommen. Denn hatte man die Erfolge von Ogatonangos Sohn Apoleon noch als eine Laune der Natur abgetan, so geht dies jetzt nach dem Sieg von The Tiger im Silbernen Band der Ruhr am vorletzten Wochenende in Mülheim nicht mehr. Dabei waren Ogatonangos Rennleistungen äußerst dürftig (GAG 44 kg) und er war auch schon zehn Jahre alt, als er erstmals an einem Rennen nach den Regeln der Rennordnung teilnahm. Die Vollblutzucht – und in diesem Fall auch die Halbblutzucht – ist und bleibt eben in vielerlei Hinsicht rätselhaft.

The Tiger siegt unter Sibylle Vogt im Silbernen Band; Copyright: Marc Rühl
The Tiger siegt unter Sibylle Vogt im Silbernen Band; Copyright: Marc Rühl

Ich erinnere mich noch gut an The Tigers ersten Start vor mehr als drei Jahren in Bad Harzburg, als sein Besitzer prophezeite: „Der wird noch besser als Apoleon“. Eine Aussage, die ich mit Skepsis aufnahm, erst recht, nachdem The Tiger das Jahr sieglos und mit einem GAG von 50 kg beendet hatte. Aber langsam kletterte er doch nach oben, wobei eine deutliche Vorliebe für lange Distanzen erkennbar war. Die 4000 Meter des Silbernen Bandes waren also genau das Richtige und sind auch die Erklärung für den Leistungssprung im GAG von 69,5 kg auf jetzt 87,5 kg. Es ist anzunehmen, dass er diese Marke nur auf Extremdistanzen zu zeigen in der Lage ist, so dass seinen Einsatzmöglichkeiten in Flachrennen jetzt Grenzen gesetzt sind, zumindest hier in Deutschland. Aber da wir keine nach Distanzen getrennten Handicaps kennen, muss das hingenommen werden.

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Die große Saison ist vorbei. Der Handicapper Blog erscheint daher bis zum Beginn der nächsten Grasbahnsaison nur noch gelegentlich in größeren Abständen.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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