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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt.“

25. September 2019

Eine Woche ist eine lange Zeit im Galopprennsport. Da kann viel passieren. „Die Hoffnungen auf eine Aufwertung des Derbys ruhen jetzt allein auf Laccario und Django Freeman“, schrieb ich vor sieben Tagen. Dazu kann man jetzt nur noch Wilhelm Busch zitieren: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt.“ Django Freeman hat in Australien eine Chip-Operation vor oder vielleicht schon hinter sich, und für Laccario bleiben nach seinem lapidar erklärten Rückzug beim Preis von Europa in diesem Jahr auch nicht mehr viele Startmöglichkeiten, die nächste am 3. Oktober beim G3-Preis der Deutschen Einheit, für den er nachgenannt werden müsste.
Einstweilen muss konstatiert werden, dass bisher keiner der vier Erstplatzierten aus dem diesjährigen Derby anschließend ein Rennen gewinnen konnte und viel Zeit, das noch nachzuholen, bleibt jetzt nicht mehr. Es sieht also wieder einmal nach einem unterdurchschnittlichen Derby aus, was langfristig nicht ohne Folgen bleiben kann.
Die größte Enttäuschung dieses 57. Preises von Europa war ohne Frage das 40 Minuten vor dem Start bekannt gegebene Fernbleiben des Derbysiegers Laccario, ein in dieser Form einmaliger Vorgang im deutschen Rennsport. Andere Mitfavoriten dieses auf dem Papier so stark erscheinenden Starterfeldes liefen wenigstens, wenn auch deutlich hinterher, wie Best Solution und der wieder mit viel Optimismus gesattelte Communique, aber auch der vorjährige Derbysieger Weltstar. Von den deutschen Teilnehmern verdienten sich Amorella und Donjah gute Noten, aber speziell Donjah dürfte die in sie gesetzten hohen Erwartungen doch nicht ganz erfüllt haben. So kam mit Aspetar ein Pferd zum Zuge, das im Vorfeld angesichts der Prominenz anderer Teilnehmer etwas unter das Radar geraten war, und dem man zudem noch eine Vorliebe für weichen Boden nachsagte. Den hatte er in Köln gewiss nicht, aber sein Trainer nahm seine Chance wahr und wurde dafür mit einem leichten Sieg in Rekordzeit belohnt, denn keiner seiner 56 Vorgänger war auf dem Weg zum Sieg schneller unterwegs gewesen.

Video: 57. Preis von Europa (Gr.I) - Sieger: Aspetar

Wie dieses Rennen nun handicapmäßig zu bewerten ist, darüber kann es kaum zwei Meinungen geben, allenfalls ob für den leichten Sieg vier oder fünf Pfund zu veranschlagen sind. Ich habe mich für fünf entschieden, und da sich als Ausgangspunkt für die Rechnung die Zweitplatzierte Amorella mit ihren 94 kg aus dem G2-Zastrow-Rennen in Iffezheim geradezu anbietet, kommt Aspetar auf eine neue Marke von 98 kg (Rating 116). Das ist für ihn eine neue Bestmarke, nach seinem Sieg im G2-Grand Prix de Chantilly hatte ich ihn bei 96,5 kg stehen, sein offizielles Rating in England war sogar noch ein Pfund niedriger. Donjah konnte ihre Marke von 93 kg geringfügig auf 93,5 kg steigern. Sie ging die stramme Pace von Royal Youmzain mit und es war abzusehen, dass sie früh, vielleicht zu früh in Front geraten würde. Verwundern mussten erneut die großen Abstände, die sich hinter Donjah auftaten, denn wie schon in Iffezheim kamen auch diesmal die Teilnehmer über die halbe Zielgerade verstreut durchs Ziel, so wie man es eigentlich nur bei Rennen auf tiefem Geläuf erlebt. Aber weder in Iffezheim noch in Köln hatte es geregnet, in Köln war der Boden sogar sehr schnell. Merkwürdig.
Dieser Preis von Europa mit seinen Begleitumständen lässt einen also etwas ratlos zurück. Leider gerät auch der Gruppe-I-Status des Rennens jetzt schwer in die Bedrouille, denn es steht beim European Pattern Committee auf der Liste der gefährdeten Rennen. Die Vorgabe für den Erhalt des Elite-Status kann kaum noch erreicht werden, so dass es im Januar in Paris zu einer Mehrheitsentscheidung über den Verbleib des Preises von Europa im Kreis der Gruppe-I-Rennen kommen kann.

* * *

„Wo kommen wir denn hin, wenn die Dummen die Ausgleiche gewännen“. Das ist ein Zitat, das in weit zurückliegender Zeit einmal einem prominenten, auf Handicaps spezialisierten Trainer in den Mund gelegt wurde. Der Trainer des jetzt sechsjährigen Wallachs Ricardo gehört gewiss nicht zu den Dummen, denn was Ricardo seit geraumer Zeit zeigt, ist ohne Beispiel. Am Sonntag in Köln gewann er sein neuntes Handicap seit dem 27. Mai vorigen Jahres, als er mit einer Marke von 44 kg seine Siegesserie startete. Inzwischen ist Ricardo bei 84,5 kg angekommen, eine Steigerung von 40,5 kg, ausschließlich in Ausgleichsrennen. Wenn er so weitermacht, hat er bald das gesamte deutsche Ausgleichersystem durchmessen, das Handicapstarts von 44 kg bis ungefähr 90 kg erlaubt.
Angesichts seines jetzt offenbar gewordenen Könnens muss man sich fragen, wie das Pferd überhaupt zu so einer geringen Einschätzung von 44 kg kommen konnte, denn tiefer geht es im deutschen Handicap nicht, das ist der Keller. Ich kann dazu nur sagen, dass Ricardo sich diese Marke nach seinen ersten gezeigten Leistungen redlich verdient hatte, denn im Sommer 2017 – da war er vier Jahre alt – ließ er bei seinen ersten drei Starts von 30 Gegnern gerade einmal vier hinter sich. Da blieb nicht viel mehr übrig, als am Jahresende eine Marke von 45 kg zu vergeben. Damit stieg Ricardo im folgenden Frühjahr in Köln ins Handicap ein, wurde zu einer Eventualquote von 187:10 Sechster und bekam noch ein Kilo Nachlass. Umso überraschender dann der Fünf-Längen-Sieg drei Wochen später in Düsseldorf gegen elf Gegner und zu einer Siegquote von 37:10. Honi soit qui mal y pense, kann man da nur sagen. Aber manche Pferde sind eben Spätstarter.
Damit hatte Ricardo den Fahrstuhl nach oben betreten, es folgten acht weitere Handicapsiege, alle auf Gras und nur gelegentlich unterbrochen durch drei zweite Plätze und – tatsächlich – einen sechsten Platz. Eine Steigerung von 40,5 kg innerhalb von anderthalb Jahren ist ohne Beispiel und in den letzten 30 Jahren nicht vorgekommen, ob früher einmal, kann ich nicht sagen. An Pferden, die in kurzer Zeit durch die Handicaps gelaufen sind und damit Steigerungen von 20 Kilo oder mehr durchgemacht haben, fallen mir Quijano (+29,5 kg), Northern Rock (+26), Lamantan (+25), Itobo (+24,5), Mike Stone (+23), Maistro (+21), Los Campanos (+21) und Pagan Warrior (+20) ein, wobei diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Ricardo siegt unter Rene Piechulek; Copyright: Marc Rühl
Ricardo siegt unter Rene Piechulek; Copyright: Marc Rühl

Der Handicapper Blog macht nächste Woche Pause und kommt wieder in der Woche nach dem Prix de l´Arc de Triomphe.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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