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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

"Alles schon dagewesen"

11. September 2019

N

achdem sich der Staub, den der 147. Longines Großer Preis von Baden aufgewirbelt hat, langsam wieder gelegt hat, will ich noch einmal auf dieses Ereignis zu sprechen kommen. Es war ja wirklich ein Ereignis, wie Ghaiyyath das Rennen gewann und es musste jeden begeistern, für den Pferderennen auch etwas mit Leistung zu tun haben und mehr sind, als ein Glücksspiel, bei dem es vor allem darauf ankommt, die richtige Voraussage zu treffen. Das war auch in Iffezheim deutlich zu spüren, der Sieger wurde bejubelt, wie selten ein Sieger zuvor. Dabei rückte in den Hintergrund, dass der als Favorit gestartete Derbysieger Laccario bei seinem ersten Auftritt seit seinem Triumph in Hamburg-Horn eine, wie man wohl sagen muss, vernichtende Niederlage hinnehmen musste. Zum Sieg fehlten ihm nicht weniger als 18 ¼ Längen, was bedeutet, dass Laccario in Baden lediglich auf eine Leistungszahl von 91,5 kg kommt, sechs Kilo weniger als bei seinem Derbysieg.
Das muss aber keine Katastrophe sein, denn ähnliches ist vorher auch anderen guten, sogar sehr guten Pferden schon passiert. Ich erinnere nur an das Deutsche Derby 2014, in dem der Mehl-Mülhens-Sieger Lucky Lion als Zweiter elf Längen hinter Sea The Moon einkam, aber schon drei Wochen später im Dallmayr-Preis einen nicht für möglich gehaltenen Sieg gegen den späteren Champion Stakes-Sieger Noble Mission herausholte. Oder Excelebration, auch er Mehl-Mülhens-Sieger, der, nachdem er in den Queen Anne Stakes von Frankel mit elf Längen abgefertigt wurde, anschließend zuerst den G1-Prix Jacques le Marois und danach überlegen die G1-Queen Elizabeth II. Stakes in Ascot gewann, was ihm schließlich die enorme Marke von 130 (105 kg) einbrachte. Es spricht also nichts dagegen, und ich erwarte es sogar, dass Laccario, sollte er am übernächsten Sonntag im Preis von Europa antreten, eine ganz andere Vorstellung zeigen und seine Derbyleistung einstellen oder sogar übertreffen wird. Voraussichtlich muss er dann Donjah schlagen, also jene Stute, die in Iffezheim viereinviertel Längen vor ihm einkam. Das ist vielleicht sogar das Beste an der Iffezheimer Demütigung, dass die Besitzer von Donjah und Laccario jetzt so schnell wie möglich zeigen wollen, dass ihre Pferde unter Wert geschlagen wurden. So können wir uns wohl auf den interessantesten Preis von Europa seit Jahren freuen.

Die zweiteplatzierte Donjah und der drittplatzierte Derbysieger Laccario, beim Zieleinlauf vom diesjährigen Großen Preis von Baden. Copyright: Marc Rühl
Die zweiteplatzierte Donjah und der drittplatzierte Derbysieger Laccario, beim Zieleinlauf vom diesjährigen Großen Preis von Baden. Copyright: Marc Rühl

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Wenn ein Pferd wie Ghaiyyath den Großen Preis von Baden mit 14 Längen Vorsprung gewinnt, dann taucht sofort die Frage auf, ob so etwas schon einmal dagewesen ist. An Ort und Stelle konnte die Frage so schnell nicht geklärt werden. Nur so viel war herauszukriegen, dass die sieben Längen, mit denen Lomitas 1991 gegen seinen Derbybezwinger Temporal siegte, bis ins Jahr 1904 zurück weder erreicht noch übertroffen worden waren. Wieder zuhause bin ich dann aber doch in den Keller gestiegen und habe die alten Rennkalender bis zum ersten Großen Preis im Jahre 1858 durchforstet. Und tatsächlich: Das alte, heute nur noch wenig verbreitete Zitat des Rabbis Ben Akiba „Alles schon dagewesen“ aus einem Drama des heute vergessenen Dichters Karl Gutzkow, erweist sich auch hier wieder einmal als richtig. Es war 1871, die Deutschen befanden sich gerade in Siegesstimmung, denn sie hatten die Franzosen besiegt, als am 4. September, einem Montag, der 14. Große Preis von Baden gelaufen wurde.
Das Rennen hatte in einigen Punkten Ähnlichkeiten mit dem diesjährigen, denn eines der besten Pferde aus England, der vierjährige Monseigneur im Besitz des Duke of Hamilton trat gegen den deutschen Derbysieger (allerdings des Vorjahres) Adonis an. Die zwei oder drei anwesenden englischen Buchmacher boten für Adonis 16:10, Monseigneur galt mit 25:10 als starker Gegner. Am Ende des damals noch über 3200 Meter führenden Rennens hatte Monseigneur 15 Längen Vorsprung vor Adonis, was in der deutschen Sporting-Welt Entsetzen hervorrief. Man gab der Hoffnung Ausdruck, dass beide Pferde diese Formen künftig bestätigen bzw. richtigstellen würden (Adonis tat dies, Monseigneur eher nicht), ansonsten, so der „Sporn“, „sinken wir zurück in nichtssagendes Niveau.“ Der Trainer des deutschen Pferdes deutete damals an, dass Adonis nicht ganz fit an den Start gekommen sei (und sprach nicht auch Laccarios Trainer auf seiner Website von einem kleinen Bäuchlein bei seinem Pferd?). Von Interesse mag vielleicht noch sein, dass Monseigneur zwei Jahre später für 9000 Pfund von Baron Eduard von Oppenheim angekauft wurde und als erster Deckhengst in das fünf Jahre zuvor gegründete Gestüt Schlenderhan Einzug hielt.

Ein Bild des 15-Längen-Siegers Monseigneur aus dem Großen Preis von Baden von 1871. Quelle: Gestütsarchiv Schlenderhan
Ein Bild des 15-Längen-Siegers Monseigneur aus dem Großen Preis von Baden von 1871. Quelle: Gestütsarchiv Schlenderhan

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Mit dem Zukunfts-Rennen hatten die Zweijährigen in Iffezheim ihr erstes Black-Type-Rennen in diesem Jahr. Am vorigen Sonntag in Düsseldorf ging es mit dem Engel & Völkers-Junioren-Preis weiter, fünf weitere folgen noch bis Saisonende. Der Junioren-Preis hat ja schon eine recht lange Tradition, mit diesem Titel gibt es ihn seit Mitte der 1950er-Jahre, davor hieß er Cherusker-Preis, hatte aber weniger Bedeutung. Die Siegerliste der letzten 30 Jahre kann sich sehen lassen und steht der des Preises des Winterfavoriten nicht viel nach, der des Zukunfts-Rennens sowieso nicht.
Sieger aus den letzten Jahren waren u.a. Alounak, Noor al-Hawa und Energizer, Soldier Hollow, Sumitas, Eden Rock und Surako, unvergessen auch die Jahre 1990 bis 1992, als nacheinander die Ausnahmegalopper Lomitas, Platini und Lando gewannen. Wo Rubaiyat, der jüngste Sieger, einmal anzusiedeln sein wird, steht in den Sternen. Aber beim Sieg gegen ein flottes englisches Pferd aus dem Johnston-Stall bestätigte er den guten Eindruck, den er zuvor als 6-Längen-Sieger beim Debüt gemacht hatte. Um auf die ihm zugesprochene Marke von 88,5 kg (Rating 97) zu kommen, mussten wir auch die platzierten Pferde etwas anheben, aber so etwas ist gerade bei Rennen für den jüngsten Jahrgang nicht ungewöhnlich. Das Durchschnittsrating der Sieger im Junioren-Preis in den fünf Jahren zuvor beträgt 89 kg. Mit Alson (93,5), Schwesterherz (89,5) und Rubaiyat (88) stellt der inzwischen 24-jährige Deckhengst Areion drei der vier derzeit am höchsten eingeschätzten Zweijährigen, dazu kommt noch die anscheinend sehr talentierte Alison (82 kg).

Video: Grosser Preis von Engel & Völkers Düsseldorf Junioren Preis (L) - Sieger: Rubaiyat

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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