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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Annus horribilis

6. November 2019

In einer Fernsehansprache am 24. November 1992 bezeichnete Queen Elizabeth II. das Jahr 1992 als ihr annus horribilis, ihr Schreckensjahr. Auf öffentlichen Druck musste sie sich für steuerpflichtig erklären, in der königlichen Familie ging es drunter und drüber und schließlich brannte auch noch ein Teil von Windsor Castle ab. Seitdem hat sich dieser Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch festgesetzt. Ob Börsenanleger, Klimaschützer oder Versicherer – wenn es schlecht läuft ist vom annus horribilis die Rede. Auch der deutsche Galoppsport steht jetzt vor dem Ende eines solchen Horrorjahres, jedenfalls was seine sportliche Bilanz angeht. Denn nach der Entscheidung des G1-Waldgeist-Großen Preis von Bayern steht fest, dass in diesem Jahr alle fünf international besetzten deutschen Gruppe-I-Rennen von im Ausland trainierten Pferden gewonnen wurden. Der Dallmayr-Preis von Danceteria, der Große Preis von Berlin von French King, der Große Preis von Baden von Ghaiyyath, der Preis von Europa von Aspetar und jetzt, am vorigen Sonntag, auch noch der Große Preis von Bayern von Nancho. Deutsche Pferde waren nur im Derby und in der Diana erfolgreich, aber da waren sie auch unter sich. Einen solchen Totalverlust hat es seit Einführung des europäischen Grupperennen-Systems im Jahre 1972 noch nie gegeben. Und das ist noch nicht alles: Auch von den zehn international besetzten Gruppe-II-Rennen konnte nur der T. Von Zastrow-Stutenpreis durch Amorella im Lande gehalten werden, im Übrigen hießen die Sieger zweimal French King, Raa Atoll, Fox Champion, Main Edition, The Revenant, Robin Of Navan, Royal Intervention und Vintager.
Diese Entwicklung deutete sich schon im Vorjahr an, als die alten Leistungsträger Iquitos, Dschingis Secret und Guignol abtraten und bei den jungen Pferden kein gleichwertiger Ersatz in Sicht war. Dass es aber so schlimm kommen würde, dazu reichte die Fantasie dann doch nicht aus. Schon die Frage, wer denn nun „Galopper des Jahres“ werden soll, bringt einen in Verlegenheit. Ich tippe mal auf einen Zweijährigen (was es bisher erst einmal in der deutschen Rennsportgeschichte gegeben hat, 1978, als Esclavo gewählt wurde). Nun kommt es immer wieder einmal vor, dass eine Leistungszucht wie die der Vollblüter in eine Talsohle gerät. Das ist an sich nicht dramatisch, solange sie daraus nur irgendwann wieder herausfindet und wieder Pferde internationaler Klasse hervorbringt. So wie in den Jahren zwischen 2011 und 2013, als Galopper wie Danedream, Novellist und Pastorius große Rennen in England und Frankreich gewannen. Um im Bild zu bleiben, waren das anni mirabilis für den deutschen Rennsport, also Wunderjahre.
Auf den Waldgeist-Großen Preis von Bayern hatte man schon vorher mit etwas Sorge geblickt. Das Rennen versprach aufgrund seiner Ausgeglichenheit zwar spannend zu werden (was es dann auch wurde), allerdings war ein gewisser Mangel an Klasse schon offensichtlich. Die Hoffnungen ruhten nach dem überzeugenden Sieg in Mailand vor allen auf Donjah, aber das anstrengende Pensum, das man ihr in den letzten Wochen verordnet hatte, mahnte doch zur Vorsicht und war vielleicht auch der Grund dafür, dass ihr fünfter Platz ein Rückschritt gegenüber ihren Leistungen zuvor war. Sie bleibt aber eine der Hoffnungen für die kommende Saison. Für Nancho war das Rennen eine Standortbestimmung. Sein Sieben-Längen-Sieg in Iffezheim war ja nur schwer in Relation zu bringen, und hinter den 95 kg, die wir ihm dafür gegeben hatten, stand doch ein Fragezeichen. Jetzt hat der Ungar diese Leistung glänzend bestätigt. Der Trost daran ist, dass er ein rein deutsch gezogenes Pferd ist.

Video: Waldgeist - Grosser Preis von Bayern (Gr.I) - Sieger: Nancho

An den sportlichen Wert der vergangenen fünf Jahre kommt dieser Große Preis von Bayern allerdings nicht heran. Seit das Rennen im Jahre 2014 vom Sommer in den Herbst verlegt wurde, haben mit Ivanhowe, Ito, zweimal Guignol und Iquitos Klassepferde gewonnen, deren Sieg jedes Mal zwischen 99 und 100 Kilo wert gewesen ist.

Diesmal war für den Sieg deutlich weniger nötig. Über die beiden englischen Stuten auf den Plätzen zwei und vier, Manuela da Vega und Antonia da Vega, lässt sich für Nancho zuverlässig eine Marke von 96 Kilo errechnen. Für ein Gruppe-I-Rennen ist das wenig und für Nancho vielleicht auch die Grenze, jedenfalls über die Distanz von 2400 Meter. Ein neuer Overdose ist er (noch) nicht. Seine Bilanz von zehn Siegen aus den letzten elf Rennen bleibt aber bemerkenswert.

* * *

Der vor 175 Jahren entstandene „Struwwelpeter“ des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann erfreut sich weiter ungebrochener Beliebtheit in den Kinderzimmern. Aber kaum ein Kinderbuch hat im Laufe der Zeit so viele politische Adaptionen erlebt. So erschien um 1900 ein Reichstags-Struwwelpeter, der sich Sorgen um eine stark gewordene Sozialdemokratie machte („Noch vor 25 Jahr / der Sozi wie ein Fädchen war“). In einem Kriegs-Struwwelpeter tauchte der Bombenpeter auf, und im Wahl-Struwwelpeter des Jahres 2000 gab Gregor Gysi den Zappelphilipp („Kannst du nicht horchen und nicht gucken? / Drauf muss der Gregor noch mehr rucken“), während Helmut Kohl gegen den wilden Schröderich kämpfen musste. Auch in der DDR erschien eine Neufassung, in der vor den Gefahren westlicher Lebensart gewarnt wurde. Die Zeile „Und noch mitternächtlich spät / hockte Frank vorm Bildgerät“, finde ich besonders schön. Daran musste ich wieder denken, als am Wochenende im kalifornischen Santa Anita die Rennen um den Breeders' Cup entschieden wurden. Es war also wieder Nachtschicht angesagt, aber ehrlich gesagt, ich bin nach dem Breeders' Cup Turf, also kurz vor ein Uhr, ins Bett gegangen. Das letzte Rennen um das „Classic“ habe ich mir beim Frühstück als Aufzeichnung angesehen.
Das lag auch daran, dass das „Classic“, mit sechs Millionen Dollar das wertvollste der insgesamt 14 Rennen mit einer Dotierung von einer Million Dollar oder mehr, diesmal weniger spannend besetzt war als in manchem Jahr zuvor; zumindest für mein Empfinden. Mit Vino Rosso gab es dann doch einen durchaus bedeutenden Sieger. Er ließ den Favoriten McKinzie viereinhalb Längen hinter sich und damit ein Pferd, das in der aktuellen Weltrangliste mit einem Rating von 121 (100,5 kg) an 19. Stelle auftaucht. Doch sollte man Vino Rosso jetzt nicht gleich zum besten Pferd der Welt ausrufen – was man mathematisch tun könnte. Die Sandrennen in Amerika produzieren häufiger große Abstände und ich bin etwas zurückhaltend damit, in solchen Fällen die übliche Formel „eine Länge = ein Kilo“ anzuwenden. Ich habe Vino Rosso vorerst bei 126 (103 kg) platziert, zwei Pfund weniger als Waldgeist, Enable und Crystal Ocean.
Bis zum Rennen um den Breeders' Cup Turf habe ich aber, wie gesagt, vor dem Bildschirm ausgehalten, denn Alounak wollte ich doch live erleben. Es ist wohl tatsächlich so, dass er seit 1997 (als Borgia Zweite wurde) das erste Pferd aus Deutschland ist, das in diesem Rennen gelaufen ist. Seine Leistung als Fünfter von 12, keine zweieinhalb Längen geschlagen, war aller Ehren wert und wird ihm eine neue Bestmarke einbringen, ich denke da an 97 kg (114). Für einen winzigen Moment, einen Wimpernschlag lang, schien sogar ein Sieg möglich. Aber die letzten 100 Meter wurden dann doch zu weit. Bricks and Mortar, der Sieger, ist in Amerika sehr populär, obwohl er ein Graspferd ist. Bei allen sechs Starts in diesem Jahr hat er nun gewonnen, sein Rating liegt aber – auch aus Mangel an ebenbürtigen Gegnern – bei eher durchschnittlichen 120 (100 kg). Trotzdem werden ihm jetzt gute Chancen als Amerikas „Pferd des Jahres“ eingeräumt.

Video: Breeders' Cup 2019 Turf - Winner: Bricks and Mortar

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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