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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Ein Jährling ist keine sichere Geldanlage

24. Oktober 2018

Ein Jährling ist keine sichere Geldanlage, das soll hier noch einmal gesagt sein. Für die Altersvorsorge denkbar ungeeignet. The Green Monkey zum Beispiel war gerade ein paar Wochen aus dem Jährlingsalter heraus, als er im Januar 2006 für 16 Millionen US-Dollar in Florida als teuerstes ungeprüftes Pferd aller Zeiten an John Magnier ging. Nach drei erfolglosen Starts und einer Gewinnsumme von $10.440 verließ er den Rennstall. Oder Snaafi Dancer, der 1982 die Rekordsumme von $10,2 Mio. kostete (bis heute nur einmal übertroffen), im Training aber so langsam war, dass man der Öffentlichkeit einen Start nicht zumuten wollte.
Natürlich gibt es auch das Gegenteil davon, dass nämlich Pferde, die billiger waren als ein Kleinwagen und Derbysieger wurden wie Philipo, oder die Millionen einbrachten wie Danedream.

Damit die Auktionsveranstalter ihren Kunden bei all diesen Unwägbarkeiten zumindest in Teilen eine schnelle Rendite ihrer Anlagen in Aussicht stellen können, wurden die Auktionsrennen erfunden. Anfangs nur wenige, dann immer mehr und heute sind es 17, allein im deutschen Rennsport. Das wertvollste davon ist immer das BBAG-Auktionsrennen für Zweijährige, auch bekannt unter dem Namen Ferdinand Leisten-Memorial. Ferdinand Leisten war ja eine große und bekannte Persönlichkeit im deutschen Galoppsport. Schon in den 1950er-Jahren veranstaltete er Auktionen und war als Auktionator tätig, später habe ich lange Jahre Auktionskataloge für diese Veranstaltungen ausgearbeitet. Damals, als es noch keine Computer gab, eine zeitraubende Arbeit.

Das Ferdinand Leisten-Memorial also ist das bedeutendste der 17 Auktionsrennen in Deutschland, mit 200.000 Euro sogar das am vierthöchsten dotierte Galopprennen des Landes, nach Derby, Diana und Großer Preis von Baden. Für den Handicapper ist dieses Rennen allerdings, so wie alle Auktionsrennen, häufig ein Albtraum, da hier oft Pferde ganz unterschiedlichen Könnens am Start sind und man nicht recht weiß, wo man bei der Berechnung des Rennens ansetzen soll. Hilfreich war diesmal der englische Gast Julius Limbani, der im Sommer zweimal Leistungen zeigte, die über 85 kg lagen, daran zuletzt in Frankreich aber nicht mehr ganz anknüpfen konnte. Die dort in Craon gezeigte Leistung von 82 kg haben wir übernommen, so dass für den Sieger Ramazotti ein GAG von 86 kg (Rating 92) herauskommt, für den Zweiten Accon 83 kg. Das kann zu wenig sein, aber die nachfolgenden Pferde kamen bis hinunter zum zehnten Platz in dichten Abständen ins Ziel. Hätten wir das Rennen zwei bis drei Kilo höher angesetzt, wäre ein halbes Dutzend Pferde, die bisher kaum über 70 kg hinausgekommen sind, bis an die 80 kg herangelaufen oder sogar darüber hinaus. Die Erfahrung sagt, dass dies unwahrscheinlich ist.

Ramazotti, Copyright: Marc Rühl
Ramazotti, Copyright: Marc Rühl

86 Kilo sind für einen Sieger dieses Rennens leicht unterdurchschnittlich. Seit das Rennen in Iffezheim gelaufen wird, seit 2004 also, war das Rating acht Mal höher, sieben Mal gleich hoch oder niedriger. Vor 2004 fand das Rennen in Dortmund statt, ebenfalls 15 Mal, so dass es inzwischen schon 30 Entscheidungen in diesem großen Auktionsrennen gegeben hat. Aus der Dortmunder Zeit stammen auch die beiden einzigen Derbysieger in der Siegerliste, Next Desert und Dai Jin, auch der großartige Tiger Hill. Die bekanntesten Sieger in Iffezheim waren Zazou, Tai Chi, Wake Forrest und Millowitsch. Aber auch viele heute kaum noch bekannte Sieger hat es gegeben. Oder kennt heute noch jemand Drakkar Noir, Naxon oder Smokejumper. Auch sie haben gewonnen, aber Auktionsrennen sind eben etwas ganz Besonderes.

* * *

Wenn eines der ganz großen Rennen dieser Welt gelaufen wird, so hat man bestimmte Vorstellungen über dessen Ausgang. Leider stimmt diese Vorstellung später fast nie mit der Realität überein. Irgendetwas läuft immer schief. Murphys Gesetz. Oder (5 Euro in das Phrasenschwein): Pferderennen sind keine Wunschkonzerte. Immer findet man als Handicapper ein Pferd, das da, wo es in der Ergebnisliste steht, nicht hingehört, eines, das das Rennen „kaputt macht“. Wie jetzt wieder in den G1-Qipco Champion Stakes am Samstag beim British Champions Day. Cracksman gewinnt mit sechs Längen gegen Crystal Ocean. Wunderbar, Frankels Wiederauferstehung. Und dann? Dann sieht man als Dritten den Namen Subway Dancer. Wer ist das? Sechsjähriger Wallach, trainiert in der Tschechischen Republik von Zdeno Koplik. Bestes Rating in diesem Jahr 108 (94 kg), im Vorjahr immerhin 112 (96 kg). So einer kann doch nicht bis auf eine Länge an Crystal Ocean heranlaufen, in der aktuellen Weltrangliste die Nummer vier! Doch, kann er. Und der Handicapper muss damit fertig werden.

Video: Qipco Champion Stakes (Gr.I), Ascot - Sieger: Cracksman

Erst einmal etwas Wichtiges: Cracksman hat nicht mit sechs Längen gewonnen, wie es im offiziellen Richterspruch steht, sondern mit sieben. Mindestens. Dass solche Ungenauigkeiten passieren, darauf hatte ich kürzlich schon hingewiesen, es liegt an der Umrechnung vom Zeit- ins Längenmaß. Also sieben Längen und das mit einem jubelnden Dettori auf den letzten 80 Metern. Das macht schon einmal zwei oder drei Pfund mehr Abstand bis zu den Anderen, denn geht es darum, das Rating von Subway Dancer – nein, nicht so niedrig zu halten wie möglich – sondern auf ein Niveau zu bringen, das für dieses Pferd angemessen und glaubhaft erscheint, angesichts seiner Leistungen bei 26 Starts zuvor. Hier gehen die Meinungen auseinander, auch unter den Handicappern, die dem World Ranking Komitee angehören. Bei mir verbessert sich Subway Dancer gegenüber seinem aktuellen Rating um sieben Pfund auf 115 (97,5 kg) und drei Pfund gegenüber seinem bisherigen All-time-High aus dem Jahre 2017. 

Aber auch tschechische Pferde können sich stark verbessern. Ich erinnere nur an Darsalam, der 2005 im G1-Rheinland-Pokal siegte und sogar auf ein Rating von 98,5 kg kam. Also 97,5 kg für Subway Dancer, für Crystal Ocean ergeben sich nach dieser Rechnung 116 (98 kg). Die Überlegenheit von Cracksman ist 14 Pfund wert, so dass er wieder auf 130 (105 kg) kommt – wie schon bei seinem Vorjahressieg in diesem Rennen, als er ebenfalls sieben Längen Vorsprung hatte. Mit einem Rating von 130 schließt Cracksman zu Winx an der Spitze der Weltrangliste auf. Diese Winx wird am kommenden Samstag versuchen, ihr viertes Cox Plate zu gewinnen und ihr Rating vielleicht noch zu verbessern. Aber dazu müsste sie schon mit mehreren Längen gewinnen – vielleicht sogar gegen Benbatl, den Sieger des Münchner Dallmayr-Preises. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Aber: siehe oben.

 

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