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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Unterwegs mit dem Derbyzug

13. Juni 2019

Jedes Jahr im Frühjahr setzt sich der Derby-Zug in Bewegung. Nicht der Derby-Zug, von dem gelegentlich zu lesen ist, wenn er von den „Ultras“ eines Fußballklubs auf der Rückreise vom benachbarten Rivalen wieder einmal verwüstet wurde. Nein – unser Derby-Zug ist ganz friedlich. Er startet jedes Mal in Krefeld und fährt dann über München, Baden-Baden, Köln, Düsseldorf und Hannover in Richtung Hamburg. Unterwegs lösen einige noch Fahrkarten für die Mitfahrt, andere springen einfach auf. Viele schaffen es auch nicht und der Zug fährt entweder ohne sie ab oder sie müssen sogar aussteigen. Immer wieder sieht man auch Schwarzfahrer, die eigentlich gar keine Berechtigung zur Mitfahrt haben, doch solange der Zug nicht überfüllt ist, wird nicht kontrolliert.

Die Derbystarter kurz nach dem Start - IDEE 149. Deutsches Derby Gr.1; Copyright: Marc Rühl
Die Derbystarter kurz nach dem Start - IDEE 149. Deutsches Derby Gr.1; Copyright: Marc Rühl

Man weiß nicht genau, woher der Vergleich mit dem Zug stammt, dem man so häufig in den Medien begegnet; wahrscheinlich aus einer Zeit, als Rennpferde noch mit der Eisenbahn transportiert wurden. Wir bleiben in diesem Bild und stellen fest, dass nach dem 184. Sparkasse Köln/Bonn Union-Rennen am Pfingstmontag in Köln das Gestüt Ittlingen mit Laccario den Platz im Führerstand des Derby-Zuges eingenommen hat. Laccario hat also weitergemacht, womit er zuletzt in Düsseldorf aufgehört hatte, nämlich mit einer enorm kraftvollen Vorstellung, die man diesem Hengst mit seiner allenfalls mittleren Statur gar nicht zutraut. Er kompensiert das jedoch mit einer unerhört effektiven Aktion, mit der er sich von einem Augenblick auf den anderen auf eine Geschwindigkeit bringt, die seine Gegner nicht mitgehen können. Speed nennt man das, und das ist Beste, was ein Rennpferd haben kann. Wir Handicapper waren denn auch genügend beeindruckt und haben den Sieg mit 96,5 kg (Rating 113) bewertet, wobei wir den Zweitplatzierten Django Freeman (94,5 kg) zum Maßstab genommen haben. Das ist die dritthöchste Marke für einen Union-Sieger seit es Ratings für dieses Rennen gibt (seit 1988), nur Novellist und Sea The Moon erhielten mit 97 Kilo geringfügig mehr, Lavirco und Ivanhowe kamen wie Laccario auf 96,5. Um dieses Rating richtig einordnen zu können, muss man wissen, dass es in diesem Jahr in den Vorbereitungsrennen zu den europäischen Derbys nur drei Pferde gab, die höhere Marken erreicht haben als Laccario. Das waren Sir Dragonet in der Chester Vase (97,5 kg), Telecaster in den Dante Stakes (97,5 kg) und Broome in den Ballysax Stakes (97 kg). Für die Qualität dieses Union-Rennens spricht auch die schnelle Zeit von 2:14,31 Minuten, die in 184 Jahren nur vier Mal unterboten worden ist.

Video: Köln Sparkasse KölnBonn Union Rennen 2019 (Gr. II) - Sieger: Laccario

Seit 1947 wird das Union-Rennen in Köln gelaufen und jeder vierte Sieger hat danach auch das Derby gewonnen. Das mag manchem wenig erscheinen, und doch ist das eine Quote, an die kein anderes Derbytest-Rennen herankommt. Von den 72 Kölner Union-Siegern seitdem haben es 66 auch an den Derbystart gebracht, 17 davon konnten gewinnen, acht wurden Zweiter, vier Dritter und neun Vierter. Von den sechs Union-Siegern, die nicht im Derby gelaufen sind, waren Mohikaner, Domador und Waltz verletzungsbedingt nicht dabei, Mandelbaum wurde krank, Sabiango und Axxos waren aufgrund unpassender Bodenverhältnisse Nichtstarter. Die Erfahrung lehrt also, dass die Chancen für Laccario auf einen Derbysieg bei 1:4 liegen, was ungefähr auch der Quote entspricht, die die Wettfirmen derzeit anbieten. Verwandtschaftlich ist Laccario stark vorbelastet, seine dritte Mutter Laurea brachte bekanntlich mit Lando und Laroche zwei aufeinander folgende Derbysieger und auch deren beider Schwester La Donna hat es ins Derbyfeld gebracht, wurde 1998 Sechzehnte.

Video: Deutsches Derby 1993 - Lando - SportWelt TV

Während es der Derby-Zug in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat, hat von einem Diana-Zug noch niemand etwas gehört. Das liegt vielleicht auch an den wechselnden Destinationen, denn in den letzten 20 Jahren hat die Diana drei Mal den Austragungsort gewechselt – auf Mülheim folgten zweimal Hamburg und danach Düsseldorf. Nach der Union ist die Diana unser zweitältestes Rennen und wurde 90 Jahre lang in Berlin gelaufen. Dort, in Hoppegarten, gibt es seit 2009 immerhin wieder ein Diana-Trial, das dort am Pfingstsonntag zum elften Mal entschieden wurde. Well Timed konnte im vorigen Jahr als Erste nach dem Diana-Trial auch die Diana gewinnen, ein Doppel, das natürlich jetzt auch für Akribie angestrebt wird. Ihr Sieg wirkte sehr überzeugend, im Stil ähnlich dem vom Axana im Kölner Schwarzgold-Rennen, in dem Akribie als Fünfte etwas unter den Erwartungen geblieben war. Das hat sie jetzt richtig gestellt und eine Leistung gezeigt, für die wir 93 kg (Rating 106) gegeben haben. Diese Marke ergibt sich über die Zweitplatzierte Satomi, deren Leistung aus den German 1000 Guineas (90,5 kg) wir als Grundlage für unsere Rechnung genommen haben.

In ihrem Stall genießt Akribie offenkundig hohe Wertschätzung, denn sie bekam vorgestern als einzige deutsche Stute neben Donjah eine Nennung für den Großen Preis von Baden. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg und die Nennung zielt ja auch auf eine Kampagne nach dem Henkel-Preis der Diana am 4. August. Vorher bietet sich für Akribie noch ein Start in Hamburg am 6. Juli in der Mehl-Mülhens-Trophy an, zeitlich ein ideales Bindeglied zwischen Diana-Trial und Diana. Trotzdem ist in den letzten acht Jahren mit fünf Stuten lieber eine Pause von acht, in einem Fall sogar neun Wochen in Kauf genommen worden und auch jetzt äußerte sich der Trainer von Akribie in diese Richtung. Ich will ja nicht den Besserwisser spielen, aber manchmal kommen mir doch gewisse Zweifel, ob es wirklich sein muss, voll in Form befindliche Pferde in der besten Jahreszeit zwei Monate im Stall stehen zu lassen. (Heinz Jentzsch würde sich im Grabe umdrehen.) Auch für das Publikum ist es schade, denn es bekommt unsere besten Pferde ohnehin viel zu selten zu sehen. Und nicht zuletzt braucht das Diana-Trial als Gruppe-II-Prüfung derzeit Chancen zur weiteren Profilierung, denn in den beiden letzten Jahren wurde das erforderliche Durchschnittrating von 92,5 kg für die ersten vier Pferde deutlich verfehlt, so dass – sollte das diesmal wieder passieren – das Rennen auf der roten Liste erscheinen und von einer Herabstufung bedroht sein könnte.

Akribie siegt unter Adrie de Vries im Diana Trial, Gr.II; Copyright: Marc Rühl
Akribie siegt unter Adrie de Vries im Diana Trial, Gr.II; Copyright: Marc Rühl

Der Handicapper Blog machte eine kurze Pause und erscheint in 14 Tagen wieder, dann wie gewohnt am Mittwoch.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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