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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Sonne in der Hauptstadt und ein nicht aufzuhaltender Tiger

10. April 2019

Immer wieder einmal hört man ja von Städten mit zum Teil merkwürdigen Beinamen. So hing am Bahnhof der Stadt Herford früher einmal ein Schild mit der Aufschrift „Herford – Heimat der Poggenpohl-Küchen“. Auch wenn das keine offizielle Bezeichnung gewesen sein mag, so gibt es doch die eine oder andere Stadt, die furchtlos den Kampf mit der Unverwechselbarkeit ihrer Gemeinde aufnimmt. So ist Würselen die „Stadt der Kinder“, Lohmar die „Stadt der Generationen“ und Hagen die „Stadt der FernUniversität.“ (Die an Schrägheit nicht zu übertreffende Bezeichnung „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ war allerdings zu keiner Zeit ein Beiname. Die Stadt Wolfsburg hieß bis 1945 so.)
Nun hat – wie ich im Nachhinein erfahren habe – der Gemeinderat von Hoppegarten bereits vor einem Jahr und ohne Gegenstimme die Umbenennung ihres Gemeinwesens in „Rennbahngemeinde Hoppegarten“ beschlossen und auf die Ortsschilder gemalt. Im Gegensatz zu den genannten Beispielen scheint mir das ein treffender und angenehm klingender Beiname zu sein und es ist auch ein schönes Zeichen der Identifikation der Gemeinde mit ihrer Rennbahn. Hoppegarten steht ja überhaupt im Zeichen einer rasanten Entwicklung, die Einwohnerzahl hat sich seit 1990 nahezu verdreifacht und beträgt jetzt knapp 18.000.

Rennbahngemeinde Hoppegarten
Rennbahngemeinde Hoppegarten

Ein großer Teil davon war am vorigen Sonntag auf dem Rennbahngelände zu finden, denn es war schönes Wetter, und da der Deutsche im Allgemeinen zu Panikattacken neigt, wenn er im Frühjahr einen Sonnentag verpasst, bildeten sich lange Schlangen vor den Kassenhäuschen auch noch nach Veranstaltungsbeginn. In den beiden Dreijährigenrennen gewannen die Favoriten aus dem Wöhler-Stall, wobei sich besonders Lacento als Kandidat für größere Aufgaben empfahl. Nach seinem überlegenen Sieg steht er vorerst bei 75,5 kg, das wird aber kaum das letzte Wort gewesen sein. Seine in Mutter Night Party stammt übrigens trotz des abweichenden Anfangsbuchstaben aus der Familie von Lomitas und gewann in den Farben von Godolphin ein Rennen in England, was ihr immerhin ein Rating von 83 einbrachte. Godolphin war auch erwartungsgemäß mit Fountain of Time im Listenrennen um den Preis des Gestüts Röttgen erfolgreich, sie steigerte ihr Rating dadurch von 86,5 kg auf 89 kg (Rating 98).

Fountain of Time in Hoppegarten; Copyright: Marc Rühl
Fountain of Time in Hoppegarten; Copyright: Marc Rühl

Ansonsten fiel auf, dass mit der Zeitmessung etwas nicht stimmte. Ich sage das nur ungern, denn alle wissen, dass Longines ganz ausgezeichnete Uhren baut. Aber es kann ja nicht sein, dass Jackontherocks an der Spitze des Feldes im 5. Rennen die 200 Meter zwischen der 1400- und der 1200-Meter-Marke in einer Zeit von 8,11 Sekunden zurückgelegt haben soll, wie es die eingeblendeten Zwischenzeiten uns weismachen wollten. Denn das hieße ja, dass der Wallach auf diesen 200 Metern eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 88,7 km/h entwickelt hätte. Abgesehen von dieser Unmöglichkeit war das Geläuf am Sonntag allerdings außergewöhnlich schnell. So gewann Pour le Coeur den Hoppegartener Frühjahrs-Ausgleich nicht nur in einem Stil, den man in dieser Klasse nur selten sieht, sondern er lief auch noch bis auf zwei Zehntelsekunden an den 24 Jahre alten 2000-Meter-Bahnrekord von 2:00,7 Minuten heran. Wenn denn die Uhr richtig ging.

Die Frage nach dem Rennen mit dem höchsten Wettumsatz weltweit wird meistens mit dem Arima Kinen beantwortet, jenem Rennen auf der Rennbahn von Nakayama unweit von Tokio, das jährlich um Weihnachten herum gelaufen wird und bei dem – einmalig auf der Welt – die Öffentlichkeit das Starterfeld durch eine Abstimmung zusammenstellt. Umgerechnet 345 Millionen Euro wurden 2018 in diesem Rennen umgesetzt. Nicht allzu weit dahinter dürfte das Grand National Handicap Chase rangieren, das am Samstag in Aintree bei Liverpool zum dritten Mal über 7200 Meter und 30 zum Teil furchterregende Hindernisse und unter der Partnerschaft von Randox Health, einem weltweit führenden Hersteller von Gesundheitstechnik, gelaufen wurde. Genaue Zahlen sind zwar nicht bekannt und auch kaum zu bekommen, da das Wettgeschäft in der Hauptsache über die Buchmacher abgewickelt wird – aber der Schmerzensschrei der Branche, über den Sieg von Tiger Roll mindestens 250 Millionen Pfund auszahlen zu müssen, gibt eine Vorstellung von der Größenordnung, über die hier gesprochen wird.
Wenn Buchmacher klagen, dann hat meist der Favorit gewonnen, und so ist es auch in diesem Fall. Tiger Roll zahlte in einem Feld von 40 Teilnehmer nur magere 4:1, die kürzeste Quote für einen Sieger seit 100 Jahren. Das lag an der großen Popularität dieses Pferdes, der Sympathien nicht nur durch seine Leistungen gewonnen hat, sondern auch, dass er diese trotz seiner nur geringen Größe von 1,54 Meter (noch zwei Zentimeter kleiner als Iquitos!) vollbracht hat. Tiger Roll ist neun Jahre alt und seit fünf Jahren in der Spitzenklasse unterwegs, schon als Vierjähriger gewann er in Cheltenham mit dem Triumph Hurdle das bedeutendste Hürdenrennen seiner Altersklasse. Diese Grundschnelligkeit befähigte ihn auch, zu Beginn dieses Jahres ein Hürdenrennen zu gewinnen (zum Kurs von 25:1), eine außergewöhnliche Vorbereitung für eine Grand National.
Die Frage nach dem Rating für den Sieger ist in einem Rennen wie diesem, das ja mehr Schaustück als Leistungsprüfung ist, zumeist von untergeordneter Bedeutung, diesmal aber vielleicht nicht. Martin Greenfield, Chef-Handicapper für den Hindernissport in England, sprach nach dem Rennen davon, dass der Sieg von Tiger Roll als die größte Leistung in der Geschichte der Grand National eingehen könnte, es sei eine Form von Gold Cup-Standard gewesen. Fast noch mehr als Tiger Roll hat mir allerdings imponiert, wie die Reiter in der zweiten Runde mit einer Umleitung um ein gesperrtes Hindernis fertig geworden sind, die wegen der Notversorgung eines verunglückten Pferdes notwendig geworden war. Immerhin waren zu diesem Zeitpunkt noch 37 Pferde im Rennen, die in vollem Renntempo durch eine geradezu beängstigend enge Schikane bugsiert werden mussten, was den Reitern mit Bravour gelang.

Video: Grand National 2019

Tiger Roll hatte ja bereits im vergangenen Jahr das Grand National gewonnen. Er ist erst der achte Doppelsieger in diesem seit 1839 gelaufenen Rennen und der erste seit dem unvergessenen Dreifach-Sieger Red Rum im Jahre 1977. Dies gibt mir Gelegenheit auf zwei andere Pferde aus dem exklusiven Club der Doppelsieger zu sprechen zu kommen, nämlich auf The Colonel und The Lamb, die zwischen 1868 und 1871 das Grand National unter sich aufgeteilt hatten. Beide wurden jeweils im Anschluss an ihren zweiten Sieg von Eduard von Oppenheim angekauft, also vom Besitzer des gerade erst (1869) gegründeten Gestüts Schlenderhan. Die Erwerbungen waren damals eine Sensation, nicht nur in Deutschland, auch in England. The Colonel wurde 1870 von Tattersalls in London versteigert, nach zeitgenössischen Berichten sollen 15.000 Menschen verfolgt haben, wie der achtjährige Hengst für 2600 Guineas an Baron Oppenheim ging, in dessen Farben er ein Jahr später, bei seinem dritten Start in Aintree unter Höchstgewicht Achter wurde. The Lamb, Doppelsieger von 1868 und 1871, kaufte Oppenheim freihändig in Irland von der Witwe des kurz zuvor verstorbenen Besitzers für 1200 Guineas. Er wurde 1872 bei seinem dritten Anlauf Vierter, ebenfalls unter Höchstgewicht. The Lamb setzte seine Rennlaufbahn danach in Deutschland fort, brach sich aber im Alten Badener Jagdrennen, uneinholbar in Front liegend, ein Bein. Danach war es mit Baron Oppenheims Ehrgeiz, die Grand National zu gewinnen, ein für alle Mal vorbei. The Lamb scheint mir überhaupt das letzte Pferd aus Deutschland zu sein, das an einem Grand National teilgenommen hat. Außer diesen beiden „Schlenderhanern“ weiß ich nur noch von einem achten Platz des Hengstes Effenberg im Jahr 1866.
Kein Artikel über das Grand National kann ohne eine Geschichte aus dessen reichhaltigem Fundus sensationeller Begebenheiten auskommen. Meine Lieblingsgeschichte ist die von Devon Loch und seinem Reiter, dem späteren Krimi-Autor Dick Francis. Beide lagen wenige Galoppsprünge vor dem Ziel uneinholbar in Front, als Devon Loch plötzlich einen Satz machte und auf dem Bauch landete. Das Rätsel, warum der Wallach der Königinmutter dies tat, ist bis heute ungelöst.

Video: Devon Loch can't lose

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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