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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Wenn Märchen wahr werden

17. April 2019

Es gibt immer wieder Dinge auf dieser Welt, die übersteigen die menschliche Vorstellungskraft. Was wirklich hinter einem „Schwarzen Loch“ steckt zum Beispiel, was im Teilchenbeschleuniger von Genf so vor sich geht oder im Kopf des Whiskeybrenners Bob Dylan, ehemals Sänger und Literaturnobelpreisträger. Oder wie es möglich ist, dass es in einem so bedeutenden Rennsportland wie Australien ein Pferd gibt, das 33 Grupperennen, darunter 25 der Gruppe I, in Folge ohne Niederlage übersteht. In einem Land wie dem unseren, wo jedes Pferd, das mehr als zwei Rennen hintereinander gewinnt, schon als Seriensieger gilt, klingt das wie aus ein Märchen. Und doch ist es geschehen, vollendet durch Winx am vorigen Samstag bei ihrem Sieg in den G1-Queen Elizabeth Stakes in Sydney. 11122/7515211111/11111111/111111111/1111111-1111. So sieht die gesamte Rennlaufbahn von Winx in Ziffern aus. Ihre Siegesserie begann am 16. Mai 2015 mit einem spektakulären Sieg in den 1000 Guineas von Queensland, als sie, vom letzten Platz kommend, innerhalb von 200 Metern an 17 Gegnerinnen vorbeilief.

Video: Sunshine Coast Guineas 2015 - Sieger: Winx - Der Beginn der Siegesserie

Danach hat es kein Rennen mehr gegeben, in dem sie nicht als Favoritin angetreten ist, meist zu extrem kurzen Quoten (zuletzt 1,05:1).
Im Oktober 2016 habe ich an dieser Stelle das erste Mal über Winx geschrieben. Damals hatte sie gerade ihr 12. Rennen in Folge gewonnen, was meine Aufmerksamkeit auch deswegen weckte, weil alle vier deutschen Pferde, die es geschafft haben ein Dutzend Rennen ohne Niederlage zu überstehen, beim 13. Start geschlagen wurden, zuletzt Acatenango. Winx verlor nicht. Sie gewann damals ihr zweites von insgesamt vier Cox Plates, und zwar mit acht Längen Vorsprung. Die 132 (106 kg), die sie dafür bekam, waren das höchste Rating, das sie in ihrer Laufbahn erreicht hat. Insgesamt hat sie 15 Mal mehr 120 (100 kg) geschafft, vier Mal sogar 130 oder mehr. Auch das phänomenal.

Video: Queen Elizabeth Stakes 2019 - Sieger: Winx - Das Finale der Siegesserie

Jetzt, wo die Laufbahn von Winx zu Ende ist, werden natürlich Vergleiche mit Größen aus der Vergangenheit angestellt. Es ist ja erst ein paar Jahre her, da gab es in Australien mit Black Caviar eine andere Wunderstute, eine die in 25 Rennen sogar gänzlich ungeschlagen blieb. Nach den Zahlen der offiziellen Handicapper stehen beide mit jeweils 132 auf einer Stufe. Timeform, dessen Niveau im Durchschnitt vier Pfund über den offiziellen Zahlen liegt, hat Black Caviar mit 136 und Winx mit 134 bewertet. In diversen australischen Bestenlisten lag zuletzt Winx vorne, der letzte Eindruck ist eben oft der stärkste. Zu ihren besten Pferden aller Zeiten zählen die Australier außerdem den alten Phar Lap (geb. 1926), die dreifache Melbourne Cup-Siegerin Makybe Diva und den dreifachen Cox Plate-Sieger Kingston Town. In amerikanischen Best-of-All-Listen belegen fast immer Secretariat und Man o´War (geb. 1917) die ersten Plätze, während in England, wo auch ein gewisses Interesse für solche – intelligenten – Spielereien vorhanden ist, natürlich Frankel unangefochten die Nummer eins ist, zumeist gefolgt von Brigadier Gerard und Mill Reef.

Und in Deutschland? Kurz vor der Jahrhundertwende habe ich in der „Sport-Welt“ einmal elf Pferde vorgestellt, die meiner Meinung nach für den Titel „Pferd des Jahrhunderts“ in Frage kommen. In einer etwas umstrittenen Abstimmung ging daraus überraschend Lando als Sieger hervor. (Die anderen Kandidaten waren in chronologischer Reihenfolge Oleander, Alba, Nereide, Schwarzgold, Ticino, Star Appeal, Königsstuhl, Nebos, Acatenango und Lomitas.) Heute müsste man zumindest noch die Namen Danedream und Novellist hinzufügen, und zwar in vorderster Linie. Manduro zählt hier nicht mit, weil zu seiner besten Zeit in Frankreich in Training; ansonsten wäre er wohl die Nummer eins. 

Das hat gerade noch gefehlt! Va Bank hat sich verletzt und kann nicht mehr laufen – das nach Handicapmarke beste Pferd in deutschen Rennställen, denn mit Weltstar ist ja frühestens in der zweiten Jahreshälfte zu rechnen. Nachdem Iquitos und Dschingis Secret einen Posten im Gestüt bezogen haben, Sound Check und Ancient Spirit nach Australien verkauft sind und Khan ganz außer Form ist, fragt man sich, wer denn wohl die kommenden großen Rennen bestreiten und nach Möglichkeit auch gewinnen soll. 

Va Bank ist bekanntlich das Pferd, das Polen vor drei Jahren wieder auf die internationale Landkarte des Rennsports gebracht hat, nachdem er in Iffezheim den damals in Hochform befindlichen Potemkin im G3-Sparkassen-Preis hat schlagen können und dafür mit einem GAG von 98 kg bedacht wurde. Es war damals sein 12. Sieg in Folge und es schien für ihn keine Grenzen zu geben. Team Valor kaufte sich ein, aber das Unheil wartete schon an der nächsten Ecke. In der Wielka Warszawa scheiterte er nach verkorkstem Rennverlauf an Caccini und fand danach, wohl auch aufgrund einer Verletzung, erst wieder Anschluss, als er im September 2017 zu Andreas Wöhler in Training kam. Nach drei guten Platzierungen siegte er Ende vergangenen Jahres im Preis der Deutschen Einheit und im Premio Roma und schien wieder ganz der Alte. Als Hauptziel war für dieses Jahr der Dallmayr-Preis ausgegeben, aber daraus wird jetzt nichts mehr. Wie man hört soll er als Deckhengst in Deutschland aufgestellt werden.

Va Bank; Copyright: Marc Rühl
Va Bank; Copyright: Marc Rühl

Aidan O´Brien hat etwas Interessantes gesagt. Nun ist ja eigentlich alles interessant, was der Meistertrainer von Ballydoyle sagt, weil in seinem Stall so viele interessante Pferde stehen wie in keinem sonst. Aber diesmal ging es gar nicht um Pferde, jedenfalls nicht direkt. Es ging um Namen. Aidan O´Brien hat gesagt, dass er jedem Zweijährigen nach seinen Trainingseindrücken ein Rating gibt. Und dass Sue Magnier, Tochter der Trainerlegende Vincent O´Brien und verheiratet mit dem Ballydoyle-Magnaten John Magnier, den Pferden anhand dieser Ratings ihren Namen gibt. Dass dabei die am höchsten eingeschätzten Pferde auch die schönsten Namen bekommen sollen, versteht sich von selbst. Ebenso, dass das nicht immer gelingt und ein vermeintlicher Superstar mit exquisitem Namen später nur hinterherläuft. „Wenn Sie also aus unserem Stall ein schlechtes Pferd mit einem schönen Namen sehen, dann ist daran nur einer schuld, nämlich ich“, sagte O´Brien. 

Da Frau Magnier bei der Namenssuche hohe Ansprüche stellt, sind gelegentliche Fehlgriffe unvermeidlich, einige schöne Beispiele fallen einem da gleich ein. So schlug sich Abraham Lincoln mit nur mäßigem Erfolg in Handicaps herum, und auch von James Joyce hatte man sicher mehr erwartet, als nur einen Sieg in einem Maidenrennen. Auf der anderen Seite haben George Washington, Galileo, Caravaggio oder Ruler of the World die Erwartungen, die an ihre Namen geknüpft waren, gewiss erfüllt. Und wie sieht es bei den derzeit Dreijährigen aus? Anthony van Dyke, Ten Sovereigns und Mount Everest sind alle auf dem richtigen Wege. Mona Lisa´s Smile dagegen hat bei sieben Starts erst einmal gewonnen und sollte noch etwas zulegen.

Der nächste Handicapper-Blog erscheint erst wieder in 14 Tagen.

 

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