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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Samum wird uns immer in Erinnerung bleiben

21. März 2018

Um die Funktion unseres Gedächtnisses ist es eigenartig bestellt. Warum wir zum Beispiel so viele Sachen vergessen, andere dagegen ein Leben lang behalten, damit beschäftigen sich Philosophen und Wissenschaftler schon seit alters her. Die Verankerung im Gedächtnis, soviel hat man inzwischen herausgefunden, nimmt zu mit der Bedeutung, dem emotionalen Gewicht und der Anzahl der Assoziationen, also der Verknüpfung mit anderen Inhalten.

Damit ist auch geklärt, warum ich den 2. Juli 2000 nicht vergessen werde, der Tag, an dem Samum das 128. Deutsche Derby gewann. Die Bedeutung des Derbys braucht nicht weiter erklärt zu werden, das emotionale Gewicht ergab sich aus der Art und Weise, wie dieser Sieg zustande kam, und verknüpft ist dieser Sieg für immer mit dem berühmten Rennkommentar von Manfred Chapman („Samum!! Er explodiert!“).

Jetzt kam die traurige Nachricht, dass Samum am 13. März im Gestüt Karlshof wegen einer Thrombose-Erkrankung eingeschläfert werden musste. Er wurde 21 Jahre alt. Samum gehörte zum ersten Jahrgang des großen Monsun, war aber auch das erste Fohlen der kaum weniger bedeutenden Sacarina, der Mutter und Großmutter von zwei weiteren Derbysiegern (Schiaparelli und Sea The Moon). Samum zählt zu den besten Rennpferden, die ich in meiner Zeit als Handicapper, also seit 1996, auf deutschen Rennbahnen gesehen habe. Seine Rennlaufbahn lässt sich in zwei sehr unterschiedliche Abschnitte teilen:
Der erste Abschnitt brachte sechs Siege, der zweite acht Niederlagen. In Erinnerung bleiben wird er wegen seiner Siege, die so groß waren, dass die Niederlagen dagegen verblassen.
Bis zum Derby hatte Samum vier Rennen gewonnen, zwei als Zweijähriger und als Dreijähriger das Busch-Memorial und das heutige Bavarian Classic (mit 4 ½ Längen), er war also zum Zeitpunkt des Derbys noch ungeschlagen. Trotzdem war seine Favoritenstellung nicht unumstritten, es gab Buchmacher, die wenige Tage vorher noch Kurse von 50:10 und mehr annoncierten. Es war eben ein sehr stark besetztes Derby. Der Union-Sieger Network zum Beispiel hatte bei vier Starts drei Mal gewonnen und der Röttgener Kallisto kam mit einem Sechs-Längen-Sieg aus dem Derby Italiano nach Horn. Beide gingen auch mit einer höheren Handicapmarke als Samum (95 kg) an den Derbystart, Kallisto mit stattlichen 98,5 kg und Network mit 95,5 kg. Samum war also nur die Nummer 3 unter den 20 Derbystartern, zu denen auch die späteren Gruppe-I-Sieger Paolini und Anzillero zählten. Bis weit in die Zielgerade war von Samum nicht viel zu sehen, er fiel erst auf, als er in der äußersten Spur um die letzte Ecke segelte. In wenigen Galoppsprüngen hatte er die vorderste Linie erreicht - und dann folgte jener explosionsartige Antritt, der ihn auf fünf Längen vor das Feld beförderte. 100 Kilo haben wir Handicapper für diesen Sieg gegeben, ein für einen deutschen Derbysieg sehr hohes Rating.

Samum war jetzt ein noch ungeschlagener Derbysieger, was nur über sieben andere Pferde in den fast 150 Jahren Derbygeschichte gesagt werden kann: Patience, Landgraf, Nereide, Birkhahn, Luciano, Orofino und Sea The Moon. Von diesen lief Patience danach nicht mehr, Orofino wurde nach dem Derby im Aral-Pokal von Wauthi geschlagen, Sea The Moon scheiterte im Großen Preis von Baden an Ivanhowe. Landgraf, Nereide und Luciano konnten nach dem Derby auch noch ihr nächstes Rennen gewinnen, Birkhahn sogar zwei. Vor und nach Samum hat es also nur vier Derbysieger gegeben, die ihre Siegesserie noch ausbauen konnten.

Samum gelang das sechs Wochen nach dem Derby in einem ganz besonderen Großen Preis von Baden, denn das Rennen war Teil der in diesem Jahr erstmals ausgetragenen „Emirates World Series“ und aus diesem Grund mit der uns heute sagenhaft anmutenden Dotierung von 1.700.000 Mark ausgestattet. Die Gegner, auch die ausländischen, waren anlassgemäß stark, aber Samum hatte trotzdem kaum Probleme und gewann mit zweieinhalb gegen Catella. Damit hatte er endgültig die internationale Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, sein Badener Sieg war am nächsten Tag der Aufmacher auf der Titelseite der „Racing Post“.
Im Nachhinein ist kaum zu glauben, dass dies der letzte Sieg von Samum gewesen sein sollte.

Den Prix de l´ Arc de Triomphe, in dem er erstmals keinen weichen Boden antraf, bestritt er nach Montjeu und Sinndar als dritter Favorit, konnte als Sechster aber keine Akzente setzen. Danach sollte eigentlich Saisonschluss für ihn sein. Es ergab sich aber, dass Samum bei einem Sieg im Hong Kong Cup noch Sieger der World Series hätte werden können. So lief er denn noch einmal, wieder auf unpassendem Geläuf (gut bis fest) und hatte auch noch Pech, als er in der Zielgeraden neu gebracht werden musste. Viereinhalb Längen hinter Fantastic Light reichte es wieder nur zu einem sechsten Platz, einen Hals vor ihm kam noch Elle Danzig ein.


Am Jahresende erhielt Samum ein Rating von 124 (102 kg), in den World Rankings des Jahres 2000 belegte er damit unter den Dreijährigen Stehern nach Sinndar und Egyptband den dritten Rang. Leider konnte Samum in den beiden folgenden Jahren an diese Formen nicht mehr anknüpfen.
Nach einem fünften Platz im Großen Preis von Baden 2002 beendete er seine Rennlaufbahn. Als Vererber hat er Gutes geleistet und es kann ja auch noch etwas kommen. Der Beste seiner vier Gruppe-I-Sieger war ohne Zweifel Kamsin, der wie sein Vater das Derby und den Großen Preis von Baden gewann, im Prix de l´Arc de Triomphe aber scheiterte.
Hier ein Video des Gestüts Karlshof, in dem Samum noch einmal mit seinen großen Siegen zu sehen ist.

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Am Donnerstag voriger Woche ist die erste Weltrangliste des Jahres 2018 erschienen.


Die erste Weltrangliste des Jahres 2018
Die erste Weltrangliste des Jahres 2018

In der europäische Pferde naturgemäß noch fehlen, denn die Saison fängt hier ja erst langsam an.
Mit einem Rating von 129 (104,5 kg) führen Gun Runner und Winx die Liste gemeinsam an. Winx erreicht diese Marke bei ihrem 23. Sieg in Folge in den Chipping Norton Stakes am 3. März in Sydney, als sie mit sieben Längen gewann. Gun Runner verdiente sich seine Marke am 27. Januar im Pegasus World Cup. Für Gun Runner heißt dies, dass er trotz des leichten Sieges in dem 16-Millionen-Dollar-Rennen um ein Pfund hinter der in den World Rankings für 2017 veröffentlichten Marke von 130 zurück geblieben ist. Hierüber hat es unter den internationalen Handicappern einige Diskussionen gegeben, denn nach den üblicherweise geltenden Handicapregeln erhält ein Pferd nach einem leichten Sieg ja keinen Nachlass, zumal nach einem Sieg im reichsten Rennen der Welt. Aber für die Weltrangliste gelten andere Regeln, es zählen nur Leistungen aus dem laufenden Jahr.
Auf Rang vier platziert ist Redkirk Warrior, nach zwei knappen Siegen in Gruppe-I-Rennen derzeit Australiens bester Flieger. Für ihn sind im Sommer Starts bei Royal Ascot im Juni fest eingeplant.

 

GERMAN RACING

Erlebnissport der Extraklasse.
Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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