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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Du hast keine Chance, also nutze sie“

30. Oktober 2019

Pferderennen und Wetten stehen ja in enger Verbindung zueinander. Es wird gewettet, weil es sonst zu langweilig wäre auf der Rennbahn, weil man einen bestimmten Jockey mag oder weil uns der Name eines Pferdes gefällt. In den meisten Fällen aber wird gewettet, um damit ein wenig Geld zu verdienen. Und da es ja dumm wäre, hinterher als Lohn für die ganze Aufregung nicht mehr als ein paar Euro zu gewinnen, können viele der Versuchung nicht widerstehen, auf Außenseiter zu wetten, obwohl ihnen klar ist, dass die Chance auf einen Gewinn nur gering ist. Aber wenn mal einer gewinnt, dann „lohnt“ es sich wenigstens. So wie am Sonntag in Hannover beim G3-Großen Preis des Gestüts Ammerland, als die dreijährige Stute Lips Queen zur Quote von 577:10 erfolgreich war.
Solch hohe Quoten sind selten, und noch seltener sind sie in Grupperennen, also in den Rennen für die beste Klasse. Wenn ich nichts übersehen habe, dann hat es vorher in den vergangenen 50 Jahren in deutschen Grupperennen acht Mal eine Quote von mehr als 500:10 gegeben. Den Vogel schoss dabei Pawiment 1980 beim Sieg im Preis von Europa ab, der Totalisator zahlte damals 1216:10. Die anderen Gruppesieger, die den Toto zum Wackeln brachten, waren Glayva 1990 im Hamburg Dresden-Pokal (668:10), Ako 1982 im Deutschen Derby (608:10), Sharper 1976 im Großen Preis von Baden (576:10), Manzoni 1995 im Mehl-Mülhens-Rennen (556:10), Wintermond 1977 im Großen Kaufhof-Preis (552:10), Shapira 2004 in den German 1000 Guineas (524:10) und Massada 1995 im Preis der Winterkönigin (511:10). Ich darf hier etwas unbescheiden bemerken, dass ich bei einem dieser Ereignisse mit an der Kasse stand – bei Akos Derbysieg, weil ich die angebotene Quote deutlich überhöht fand. Die höchste Quote, die es jemals in einem bedeutenden Galopprennen in Deutschland gegeben hat, waren übrigens die 2248:10 beim Sieg von Pan Robert im Gladiatoren-Rennen in Berlin-Grunewald im Jahre 1924.
Soweit die Wetten und nun zu Lips Queen. Mit einem GAG von 63,5 kg, wie Lips Queen es aufzuweisen hatte, hat ein Pferd in einem Grupperennen ja eigentlich nichts verloren. Aber gemäß dem alten Sponti-Spruch aus den 1980er-Jahren „Du hast keine Chance, also nutze sie“, riskieren Trainer und Besitzer heute mehr als früher, vor allem mit Stuten. Sie wollen so schnell wie möglich das begehrte „Black-type“, das später dazu berechtigt, den Pferdenamen in Auktionskatalogen in Fettdruck erscheinen zu lassen. Sie verzichten auf den mühsamen Weg, über die Handicaps Anschluss an die Spitzenklasse zu finden und gehen nach zwei oder drei Siegen direkt in Listen- und manchmal sogar Grupperennen. Das setzt beim Pferd natürlich ein gewisses, bis dahin noch nicht öffentlich gewordenes Potential voraus. Meistens wird dieses überschätzt, manchmal aber, wie jetzt bei Lips Queen, gelingt der Coup.

Video: Großer Preis des Gestüts Ammerland (Gr. III) - Siegerin: Lips Queen

Abgesehen von dem niedrigen GAG war gegen die Form der Stute eigentlich wenig einzuwenden. Sie kam erst im Juli das erste Mal heraus und gewann ihre ersten beiden Rennen in gutem Stil. Im Handicap konnte sie danach zweimal keine Akzente setzen, aber die Art und Weise, wie sie zuletzt in Dresden über den Kurs gebracht wurde, machten ein gutes Abschneiden auch nahezu unmöglich. Eine Heldentat musste Lips Queen in Hannover auch gar nicht vollbringen, denn von den besseren Pferden im Rennen waren einige offensichtlich schon über dem Berg. Über die Zweite Anna Magnolia, für die wir ein Kilo mehr als ihre bisherige Bestleistung in Ansatz gebracht haben, ergibt sich für Lips Queen eine neue Marke von 90 Kilo. Für das Pferd ist das viel, für das Rennen ist es die niedrigste Marke seit es vor fünf Jahren erstmals in Hannover gelaufen wurde.

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Eines der skurrilsten Rennen der jüngeren Vergangenheit konnte man am vorigen Sonntag beim G1-Criterium International in Longchamp erleben. Es liefen nur zwei Pferde. Man hätte sich trotzdem ein spannendes Rennen vorstellen können, denn die beiden Kontrahenden, Alson und Armory, waren erst vor drei Wochen im G1-Prix Jean-Luc Lagadere um einen „kurzen Hals“ voneinander getrennt als Zweiter und Dritter über die Ziellinie gekommen. Es kam aber bekanntlich ganz anders: Alson siegte mit 20 Längen Vorsprung.
An diesem Ergebnis sind mindestens zwei Dinge bemerkenswert. Einmal die Tatsache, dass nur zwei Pferde starteten, die Zeiten der Match-Rennen hatte man eigentlich für beendet gehalten. Aber diesmal fiel ein Teilnehmer nach dem anderen aus, zuletzt in letzter Minute noch die nachgenannte Stute Lady Penelope, nachdem sie in der Startbox in Panik geraten war und sich dabei verletzte. Das zweite Bemerkenswerte und auch Unerwartete war, dass Alsons Gegner Armory bereits nach der Hälfte der 1400-Strecke mit seinem Latein am Ende war und Frankie Dettori auf dem Schlenderhaner ziehen lassen musste.

Video: Critérium International 2019 - Sieger: Alson

Welche Marke soll Alson nach dieser Leistung nun bekommen? Beide Pferde, Alson und Armory, standen bisher bei einem Rating von 110 (95 kg). Armory hatte sich diese Marke als Zweiter in den National Stakes am 15. September verdient, acht Längen hinter Europas überragenden Zweijährigen Pinatubo. Daraus nun zu schließen, Alson sei besser als Pinatubo wäre natürlich albern. Was man allerdings sagen können wird ist, dass Alson jetzt ein besseres Pferd als Armory ist, die Frage ist nur, wie weit man gehen kann. Im „Lagadere“ vor dreieinhalb Wochen war Alson eine ¾ Länge hinter Victor Ludorum, für den es in der europäischen Ausgleicher-Datei derzeit Ratings zwischen 112 (96 kg) und 114 (97 kg) gibt. Dass eine Mehrheit der Handicapper Alson jetzt über Victor Ludorum stellen wird, ist nicht anzunehmen. Aber möglicherweise gleichauf mit diesem. Darüber wird in den nächsten Tagen gesprochen werden. Die höchste Marke eines deutschen Zweijährigen sind übrigens die 97 kg (Rating 114), die Pomellato 2007 beim Sieg im G2-Criterium de Maison-Laffitte erreicht hat.

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Der Mensch ist bekanntlich nicht gern allein, das gilt auch für die Tiere. Deshalb hört man auch immer wieder von Spielgefährten, die für einsame Vierbeiner angeschafft werden. Auch in der Vollblutzucht wird immer darauf hingewiesen, wie wichtig Sozialkontakte für junge Pferde sind. Es sei nur daran erinnert, dass Derbysieger Waldpark als einziges Hengstfohlen damals in Ravensberg mit einem Spielgefährten aufgewachsen ist – wer weiß, was sonst aus ihm geworden wäre. Und als vor zwei Jahren im Gestüt Höny-Hof nur ein einziges Stutfohlen geboren wurde, erhielt Peter Brauer von Panorama Bloodstock den Auftrag, sich zur Arqana-Auktion nach Deauville zu begeben, um eine Spielgefährtin für die einsame Stute zu kaufen. Zurück kam er mit Ocean Fantasy, vor zehn Tagen in Iffezheim Siegerin im G3-Preis der Winterkönigin.
Eine Winterkönigin ist nun schon seit langem keine Garantie mehr für kommende klassische Siege, doch Ocean Fantasy darf man zutrauen, als erste Winterkönigin seit Martessa im Jahr 1991 wieder einmal den Preis der Diana zu gewinnen. Sie ist eine großrahmige Stute, die mir das erste Mal auffiel, als sie an einem Freitag Anfang September in Köln von weit hinten noch spielend leicht hinter Wonderful Moon auf den zweiten Platz lief. Der erste Sieg in Hannover war danach nur Formsache. In der Winterkönigin schien sie zu Beginn der Geraden eigentlich schon in Nöten, kam auf den letzten 300 Metern aber erst richtig in Fahrt und setzte sich zusammen mit Tickle Me Green noch klar vor das restliche Feld. Die fünfeinhalb Längen Abstand zu den nächsten Pferden waren für uns auch Veranlassung, der Siegerin mit 92,5 kg (Rating 105) eine im Vergleich zu den Vorgängerinnen ebenbürtige Marke zu geben.

Video: Preis der Winterkönigin (Gr. III) - Siegerin: Ocean Fantasy

Im Pedigree der neuen Winterkönigin habe ich mich mal weiter nach hinten durchgeklickt. Dabei macht man manchmal schöne Entdeckungen, wenn man denn einen Sinn für solche Art von Ahnenforschung hat. Bei Ocean Fantasy taucht ganz unten rechts, also in direkter mütterlicher Linie, in der neunten Generation ein ganz großer Name auf: Mumtaz Mahal. Diese 1921 geborene Schimmelstute des alten Aga Khan war eine überragende Zweijährige („The Flying Filly“), die nur einmal auf tiefem Boden eine knappe Niederlage einstecken musste, ihre übrigen fünf Rennen aber jeweils mit 10 Längen und mehr gewann. Sie gilt auch als eine der einflussreichsten Mutterstuten des 20. Jahrhunderts. Über ihre Tochter Mumtaz Begum ist sie Großmutter des großen Vererbers Nasrullah, andere große Rennpferde, die auf sie zurückgehen sind Abernant, Petite Etoile und Shergar. Das gleiche habe ich übrigens bei No Limit Credit gemacht, der Sechs-Längen-Siegerin im BBAG-Auktionsrennen am Iffezheimer Samstag. Dort findet man in 7. Generation die 1955 geborene, legendäre Bella Paola, als Ticino-Tochter aus der Waldfrieder Stute Rhea II ist sie rein deutsch gezogen. In den Farben von Francois Dupré, der als einer der ersten nach dem Krieg wieder Verbindung zu deutschen Züchtern aufnahm, gewann sie Grand Criterium, 1000 Guineas, Oaks, Prix Vermeille und Champion Stakes und war außerdem noch Zweite im Französischen Derby. Das hat ihr bis heute noch keine nachgemacht.

No Limit Credit siegt unter Clement Lecoeuvre im Ferdinand Leisten-Memorial BBAG Auktionsrennen; Copyright: Marc Rühl
No Limit Credit siegt unter Clement Lecoeuvre im Ferdinand Leisten-Memorial BBAG Auktionsrennen; Copyright: Marc Rühl
 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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