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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

"Steher-Mangel" in Australien

13. November 2018

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain ist ja nicht nur Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, er bereiste auch die ganze Welt und berichtete dann darüber in seinen Reisebüchern oder Vorträgen. Auch in Deutschland sah er sich um und lernte sogar Deutsch, die Erlebnisse damit verarbeitete er in einem humorvollen Essay mit dem Titel „Die schreckliche deutsche Sprache“. 1895 besuchte er Australien und war dort auch einer von damals schon mehr als 100.000 Besuchern beim Melbourne Cup, den die dreijährige Stute Auraria gegen 36 Gegner gewann. Er war von dem Ereignis zutiefst beeindruckt und schrieb begeistert: „Jeder Mann und jede Frau, gleich welchen Standes, ließen, soweit sie es sich leisten konnten, ihre Pflichten ruhen und kamen nach Melbourne. Ein Spektakel wie nirgends sonst in Australien. Unvergleichlich!“

So ist es auch heute noch, 123 Jahre später. Nur dass die vielen Leute nicht mehr nur aus Australien kommen, sondern aus der ganzen Welt, vor allem die Pferde. In diesem Jahr wurden elf der 24 Starter in Europa trainiert, drei kamen aus Neuseeland. Von den in Australien stationierten Pferden waren sieben Importe aus Europa, so dass nur drei der 24 Teilnehmer Original-Australier waren. Das Ergebnis war dann auch entsprechend. Britische Pferde belegten die drei ersten Plätze, der Sieger Cross Counter ist ein dreijähriger in Newmarket trainierter Hengst aus dem Godolphin Imperium.

Video: Melbourne Cup 2018, Flemington - Sieger: Cross Counter

Seit 2010 hat nur einer der Gewinner, der in Neuseeland geborene Prince of Penzance seine Rennlaufbahn auch in Australien begonnen. Americain und Dunaden wurden in Frankreich trainiert, Protectionist in Deutschland, Rekindling in Irland, Cross Counter aus England, Green Moon und Fiorente wurden aus England importiert und Almandin aus Deutschland. Dass die einheimischen Pferde mehr und mehr in die Statistenrolle gedrängt werden, hat der Popularität des Rennens bisher noch nicht geschadet. Ob das so bleiben wird, wenn es weitergeht wie bisher, könnte fraglich sein. Der springende Punkt ist, dass es in Australien keine Steher mehr gibt, seitdem das Land wie besessen ist von ihren Sprintern.
Der deutsche Fußballbund, um einmal einen Vergleich anzustellen, würde sich gewiss Sorgen um den Besuch seiner Länderspiele machen, sollte die Nationalmannschaft ihre Talfahrt fortsetzen und eines Tages nur noch zweit- oder gar drittklassig sein. Warum übrigens ausgerechnet der Melbourne Cup diese große Popularität erreicht hat, ist nicht leicht zu verstehen. Wirkliche Spitzenpferde kommen wegen des Handicapcharakters des Rennens nur selten an den Start, das war auch früher schon so, von Ausnahmen, wie zum Beispiel Phar Lap, einmal abgesehen. Durch die hohe Teilnehmerzahl und den Chancenausgleich durch den Handicapper ist es aber immer ein Spektakel, vor allem aber wohl ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem man dabei gewesen sein muss.

Zum zweiten Mal nach dem Sieg von Rekindling im Vorjahr hat ein Dreijähriger aus Europa den Melbourne Cup gewonnen. Racing Victorias Chef-Handicapper Greg Carpenter hat bereits angekündigt, dass er solche Pferde zukünftig etwas anders gewichten wird. Cross Counter war vorher erst zweimal in einem Grupperennen gestartet und kam mit einem Rating von 114 (97 kg) nach Melbourne. Durch den Sieg verbesserte er sich auf 98,5 oder 99 kg (117 oder 118), das muss noch endgültig geklärt werden. Werden es 118, stünde er damit in der Rangliste der letzten zehn Cup-Sieger auf einem geteilten fünften Platz, zusammen mit Dunaden und Green Moon. Das höchste Rating erreichte Americain vor acht Jahren mit 121, Protectionist, der Sieger von 2014, kam mit 120 (100 kg) auf die zweithöchste Marke. Almandin erreichte vor zwei Jahren 115 (97,5 kg).

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Am vorigen Wochenende war so viel los, dass der Breeders´ Cup zu kurz gekommen ist. Ein deutsches Pferd war wieder nicht dabei, Catella aus dem Gestüt Schlenderhan bleibt die letzte deutsche Starterin bei diesem Spektakel, sieht man einmal von der nie in Deutschland gelaufenen Spectre ab, die vor zwei Jahren bei ihrem elften Platz in der Breeders´ Cup Mile aber in Warendorf trainiert wurde, von Markus Münch. Für europäische Beobachter ist meist das Breeders´ Cup Turf das interessanteste Rennen, weil dort eben die meisten Europäer am Start sind und fast immer auch die besten Siegaussichten haben. Das war diesmal nicht anders. Das Ereignis schlechthin war der Start der doppelten Arc-Siegerin Enable, die hier viel riskierte, denn schließlich war es noch keinem Arc-Sieger gelungen, im selben Jahr auch beim Breeders´ Cup zu gewinnen. Acht hatten es vor ihr versucht, darunter waren so prominente Namen wie Dancing Brave und Golden Horn, alle waren gescheitert. Nun ist auch dieser Fluch beseitigt, denn Enable hat bekanntlich gewonnen, aber wieder nur knapp und nach Kampf, wie schon in Paris Longchamp vor fünf Wochen. War es in Longchamp Sea of Class, die ihr zusetzte, so war es in Amerika ebenfalls eine Stute.

Magical, die Dreijährige aus Irland, die sich erst 14 Tage zuvor beim Sieg in den G1-British Champion Fillies & Mare in Ascot verbessert gezeigt hatte, legte noch einmal zu und war nur eine halbe Länge geschlagen, aber satte neun Längen vor dem Rest. Da man kaum annehmen kann, dass die hinter Enable und Magical eingekommenen Pferde sämtlich vereselt sind, muss die Leistung von Enable trotz des knappen Endes etwas wert sein, wenn auch der Sprung, den Magical augenscheinlich gemacht hat, etwas stutzig macht. (Sie lief, wie übrigens auch Enable, unter der Medikation von Lasix). Magical verbesserte sich von 115 (97,5 kg) auf 123 (101,5 kg), Enable steigerte ihre Arc-Leistung noch einmal um zwei Pfund auf 125 (102,5), bleibt damit aber weiterhin hinter ihrer besten Vorjahrsleistung von 128 (104 kg) zurück. Aber selbst ihr Trainer hat schließlich eingeräumt, dass sie eines großen und eines kleinen Trainingsstopps wegen ein schwieriges Jahr hatte. Unter diesen Umständen die beiden größten Rennen der Welt auf Gras, den Prix de l´ Arc de Triomphe und das Breeders´ Cup Turf zu gewinnen zeigt, was sie ist: eine Ausnahmestute.

Ausnahmestute Enable, Copyright: Marc Rühl
Ausnahmestute Enable, Copyright: Marc Rühl

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Der Handicapper-Blog macht nun eine längere Pause und meldet sich spätestens zu Beginn der Grasbahnsaison im nächsten Jahr wieder.

 

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