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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„God Save the Queen“

29. Mai 2019

Von einer englischen Woche spricht man bekanntlich, wenn im Fußball zusätzlich zum Wochenende auch noch am Dienstag oder Mittwoch gespielt wird. Auch in anderen Sportarten, beim Handball oder Eishockey etwa, hat sich der Begriff durchgesetzt. Eine ganz andere „englische Woche“ hat gerade der deutsche Galoppsport hinter sich, denn nur sieben Tage nach dem Sieg von Fox Champion beim Mehl-Mülhens-Rennen in Köln gingen am Sonntag in Düsseldorf auch die German 1000 Guineas durch Main Edition an ein in England trainiertes Pferd. Nicht, dass so etwas noch nicht vorgekommen wäre – schon 1991, im ersten Jahr der Öffnung beider Rennen für Pferde aller Länder, wurde nach Siegen von Flying Brave und Kazoo bei der Siegerehrung „God Save the Queen“ angestimmt. Das passierte danach auch noch in den Jahren 2000 (Crimplene und Pacino), 2012 (Electrelane und Caspar Netscher) und 2016 (Knife Edge und Hawksmoor).

Die Welt ist damals deswegen nicht untergegangen, und sie wird es auch diesmal nicht tun. Allerdings macht die Häufigkeit, mit der augenblicklich die großen Rennen ins Ausland wandern, doch nachdenklich. Vielleicht hat auch alles nur seinen Preis, denn der schon lange andauernde Ausverkauf der besten deutschen Stuten kann schließlich nicht ohne langfristige Folgen bleiben. Aber während das Ergebnis des Mehl-Mülhens-Rennen einen geradezu in Depressionen stürzen konnte, so war man am Sonntag in Düsseldorf fast ein bisschen stolz darauf, wie tapfer sich Axana und auch Shalona gehalten haben und sich erst nach hartem Kampf der Engländerin Main Edition geschlagen gaben.
Wir Handicapper haben das insoweit honoriert, als wir für das Rating des Rennens die 94 kg aus Axanas Schwarzgold-Rennen in Anrechnung gebracht haben, so dass für Main Edition 94,5 Kilo (Rating 109) herauskommen. Diese Marke scheint langsam zum Standard für die German 1000 Guineas zu werden, auch in den drei Jahren vorher erreichten die Engländerinnen Hawksmoor, Unforgetable Filly und Nyaleti bei ihren Siegen genau 94,5 kg. Für Unforgetable Filly und Nyaleti war das auch ihre Marke am Jahresende, Hawksmoor dagegen konnte ihr Rating durch Erfolge in Amerika noch auf 95,5 kg (111) steigern..

Video: WEMPE 99. German 1000 Guineas (Gr.II) - Siegerin: Main Edition

Man darf davon ausgehen, dass ihr Trainer keine Gelegenheit auslassen wird, auch Main Edition zu noch höheren Weihen zu führen, denn Mark Johnston ist bekannt dafür, seine Pferde nicht in Watte zu packen. Auch Main Edition hat schon einiges an Rennerfahrung gesammelt, ist allein zweijährig sieben Mal gelaufen. Nachdem sie die Albany Stakes in Royal Ascot gewonnen hatte und nach drei Starts noch ungeschlagen war, träumte man schon von ganz großen Dingen, die sich dann doch nicht verwirklichen ließen, auch wenn sie im August mit den von German Thoroughbred.com gesponserten Sweet Solera Stakes noch ein weiteres G3-Rennen gewinnen konnte.
Main Edition war also schon vor ihrem Start in Düsseldorf ein gut profiliertes Pferd, das mir mit ihrem englischen Rating von 105 (92,5 kg) etwas unterbewertet vorkam. Das ist jetzt erst einmal korrigiert worden. Im Ranking der europäischen 1000 Guineas-Siegerinnen rangiert sie mit 94,5 kg hinter der überragenden englischen und irischen Guineas-Siegerin Hermosa (118/99 kg,) und der französischen Poule-Siegerin Castle Lady (111 /95,5 kg) an dritter Stelle, deutlich vor der italienischen Regina Elena-Siegerin Fullness of Life (102/91 kg).

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Endlich ein Lichtblick in der Trübnis dieser Tage, möchte man sagen: Quest the Moon hat den G3-Prix du Lys gewonnen und damit den Stellenwert der Dreijährigen in Deutschland gefestigt, wenn nicht sogar gehoben. Der Prix du Lys ist benannt nach einem Wäldchen bei Chantilly, wird seit 1921 gelaufen und ist ein renommiertes Rennen für die dreijährigen Steher mit Ambitionen für den Grand Prix de Paris am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Diese Option haben viele Lys-Sieger wahrgenommen, Erupt, Flintshire und Montmartre konnten zuletzt sogar gewinnen. Auch Guardini, der einzige Deutsche in der Siegerliste vor Quest the Moon, ist dieser Route gefolgt und hat dafür – man glaubt es kaum – das Deutsche Derby 2014 ausgelassen. In Longchamp kam er dann nur auf den zehnten Platz. Neben Guardini gab es im Prix du Lys vor Quest the Moon noch vier weitere deutsche Starter: Ibicenco wurde Zweiter, Prince Flori Vierter, Lamool Fünfter und Walsingham Sechster.

Quest the Moon soll anders als Guardini sicher im Deutschen Derby laufen, ein weiterer Start vorher ist kaum wahrscheinlich, denn das Union-Rennen als einzig in Frage kommendes Rennen gibt es ja schon in zwei Wochen. Trotz seines imponierenden Sieges und der Tatsache, dass die meisten Buchmacher ihn als Favoriten führen, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Nummer Eins im Derby tragen, dazu gibt der Prix du Lys diesmal nicht genügend her. Quest the Moon war schon vor dem Zug der einzige Gruppesieger und zusammen mit Talk or Listen, der Vierter wurde, das Pferd mit dem höchsten Rating im kleinen Feld. Mein französischer Kollege Eric LeGuen hat denn auch keine Veranlassung gesehen, seine Marke von 93 kg in irgendeiner Form zu verändern, womit ich nicht ganz einverstanden bin. Ich habe Quest the Moon um ein Kilo auf 94 kg (Rating 108) heraufgesetzt, eine Marke, die auch in Hinblick auf Django Freeman (94,5 kg), der Quest the Moon im Bavarian Classic hat schlagen können, stimmig erscheint.

Video: Prix du Lys 2019 (Gr.III) - Sieger: Quest the Moon

Neben Quest the Moon hat am Wochenende auch Laccario durch den Sieg im Aengevelt Derby-Trial in Düsseldorf für Bewegung an der Derbyfront gesorgt. Wer wissen will, was der Stil eines echten Derbypferdes ist, der muss sich dieses Rennen ansehen, in dem sich Laccario zuletzt mit unerhört kraftvollem Antritt von Nirvana Dschingis absetzte. Mit Quest the Moon, Laccario, Django Freeman, Winterfuchs und Dschingis First ist die Favoritengruppe für das Derby erst einmal fest umrissen und der Eindruck, den diese Pferde bisher hinterlassen haben ist – jedenfalls bei mir–- nicht der Schlechteste.

Laccario gewinnt spielend den Aengevelt Derby-Trial in Düsseldorf
Laccario gewinnt spielend den Aengevelt Derby-Trial in Düsseldorf

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Auch wenn man, so wie ich, schon mehr als 50 Jahre zur Rennbahn geht, passieren doch immer noch Sachen, über die man nur staunen kann. King´s Advice zum Beispiel. Vor ziemlich genau zwei Jahren schrieb ich schon einmal über diesen kleinen Kerl, der ohne größere Anstrengung unter jedes Begrenzungsrail spazieren könnte. Anlass dazu gab neben seinem Erfolg gleich beim Debüt die Tatsache, dass seine Eltern mehrfache Gruppe-I-Sieger sind und beide ungeschlagen blieben – Frankel bei 14 Starts, Queen´s Logic bei fünf. Sowas kommt ja nicht gerade häufig vor. Nach seinem Maidensieg als Dreijähriger gewann King`s Advice, damals von Andreas Wöhler für Jaber Abdullah trainiert, bei sechs Starts noch zwei Handicaps, zuletzt am 20. Mai 2018 in Hoppegarten. Danach wechselte er zu Trainer Eoghan J. O`Neill in die Normandie, für den er im August 2018 in Pornichet-La Baule nur einmal an den Start kam und Letzter wurde. Am 18. Februar 2019 dann erneut ein Trainerwechsel, jetzt zu Mark Johnston in den Norden Englands. Und nun ging es los: bereits zwei Wochen später folgte der erste Handicap-Sieg auf der Allwetterbahn von Lingfield, wobei der dortige Handicapper die deutsche Marke von 76 kg sehr großzügig in ein Rating von 71 transformierte. Anschließend ging es die Leiter Sprosse für Sprosse weiter hinauf bis er schließlich am vorigen Samstag in Goodwood sein sechstes Handicaprennen in Folge gewann. In England ist er also noch ungeschlagen und inzwischen bei einer Marke von umgerechnet mehr als 90 Kilo angekommen. Er gehört offenbar immer noch der Jaber-Familie, Saeed Jaber fungiert als Besitzer. Die Rede ist jetzt von Royal Ascot.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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