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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

"Es irrt der Mensch, solang er strebt"

7. August 2019

Es irrt der Mensch, solang er strebt. Das sagt Goethe in seinem Faust, und man darf dem Dichterfürsten dafür dankbar sein, hat er damit doch jedem Irrenden die Möglichkeit eröffnet, sich auf ihn als letzte Instanz berufen zu können. Bill Gates soll einmal gesagt haben, dass 640 kB eigentlich genug für jeden sein sollten, die Schallplattenfirma DECCA lehnte einen Vertrag mit den Beatles ab, weil mit Gitarren besetzte Gruppen absolut keine Zukunft hätten, und Gottfried Daimler prophezeite 1901, dass die weltweite Nachfrage nach Automobilen keine Million erreichen wird – allein schon aus Mangel an Chauffeuren. Mein Lieblingszitat, Prophezeiungen betreffend, stammt übrigens vom ehemaligen Direktoriums-Generalsekretär Franz Châles de Beaulieu. Vom „Sport-Courier“ nach dem Derbysieger des Jahres 1949 gefragt, antwortete er: „Da ich leider den Sieger des Derbys noch nicht kenne und Prophezeiungen gegenüber skeptisch geworden bin (siehe Namensänderung des Pferdes Endsieg in Endspurt), enthalte ich mich der Stimme. Übrigens bei Wahlen auch. Von Politik verstehe ich nichts. Was leider manchen nicht abhält, sich damit zu befassen. Im Rennsport soll das auch vorkommen.“

Aus Gründen, die so offenkundig sind, dass ich sie hier nicht noch einmal aufzählen will (Jährlingskauf, todsichere Tipps etc. pp.) bieten auch die Zucht von Rennpferden und die daraus resultierende Veranstaltung von Galopprennen reichlich Gelegenheit für Irrtümer jeglicher Art. So irrte auch der Handicapper, als er nach sorgfältigen Überlegungen für den diesjährigen G1-Henkel-Preis der Diana in Düsseldorf drei Stuten mit jeweils 93 kg über alle anderen stellte, von denen dann nur eine gerade Mal auf den dritten Platz kommt. Stattdessen läuft, von allen übersehen und unterschätzt (auch von ihren Besitzern, die eine Reise nach Düsseldorf nach dem Ausfall ihrer höher eingeschätzten Anna Pivola für nicht mehr lohnenswert erachteten – auch ein Irrtum!), die 245:10-Außenseiterin Diamanta an allen vorbei und gewinnt mit knapp zwei Längen. Diamanta ist beileibe nicht die erste Außenseiterin, die das größte Stutenrennen des Jahres gewonnen hat, schon 1943 siegte die Röttgenerin Leibwache zur Quote von 339:10. Das menschliche Gehirn bekommt es irgendwie nicht recht sortiert, wenn es dann in Düsseldorf des Mannes ansichtig wird, der damals – vor 76 Jahren! – Leibwache zum Sieg geritten hat: Hein Bollow. Nach einigen beunruhigenden Nachrichten in den letzten Wochen, hatte der 98-Jährige am Sonntag wieder seinen gewohnten Beobachtungsposten im Düsseldorfer Waagegebäude bezogen. Er sah aus wie immer, nur die Worte gingen etwas langsamer über die Lippen, als er seine anderen Diana-Siegerinnen aufzählte: „Asterblüte – Jana – Wildbahn.“

Hein Bollow am 04. August 2019 in Düsseldorf
Hein Bollow am 04. August 2019 in Düsseldorf

Eine große Außenseiterin hat also diesmal die Diana gewonnen, aber der Sieg von Diamanta kam durchaus nicht aus dem Nirgendwo. Ihr letzten Laufen darf man streichen, da sie, als Favoritin gestartet, lange klar am Ende des Feldes gelegen und in sechster Spur durch den Schlussbogen gehend und so nie ins Rennen fand. Davor war sie in einem Listenrennen nur minimal hinter Durance eingekommen und bei ihrem Maidensieg im Mai in Köln schlug sie Naida, die auch am Sonntag wieder ihre härteste Gegnerin war. Möglich, dass Diamanta wirklich eine gute Diana-Siegerin ist, auch wenn es ihrem Stall bisher etwas an letztem Zutrauen gefehlt haben mag, denn weiterführende Nennungen für Gruppe-I-Rennen hatte sie nicht bekommen, erst am Montag erfolgte eine für den Großen Preis von Bayern am 3. November. Bis dahin kämen noch Starts im G2-Zastrow-Rennen (kein Aufgewicht für Gruppe-I-Siegerinnen) in Baden-Baden oder im G3-Deutschen St. Leger in Frage, auch eine Nachnennung für den Preis von Europa erscheint denkbar. Von Prix Vermeille und Prix de l´Opera, also denjenigen Rennen, die zuletzt die meisten Diana-Siegerinnen erfolglos angesteuert haben, war bisher nichts zu hören. Egal wie und wo: man wäre unendlich dankbar, wenn es einer Diana-Siegerin mal wieder gelänge, anschließend als Dreijährige noch ein weiteres Rennen zu gewinnen. Sieht man von der Engländerin Dancing Rain ab, so war Elle Danzig 1998 die Letzte, die das geschafft hat. Man kann es kaum glauben. Was nun die neue Marke von Diamanta angeht, so ergibt sich diese über die Dritte Durance, von der angenommen werden kann, dass sie ihre Bestform zur Verfügung hatte. Somit kommt Diamanta auf 95 kg, die Zweite Naida, die ein großes Rennen lief, steigerte sich ebenso wie die Vierte Satomi auf 93 kg.

Die Diana war international das letzte der klassischen Steherrennen für die dreijährigen Stuten in dieser Saison mit folgenden Ergebnissen und Ratings:

Kentucky Oaks: Serengeti Empress 114 (97 kg)
Epsom Oaks: Anapurna 113 (96,5 kg)
Irish Oaks: Star Catcher 113 (96,5 kg)
Japanese Oaks: Loves Only You 113 (96,5 kg)
Prix de Diane: Channel 112 (96 kg)
Preis der Diana: Diamanta 110 (95 kg)
Oaks d´Italia: Lamaire 104 (92 kg)

Video: 161. Henkel-Preis der Diana - German Oaks (Gruppe 1) – Siegerin: Diamanta

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Mein englischer Kollege Dominic Gardiner-Hill überraschte mich kürzlich damit, dass er nach dem großen Kampf zwischen Enable und Crystal Ocean in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes bei der Analyse und Gewichtung des Rennens nicht wie in solchen Fällen üblich ein Pfund, sondern zwei zwischen beide Pferde legte. Zur Begründung führt er an, das Tracking-System habe ausgewiesen, dass Enable während des Rennens 1,9 Meter mehr zurückgelegt habe, als ihr großer Rivale. Hmm. Hätte Düsseldorf auch ein solches System (was in Deutschland nur in Hoppegarten existiert, das die Ergebnisse aber allenfalls auf Anfrage hin herausgibt), dann wüssten wir jetzt, wie viele Meter Accon im G3-Fritz-Henckel-Rennen mehr gelaufen ist als sein Bezwinger Bristano. Gewiss mehr als nur knapp zwei Meter. Es war also eine sehr unglückliche Niederlage, die der Derbydritte bezog, die ihm aber trotzdem (oder auch deswegen) ein glänzendes Zeugnis ausstellte, denn schließlich hatte er auch noch zwei Kilo mehr zu tragen, als die meisten seiner Konkurrenten. Eine Rechnung über die hinter Bristano und Accon eingekommenen Pferde ergibt für Bristano 95 kg (Rating 110) und für Accon stattliche 96,5 kg (113), eine Steigerung gegenüber dem Derby um anderthalb Kilo. Die Dreijährigen halten sich also weiter sehr gut gegen die ältere Garde, was aber angesichts der eher bescheidenen Qualität der Derby-Jahrgänge 2017 und 2018 keine heroischen Taten erfordert. Dazu passt auch der Sieg von Ashrun am Sonntag im G3-Prix de Reux in Deauville gegen zwei ältere Pferde von Godolphin. 93,5 kg (Rating 107) war das wert.

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Der bemerkenswerte Mockingjay hat in Düsseldorf tatsächlich sein fünftes Handicap in Folge gewonnen. Zuletzt warmeines Wissens Northern Rock im Jahre 2016 eine solche Serie gelungen. Und schon höre ich Stimmen, die jetzt ein „ordentliches“ Aufgewicht erwarten, offensichtlich damit es mit dem Siegen jetzt ein Ende hat und andere auch mal zum Zuge kommen. Ja, warum denn? Der Handicapper darf kein Siegverhinderer sein, er muss bei der Verteilung von Aufgewichten so vorgehen, dass das betreffende Pferd immer noch ein Siegchance hat. Und solange es immer nur mit „Kopf“ oder „Hals“ gewinnt, sind Aufgewichte von mehr als 3 ½ Kilo nur schwer zu rechtfertigen. Mockingjay begann die Saison mit einem GAG von 58,5 und steht nach seinen fünf Siegen jetzt bei 75,5, hat also für jeden Sieg im Schnitt 3,5 kg Aufgewicht bekommen, wobei er dreimal nach hartem Kampf mit Kopf oder Hals, einmal mit einer ¾-Länge und einmal mit 1 ½ siegte. Mit seinem bewundernswerten Kampfwillen gleicht Aufgewichte immer wieder aus.
Ein anderer Handicap-Seriensieger ist bekanntlich in England zu Hause, der früher von Andreas Wöhler und jetzt von Mark Johnston trainierte King´s Advice. Am Samstag gewann er mit unbändigem Kampfgeist sein achtes Handicap in diesem Jahr (bei 9 Starts), mit einem Aufgewicht von fünf Pfund steht er jetzt bei einem Rating von 113 (96,5 kg), hat sich seit Saisonbeginn also um 42 Pfund nach oben gearbeitet. Das bedeutet ein durchschnittliches Aufgewicht von 5 ¼ Pfund pro Rennen. In England fallen Sieg-Aufgewichte in der Regel geringer aus als bei uns, dafür werden aber auch die Platzierten noch belastet.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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