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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Gedanken zum Saisonauftakt

3. April 2019

Der Galopprennsport kann ja für sich in Anspruch nehmen, den deutschen Wortschatz durch einige schöne Begriffe reicher gemacht zu haben. Was wäre ein Spiel zwischen Dortmund und Schalke, wenn es das Wort Derby nicht gäbe und was, wenn bei einem 7:0 nicht von einem Kantersieg gesprochen werden könnte. Auch der Aufgalopp hat es in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft und wird auch abseits seiner eigentlichen Bedeutung, wonach er „nicht nur das Pferd aufwärmen, sondern dem Reiter auch zeigen soll, ob der Gaul in Ordnung und fähig zu laufen ist“ (Oskar Christ etwas despektierlich in seinem aus Olims Zeiten stammenden „ABC des Rennsports“), er wird also über diese Bedeutung hinaus gerne verwendet, wenn es um einen Auftakt oder Anfang geht („Aufgalopp der Parteien zur Berlin-Wahl“).
Der Aufgalopp auf der Rennbahn hat inzwischen allerdings viel von seiner ehemaligen Aussagekraft eingebüßt. Ich erinnere mich zum Beispiel noch an den legendären Aufgalopp von Athenagoras mit Harro Remmert vor dem 1973-er Derby in Hamburg-Horn, der viele Leute veranlasste, schnell noch einmal an die Wettkassen zu eilen. So etwas kriegt man heute nicht mehr zu sehen. Dafür liest man jetzt vom Aufgalopp, wenn es um den Saisonauftakt eines Rennvereins geht, oder – wie am vorigen Sonntag in Köln beim Racebets.de Grand Prix Aufgalopp – um das Warmlaufen von Pferden der guten Klasse für die kommenden großen Rennen.

Saisonauftakt in Köln, Copyright: Marc Rühl
Saisonauftakt in Köln, Copyright: Marc Rühl

Es war der 30. Grand Prix Aufgalopp seitdem Köln 1986 dieses Rennen in der Nachfolge des ehemaligen Dortmunder Moormann-Rennens im Jahresprogramm hat. Wirkliche Spitzenpferde waren in dieser Zeit eher selten am Start, die sparten sich ihren Aufgalopp lieber für den Gerling-Preis (seit neuestem Carl Jaspers-Rennen) auf. Aber mit Taishan, Germany, Egerton und Oriental Tiger haben doch einige gewonnen, die man auch bei Anlegen eines strengen Maßstabs in die Kategorie Spitzenpferde einordnen darf. Auf diesem Niveau bewegten sich die Teilnehmer diesmal eher nicht, es waren aber doch ordentliche Pferde, die man am Sonntag zu sehen bekam. Dass am Ende ein Pferd gewann, von dem man es am wenigsten erwartet hat, muss nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein, denn augenblicklich muss man froh sein über jedes Pferd, das sich in unsere derzeit sehr dünne Grand-Prix-Elite läuft. Ob die Siegerin Nacida sich in dieser Kategorie etablieren kann, wird sich zeigen. In Köln profitierte sie noch von zum Teil erheblichen Gewichtsvorgaben, die auch Grund dafür sind, dass mehr als eine Marke von 90 Kilo für Nacida erst einmal nicht möglich ist. Das ist sicher nicht die Welt und zusammen mit Mighty Mouse, dem Sieger von 2017 und 2012, die niedrigste Marke der vergangenen zehn Jahre in diesem Rennen – für eine fünfjährige Stute, die vor einem Jahr noch mit einer Marke von 75 kg im Ausgleich II unterwegs war, kann sich das aber wohl sehen lassen.

Köln: RaceBets de Grand Prix Aufgalopp (L) - Siegerin: Nacida

Nun ist das Jahr erst drei Monate alt und bei uns hat die Saison kaum erst begonnen, da liegt der reichste Renntag mit dem reichsten Rennen des Jahres bereits hinter uns. 35 Millionen Dollar, davon 12 Millionen allein im Dubai World Cup, gab es in acht Rennen am Samstag auf der Rennbahn von Meydan zu gewinnen, soviel wie nie zuvor. Die Frage, ob das viele Geld auch immer in einem angemessenen Verhältnis zur Klasse der dort startenden Pferde steht, ist in der Vergangenheit einige Male aufgeworfen worden. Dieses Mal stellte sie sich aber nicht, denn neben dem Vorjahressieger im World Cup (Thunder Snow) und anderen Klassepferden waren auch die Sieger von Melbourne Cup (Cross Counter) und Japan Cup (Almond Eye) am Start. Dass alle drei ihre Rennen gewinnen konnten und dazu mit Blue Point und Old Persian weitere Favoriten, war eine in dieser Form seltene Bestätigung bisher gezeigter Leistungen.

Was nun die Ratings für diese Pferde angeht – für den Handicapper natürlich immer die Hauptsache nach solchen Rennen – so war für mich der Sieg Old Persian gegen die beiden Japaner Cheval Grand und Suave Richard am meisten wert. 122 (101 kg) ist meine neue Marke für ihn, vier Pfund mehr als bisher. Danach habe ich Thunder Snow mit 121, Blue Point mit 120, Almond Eye mit 119 (hatte als Stute 2 kg Gewichtserlaubnis) und Cross Counter mit 117 auf dem Zettel stehen.
Am meisten gesprochen wurde hinterher über den sehr beeindruckenden Sieg der japanischen Stute Almond Eye, die bisher erst einmal verloren hat (beim Debüt) und der augenblicklich beste Chancen für einen ersten japanischen Sieg im Prix de l´Arc de Triomphe eingeräumt werden – und über Christophe Soumillon. Der Franzose zeigte zwar eine taktische Glanzleistung, indem er Thunder Snow aus einer äußeren Startbox sofort in eine gute Position brachte, diese positiven Momente wurden aber überschattet von seinem – man muss schon sagen: wieder einmal exzessiven Peitscheneinsatz. Erst beim Breeders´ Cup im November war Soumillon – ebenfalls mit Thunder Snow – durch 15-maligen Gebrauch der Peitsche aufgefallen (und ohne Bestrafung davon gekommen), diesmal waren es offiziell 13 Schläge (ich habe mehr gezählt) und damit einer mehr als nach den großzügigen Regeln in Meydan erlaubt sind. Die anschließende Ordnungsmaßnahme von umgerechnet 6000 Euro ist dafür angesichts eines Siegpreises von 7,2 Millionen Dollar geradezu lächerlich.

Für den Handicapper ist die Peitsche ja eher ein Randthema, ihr Gebrauch oder Nichtgebrauch hat auf die Berechnung der Gewichte nur einen geringen bis gar keinen Einfluss. Für den Galoppsport insgesamt scheint sie aber ein immer größeres Thema zu werden. Erst kürzlich hat Irland die Anzahl der erlaubten Schläge auf acht beschränkt, in Frankreich gilt seit einigen Monaten ein Maximum von fünf, genauso viel wie bei uns in Deutschland. Geradezu revolutionär dagegen ist die in der vorigen Woche von Belinda Stronach verkündete Entscheidung, auf der Rennbahn von Santa Anita, die zur Stronach-Gruppe gehört, den Gebrauch der Peitsche ganz und gar zu verbieten. Diese Entscheidung ist in Zusammenhang mit den 22 tödlichen Unfällen seit Beginn des dortigen Wintermeetings am 26. Dezember zu sehen, die zur Folge hatten, dass der Rennbetrieb im März ruhte und in dieser Zeit auch eine Abkehr von den dort geltenden Dopingregeln mit dem erlaubten Einsatz von Entwässerungsmitteln und dem exzessiven Gebrauch von NSAIDS (schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln) verkündet wurde. Was das Peitschenverbot angeht, so ist man in Santa Anita zu der Überzeugung gelangt, dass es keine Rolle mehr spielt, ob die Peitsche dem Pferd nun Schmerzen bereitet oder nicht, sondern dass es einzig und allein auf die Außenwirkung ankommt, also auf den Eindruck, den der Peitschengebrauch in der Öffentlichkeit macht. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich eine solche Sichtweise langfristig auch woanders durchsetzen wird.

Nacida siegte im RaceBets.de Grand Prix-Aufgalopp, Copyright: Marc Rühl
Nacida siegte im RaceBets.de Grand Prix-Aufgalopp, Copyright: Marc Rühl
 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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