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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Madonnas erster Auftritt

31. Juli 2019

Bewunderer der globalen Pop-Ikone Madonna werden wissen, wo ihr Idol seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte. Es war im Danceteria, einem der bekanntesten Nachtclubs im New York City der 1980er-Jahre, dort präsentierte sie auch ihren ersten Hit, „Everybody“. Das Danceteria ist längst geschlossen, der Name aber lebt fort in einem jetzt vierjährigen Rennpferd, das unaufhaltsam auf dem Weg nach oben ist und das am Sonntag in München-Riem im G1-Großen Dallmayr-Preis unseren Pferden die in diesem Jahr schon obligatorisch gewordene Niederlage beibrachte. Wundern konnte einen das nicht, war Danceteria doch schon seinem Rating nach das beste Pferd im Feld, und so spürte man beinahe eine gewisse Dankbarkeit darüber, dass die braven Wai Key Star und Quest the Moon auf den nächsten Plätzen ein so tapferes Rennen liefen und es nicht zu einer in der Luft liegenden kompletten Blamage für unsere Galopper kam, denn mit Matterhorn und Stormy Antarctic waren ja noch zwei weitere Engländer im Rennen gewesen.

Danceteria siegt unter James Peter Spencer im Grosser Dallmayr-Preis 2019
Danceteria siegt unter James Peter Spencer im Grosser Dallmayr-Preis 2019

Es war ein recht merkwürdiger Rennverlauf, den uns die Teilnehmer in München geboten haben. Das Tempo war schnell, vielleicht sogar zu schnell, denn zu Beginn der Zielgeraden wurden – bis auf eine Ausnahme – alle Pferde, die bis dahin die Spitzengruppe gebildet hatten, nach hinten durchgereicht und waren am Ende um 28 und mehr Längen geschlagen. Die eine Ausnahme, und das soll hier besonders betont werden, war der Derbyvierte Quest the Moon, der sogar zu einem für einen Moment Erfolg versprechenden Vorstoß ansetzte, bis der wie gewöhnlich langsam gestartete Danceteria von hinten in nahezu überlegener Manier aufkreuzte und die Frage nach dem Sieger schon klar vor dem Ziel beantwortet war. Das positive an diesem Rennausgang war neben der Wiederauferstehung von Wai Key Star die Tatsache, dass Quest the Moon seine Leistung aus dem Derby genau bestätigt hat. Denn Danceteria kam mit einer Marke von 97,5 kg nach München (nach seinem vierten Platz in den Eclipse Stakes), so dass unser Derbyvierte bei einem Rückstand von 3 ¼ Längen zum Sieger erneut auf eine Leistungsmarke von 94,5 kg kommt, die er schon in Hamburg und davor im Longchamp im Prix du Lys gezeigt hat. Die Hoffnung auf eine Steigerung hat er allerdings noch nicht erfüllen können, was auch an einem erneut wenig geglückten Rennverlauf gelegen haben mag. Der Reiter mutete dem Pferd sehr viel zu und suchte reichlich früh die Entscheidung, zumal – wie die Trainerin durchblicken ließ – nach dem Derby ein Trainingsstopp hingenommen werden musste.

Video: München: Grosser Dallmayr-Preis 2019 - Sieger: Danceteria

Mit einem Rating von 97,5 kg (115) gehört Danceteria nicht zu den herausragenden Siegern des Dallmayr-Preises. Aus deutscher Sicht erinnert man sich mit etwas Wehmut an noch nicht lange zurückzuliegende Zeiten, in denen Pastorius seine Gegner mit acht Längen und mehr abfertigte, Lucky Lion einen internationalen Star wie Noble Mission zur Strecke brachte oder Iquitos einen Best Solution hinter sich ließ. Ein Wort noch zur Zeit des Rennens. Die Zeit von 2:14,96 Minuten ist die langsamste in der Geschichte dieser seit 1985 gelaufenen Prüfung (seit 1990 als Gruppe I). Grund hierfür war aber nicht etwa ein verbummeltes Rennen, denn das Tempo war ja, wie gesagt, sehr zügig. Es lag an dem durch mehrere kräftige Regenschauer sehr weich gewordenen Geläuf. Dass der Rennbericht trotz dieser offensichtlichen Tatsache behauptet, der Boden sein „gut“ gewesen, darf man bedauern.

Als der vom Rennglück so begünstigte Besitzer Waldemar Zeitelhack in den 1970er-Jahren einmal gefragt wurde, warum er so oft Außenseiter laufen lasse, antwortete er „Wenn man keine Außenseiter startet, können auch keine Außenseiter gewinnen“ – eine Einstellung, die ihm Siege im Prix de l´Arc de Triomphe (Star Appeal, 1197:10) und Preis von Europa (Pawiment, 1216:10) eingebracht hat. Auch Trainer Dominik Moser schickt seine Pferde gerne einmal dorthin, wo sie kaum beachtet werden: nach England. Gracia Directa und Artistica konnten dort schon schöne Rennen gewinnen, und jetzt, vor zwei Wochen in Newbury, hat Waldpfad mit seinem Erfolg in den G3-Hackwood Stakes über 1200 Meter allem die Krone aufgesetzt. 33:1 notierte der deutsche Gast bei den Buchmachern, in der Berichterstattung der britischen ITV wurde der deutsche Gast vor dem Start noch nicht einmal erwähnt.

Pawiment mit Andrzej Tylicki beim Aufgalopp
Pawiment mit Andrzej Tylicki beim Aufgalopp

Eine derartige Zurückhaltung hat natürlich seinen Grund, denn Siege in England sind große Ausnahmen für in Deutschland trainierte Pferde. Als Star Appeal 1975 die Eclipse Stakes gewann, haben Turfhistoriker herausgefunden, dass dies der erste Sieg eines deutschen Galoppers in England seit 1850 war, als Turnus den Stewards Cup in Goodwood gewinnen konnte. Sieht man von einigen kleineren Siegen vor allem auf der Hindernisbahn ab, so ist die Liste in England siegreicher Pferde aus Deutschland auch nach Star Appeal nicht bedeutend länger geworden. Wenn ich keinen übersehen habe, stehen auf dieser Liste neben den erwähnten Moser-Pferden noch Boreal (Coronation Cup), Energizer (Tercentenary Stakes) sowie Danedream und Novellist mit ihren Siegen in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes. Waldpfad hat also etwas Besonderes geschafft, zumal auf einer Distanz, auf der deutsche Pferde erfahrungsgemäß weniger glänzen.

In der Siegerliste der Hackwood Stakes findet man, nebenbei gesagt, noch einen anderen deutschen Namen: Auenklang gewann das Rennen vor 19 Jahren bei seinem ersten Start in den Farben von Godolphin, und das gleich mit sechs Längen, was ihm damals die imposante Handicapmarke von 117 (98,5 kg) einbrachte. Ganz so hoch kann man bei Waldpfad nicht greifen, aber seine neue Marke von 113 (96,5 kg) liegt immerhin deutlich über den langjährigen Durchschnitt für den Sieger dieses Rennens (111=95,5 kg). Schaut man sich hier in Deutschland um, das bekanntlich nur wenig erstklassige Flieger hervorbringt, so ist die Marke von 96,5 für Waldpfad in diesem Jahrhundert auf Distanzen bis 1400 Meter nur einmal übertroffen worden, von Toylsome im Jahr 2009 mit 99 kg (118).

Nun ist man doch schon mehr als 20 Jahre in diesem Job, aber so etwas ist einem noch nicht untergekommen – dass eine fünfjährige Stute sich innerhalb von noch nicht einmal zehn Monaten von einem Ausgleich IV-Pferd in ein Gruppe-I-Pferd verwandelt. Joplin heißt dieses Wundertier. Am 1. Mai vorigen Jahres betrat sie erstmal eine Rennbahn, für ein E-Rennen für Sieglose, und sie brauchte zwei Anläufe, um ein solches Rennen am 23. Juni 2018 in München-Riem zu gewinnen. 58 Kilo war das wert, eine Marke, mit der sie bei der Großen Woche in Baden-Baden im Ausgleich IV nur Siebte werden konnte, aber sie war damals entschuldigt, trat sich vor dem Start ein Eisen ab, wurde neu beschlagen und kam lahm aus dem Rennen. Den fälligen Ausgleich IV-Sieg holte sie dann beim Sales & Racing Festival nach. Nach zwei weiteren Siegen in Straßburg und Chantilly war sie am Jahresende schon bei 72 kg angelangt, eine Marke, mit der sie dann im Mai einen Ausgleich II in München gewann. Der große Sprung gelang danach in einem Listenrennen in Hannover, in dem sie nur knapp von Shafran Mnm geschlagen war, und groß war der Sprung auch im Handicap, denn dafür gab es 10,5 kg Aufgewicht. Aber es ging noch weiter, denn vier Wochen danach siegte, sie in einem Listenrennen in Deauville. War man noch geneigt, einen Teil dieses Erfolges auch ihrem Reiter Frankie Dettori zuzuschreiben, so überraschte Joplin am vorigen Sonntag erneut, als sie im G1-Prix Rothschild gegen die Elite der europäischen Stuten tapfer mithielt und als Vierte noch fünf Konkurrenten hinter sich ließ. Jetzt steht sie bei 92 kg, das sind 34 Kilo mehr als vor 10 Monaten – und wer weiß, was noch alles kommt.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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