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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

"Flieger sind schließlich auch Pferde"

28. August 2019

Das Leben lehrt uns, dass Menschen zu bestimmten Begriffen häufig unterschiedliche Vorstellungen entwickeln. Bei den Worten „Goldene Peitsche“ zum Beispiel wandern die Gedanken von Freunden des Krautrocks zur Berliner Punk-Band „Vögel die Erde essen“, die gerade auf ihrer Deutschland-Tour ihr neues Album „Die Goldene Peitsche“ vorgestellt haben, die Presse war vom dichten Sound der Band begeistert. Die Älteren unter uns erinnern sich möglicherweise an einen 1938 gedrehten Technicolor-Farbfilm mit dem Titel „Die goldene Peitsche“, der von einer Familienfehde im Umfeld eines Pferderennens in Kentucky erzählt, mit der großartigen Loretta Young in der Hauptrolle. Andere wiederum – das Leben bietet eben viele Facetten – mögen hinter dem Begriff „goldene Peitsche“ eine Auszeichnung für eine besonders talentierte Domina vermuten.
Die einzig „richtige“ Goldene Peitsche ist natürlich – wie wir alle wissen – das Pferderennen, das alljährlich über 1200 Meter während der Großen Woche in Iffezheim stattfindet und das am vorigen Sonntag mit Unterstützung des Casino Baden-Baden zum 149. Mal gelaufen wurde. Das Rennen war diesmal von besonderem Interesse, als mit Waldpfad erstmals seit Langem wieder einmal ein in einem bedeutenden deutschen Gestüt gezogenes Pferd reelle Aussichten auf den Sieg anmelden konnte. So etwas kommt nicht oft vor, denn der Flieger ist seit jeher im deutschen Renn- und besonders Zuchtsystem eine Randfigur, der Fokus der großen deutschen Zuchten liegt auf dem speedbegabten Steher. Aber: „Flieger sind schließlich auch Pferde“, schrieb die „Sport-Welt“ schon 1952 in einem Artikel, in dem der Mangel an attraktiven Fliegerprüfungen thematisiert wurde. Zur damaligen Zeit siegten auch noch große Gestüte wie Waldfried, Röttgen, Erlenhof und Ebbesloh in der Goldenen Peitsche, allerdings weniger mit Spezialisten für die Sprintdistanz, sondern mit ihren besten Pferden, also auch mit Stehern. So der Waldfrieder Baal, der 1954 das Kunststück fertigbrachte, während der Großen Woche erst die Goldene Peitsche und danach auch den Großen Preis von Baden über die doppelte Distanz zu gewinnen. Die Vorstellung, ein Laccario würde vor dem Großen Preis schnell noch in der Goldene Peitsche starten, erscheint heute absurd. Nur selten kommt heute einmal ein Pferd aus einer großen deutschen Zucht in der Goldenen Peitsche an den Ablauf, der letzte Sieger mit derartigem Hintergrund war Rubens aus der Zucht von Fredy Ostermann, 1972 war das. Entsprechend gering ist auch der Einfluss, den die Sieger der Goldenen Peitsche in den letzten sechzig Jahren auf die Vollblutzucht in Deutschland genommen haben – mit einer großen Ausnahme: Areion. Der Sieger der Goldenen Peitsche aus dem Jahre 1998 war mehrfach Championdeckhengst und glänzt derzeit wieder mit seinen Nachkommen, vor allem mit den beiden talentierten Zweijährigen Alson und Alison.

Video: BBAG Auktionsrennen 2019 - Siegerin Alison - Zieleinlauf

Ein großer Teil der Faszination dieses Rennens geht seit jeher auch von seinem Ehrenpreis aus, der vergoldeten Peitsche, mit den Namen aller Sieger seit 1867. Je nachdem wieviel Gold aufgetragen wird, kann der materielle Wert bis in fünfstellige Regionen reichen. Am vorigen Sonntag konnte man das gute Stück zunächst in der Vitrine des Renn-Clubs betrachten, später lag es für einen Moment sogar unbewacht auf einem Tisch neben dem Siegerehrungspodest, so dass ich kurz an den Melbourne Cup denken musste, der 1938 einmal gestohlen wurde, zwar nicht von der Rennbahn, aber während einer Ausstellung.

Im Vorfeld des Rennens war ich eigentlich sehr zuversichtlich hinsichtlich eines Erfolges von Waldpfad gewesen – bis zu dem Moment, als Royal Intervention den Führring in Iffezheim betrat. Die Fuchsstute mit den weißen Abzeichen ließ schon aufgrund ihres blendenden Aussehens eigentlich keinen Zweifel am Ausgang des Rennens mehr zu. Als sie nach dem Start dann auch noch sofort an die Spitze kam und Waldpfad ganz am Ende erst einmal seinen Rhythmus finden musste, war der Sieg nur noch eine Formsache.

Royal Intervention; Copyright Marc Rühl
Royal Intervention; Copyright Marc Rühl

Angesichts dieser Umstände zeigte Waldpfad auch in der Niederlage eine exzellente Partie, auch wenn er etwas hinter seiner Form aus England zurückblieb, die ihm ein beachtliches Rating von 96,5 kg eingebracht hatte. In Newbury war der Boden sehr weich und damit mehr zum Vorteil für Waldpfad gewesen, die Zeit für die 1200-Meter-Strecke wurde damals mit 1:15,83 Minuten gemessen. Diesmal, auf schneller Bahn, war die Siegerin bereits nach 1:08,49 Minuten im Ziel und Waldpfad kam auch aufgrund des schnellen Tempos zu keiner Zeit in eine aussichtsreiche Lage. Für den Handicapper ist das Rennen nicht leicht zu lesen, man kann mit den Zahlen schnell zu hoch, aber auch zu niedrig kommen. Die Siegerin hat sich zweifellos gesteigert, schon ihre Vorformen waren mehrfach aufgewertet worden, so dass 95 Kilo (Rating 110) für ihren Sieg angemessen erscheinen, sie verbessert damit ihre bisherige Bestform um zwei Kilo. Waldpfad kommt demnach auf 94,5 kg, Big Boots auf 92 kg und Namos auf 91,5 kg.

Video: 149. Casino Baden Baden Goldene Peitsche (Gr.II) - Sieger: Royal Intervention

* * *

Das am vorigen Samstag in York zu Ende gegangene Ebor-Meeting ist in meinem Gedächtnis für immer mit dem ersten Juddmonte International im Jahre 1972 verbunden. Damals, beim ersten Mal, hieß das Rennen noch Benson & Hedges Gold Cup, und Brigadier Gerard, eines der besten Pferde aller Zeiten, bezog nach 15 Siegen in Folge seine erste, sensationelle Niederlage, die auch seine einzige bleiben sollte. Ich verfolgte die englischen Rennen damals immer im Rundfunk über den Sender British Forces Broadcast Service (BFBS), und wenn Peter Bromley sich mit sonorer Stimme meldete, hatte man immer das Gefühl, live dabei zu sein. Wegen eines Streiks der BBC, von dem ich nichts ahnte, war Bromley diesmal aber nicht zu hören und so wartete ich vergeblich auf seine Reportage. Stattdessen erfolgte plötzlich die für mich schockierende Durchsage: „Brigadier Gerard was beaten by Roberto at York!“ Später konnte man dann nachlesen (wegen des Streiks gibt es bis heute keine Bilder), wie der panamanesische Jockey Braulio Baeza mit dem Derbysieger Roberto an der Spitze ein so wahnwitziges Tempo vorlegte, dass drei der fünf Teilnehmer, darunter auch der spätere Arc-Sieger Rheingold, schon vor Erreichen der langen Zielgeraden völlig fertig waren und nur der Brigadier augenscheinlich leicht zu Roberto aufzuschließen in der Lage war. Als er ihn fast erreicht hatte, war aber auch bei ihm der Tank leer, Roberto zog wieder weg und gewann mit drei Längen.

Auch danach hat es noch die eine oder andere Überraschung in diesem Rennen gegeben und es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht irgendein Trainer und Besitzer, der während des Ebor-Meetings einen klaren Favoriten startet, auf die Niederlage von Brigadier Gerard hinweist, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass jedes Rennen erst einmal gewonnen werden muss. Genau das tat auch John Gosden am Donnerstag vor den G1-Yorkshire Oaks, für die er die 12:10-Favoritin Enable vor deren letzten Auftritt auf einer englischen Rennbahn sattelte. Enable verlor nicht, obwohl mit Magical eine starke Gegnerin dabei war, gegen die sie zuletzt zweimal nur knapp gewinnen konnte. Sie gewann diesmal sogar mit 2 ¾ Längen, was uns Handicapper in die Lage versetzte, Enable erstmals in diesem Jahr mit einem Rating auszustatten, das sie voraussichtlich an die Spitze der nächsten Weltrangliste bringen wird, die am 12. September erscheinen soll. Mit 128 (104 kg) haben wir den Sieg bewertet, womit sie jetzt auch ein Pfund über Crystal Ocean zu stehen kommt. Den hatte sie im Juli in den King George VI. and Queen Elizabeth nach härtestem Kampf zwar schlagen können, war aber aufgrund der Tatsache, dass ihr Gegner drei Pfund mehr trug, in der Weltrangliste hinter diesem zurückgeblieben, was von Vielen, die sich mit der Mathematik der Handicapper nicht so auskennen, mit Kritik bedacht wurde. Jetzt also sind Verstand und Gefühl (das sagt, das Enable und nicht Crystal Ocean das bessere Pferde ist) wieder in Einklang gebracht.
Die 128 für Enable waren nicht das einzige Monster-Rating dieses Meetings. Battaash setzte mit 127 (103,5) für seinen Blitz-Sieg in den G1-Nunthorpe Stakes neue Maßstäbe auf der Fliegerstrecke und verbesserte bei dieser Gelegenheit auch gleich den 29 Jahre alten Bahnrekord des Supersprinters Dayjur um einige Zehntel. Aber auch für die Siege des Dreijährigen Japan in den G1-Juddmonte International (122=101 kg) und des Steherkönigs Stradivarius bei dessem neunten Sieg in Folge im G1-Lonsdale Cup (121=100,5 kg) sorgten für hohe Ratings. 

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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