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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

"Spielverderber!"

9. Oktober 2019

Der Ruf des Spielverderbers ist im Allgemeinen nicht der Beste. Er ist es, der anderen das Vergnügen verdirbt oder sich nicht an die Regeln hält. Zu den bekannten Spielverderbern unserer Zeit zählen der Fußballtrainer José Mourinho, den der „Tagesspiegel“ einmal den „König der Spielverderber“ nannte. Oder Christian Lindner, der aus den beinahe schon harmonischen Jamaika-Sondierungen plötzlich ausstieg und „Auf Wiedersehen“ sagte. Unvergessen als großer Spielverderber ist auch der Kabarettist Wolfgang Neuss, der – die Älteren unter uns werden sich erinnern – am Tag vor der sechsten und letzten Folge des Durbridge-Krimis „Das Halstuch“ in einer großen Zeitungsanzeige den Mörder verriet. Der Spielverderber beim Qatar Prix de l´Arc de Triomphe am vorigen Sonntag in Paris-Longchamp war Gestüt Ammerland & Newsells Parks fünfjähriger Hengst Waldgeist, der auf den letzten 50  der insgesamt 2400 Meter langen Strecke, an Enable erst heran- und dann tatsächlich auch vorbeiging. Dabei hatte er so viel Schwung und Enable so viel bleierne Müdigkeit in den Beinen, dass er auf dem nur noch kurzen Weg zum Ziel noch einen Vorsprung von fast zwei Längen heraussprang.

Video: Prix de l’Arc de Triomphe 2019 - Sieger Waldgeist - Quelle: France Galop

Es war also wieder nichts mit einem dritten Sieg im Prix de l´Arc de Triomphe. So wie schon 2015, als Trève an dieser Aufgabe scheiterte, gar nur Vierte wurde. (Es wird übrigens gerne übersehen, dass es noch eine dritte Stute gab, die den „Arc“ dreimal hätte gewinnen können – Corrida, die Doppelsiegerin der Jahre 1935 und 1936; sie war auch schon 1934 als Dreijährige dabei und wurde Dritte, Hals-Hals geschlagen.) Und nun Enable: „Agonie – Waldgeist bricht die Herzen aller Enable-Fans“ hieß es am Montag auf der Titelseite der „Racing Post“. Drei Mal waren Enable und Waldgeist zuvor aufeinandergetroffen, jedes Mal mit dem besseren Ende für die englische Stute. Was diesmal eine Formumkehr ermöglichte, war nicht allein das Wetter, denn Enable hat schon mehrfach auf weichem Boden gewonnen, wenn auch nicht auf so weichem wie diesmal. Den Ausschlag gab vielmehr das Stehvermögen. Ghaiyyath legte an der Spitze angesichts der Bodenverhältnisse ein derart hohes Tempo vor (dem er selbst zum Opfer fiel), dass zum Schluss dasjenige Pferd vorne war, das die 2400 Meter am besten durchstand – und das war Waldgeist. Die letzten 200 Meter legte er in 12,72 Sekunden zurück, Enable brauchte 13,40, Sottsass 13,41 Sekunden. Umgerechnet sind das dreieinhalb Längen, die Waldgeist in der Endphase des Rennens seinen nächsten Rivalen noch abgenommen hat.
Wo Waldgeist sein großes Stehvermögen herhat, ist leicht herauszufinden. Von seinem Vater Galileo natürlich, vor allem aber von der mütterlichen Seite, wo in den ersten vier Generationen die Namen Monsun, Königsstuhl, Acatenango und Surumu zu finden sind, also so ziemlich das Beste, was Deutschland in der Vollblutzucht hervorgebracht hat. Und die direkte mütterliche Linie, der ja immer besondere Aufmerksamkeit zuteilwird, ist mit der Ravensberger Waldrun-Linie eine der besten des deutschen Gestütsbuchs. Die deutsche Vollblutzucht kann sich also durchaus einiges einbilden auf diesen Arc-Sieg, zumal auf der Vaterseite in der dritten Generation mit der Lombard-Tochter Allegretta auch noch eine Schlenderhanerin auftaucht.

Waldgeist siegt Prix de l´Arc de Triomphe 2019; Copyright: Marc Rühl
Waldgeist siegt Prix de l´Arc de Triomphe 2019; Copyright: Marc Rühl

Für Waldgeist war es die Krönung einer langen Rennlaufbahn, die er zweijährig gleich mit einem Sieg begann. Ende Oktober folgte noch ein Gruppe-I-Sieg, als er das Criterium de Saint-Cloud über die für einen Zweijährigen bereits weite Distanz von 2000 Meter gewann. Unter den Pferden, die Waldgeist dabei hinter sich ließ, waren Wings of Eagles, Capri, Rekindling, Best Solution und Warring States, also die späteren Sieger von Epsom Derby, Irish Derby, St. Leger, Melbourne Cup, Großer Preis von Baden, Großer Preis von Berlin, Caulfield Cup und Bavarian Classic. Angesichts dieser von ihm schon damals geschlagenen Zelebritäten verwundert es im Nachhinein, dass Waldgeist dreijährig kein Rennen gewinnen konnte, bei seinem finalen Start in diesem Alter sogar nur Vierter im Großen Preis von Bayern werden konnte, hinter Guignol, Iquitos und Dschingis Secret (ja, es ist noch nicht so lange her, dass wir so gute Pferde hatten). Aber Trainer André Fabre hat immer gesagt, dass Waldgeist Zeit braucht, wie so viele Pferde mit deutschem Zuchthintergrund. Wie erwartet, wurde Waldgeist als Vier- und Fünfjähriger immer besser, bis er jetzt, bei seinem 21. Lebensstart, ganz oben angekommen ist.

Was dieser Arc-Sieg nun wert war, lässt sich recht sicher über den Viertplatzierten Japan ermitteln, der ein Rating von 122 (101 kg) aufzuweisen hat. Je nachdem, wie man die vier Längen von Japan bis zu Waldgeist bewertet, kommt der Sieger auf eine Marke von 128 (104 kg) oder sogar 129 (104,5 kg). Wenn es bei 128 bleibt (wonach es aussieht), dann stehen am Donnerstag in der neuen Weltrangliste drei Pferde mit jeweils 128 an der Spitze: Enable, Crystal Ocean und Waldgeist. Die Marke von 128 für einen Arc-Sieger ist in den vergangenen 12 Jahren sechs Mal vergeben worden, 2017 auch für Enable, davor für Golden Horn, Danedream, Workforce und Zarkava und jetzt möglicherweise auch für Waldgeist. Nur Sea The Stars (131) und Trève (130) kamen auf höhere Werte.

***

Als das letzte Mal nur fünf Pferde in einem Preis des Winterfavoriten liefen, schrieben wir das Jahr 1936, und allenfalls Hein Bollow wird sich daran noch erinnern können. Damals gewann mit Elritzling ein auch später hochbewährter Könner aus dem Gestüt Ebbesloh, der von ihm geschlagene Abendfrieden wurde sogar Derbysieger. Die Antwort auf die Frage, ob in diesem Jahr ähnlich gute Pferde vorne waren, wird noch etwas auf sich warten lassen, vorläufig darf man hinter das Rennen erst einmal ein Fragezeichen setzen. Es gibt allerdings einige Anhaltspunkte dafür, dass zumindest die beiden Ersten sehr ordentliche Pferde sind. Rubaiyat, der neue Winterfavorit (der auch mit einer Derbynennung ausgestattet ist), ließ zuletzt immerhin schon einen englischen Zweijährigen aus dem Johnston-Quartier leicht hinter sich, und Wonderful Moon hatte bei seinem Maidensieg außerordentlich imponiert. Dass sich die beiden in einem zügig gelaufenen Rennen in der Zielgeraden schließlich auf 12 Längen von ihren drei Mitstreitern absetzen konnten, kann – wenn nicht alles täuscht – nur als Zeichen für eine gewisse Klasse gedeutet werden. (Nebenbei gesagt kamen 1936 im letzten Fünf-Pferde-Winterfavoriten Elritzling und Abendfrieden auch 12 Längen vor dem Dritten ins Ziel, ein merkwürdiger Zufall). Nach einigem Zögern haben wir Rubaiyat mit 94 kg (Rating 108) eine ganz passable Marke gegeben, die nur unwesentlich unter dem Durchschnitt für einen Sieger in diesem Rennen liegt.

Rubaiyat siegt unter C. Lecoeuvre im Preis des Winterfavoriten 2019; Copyright: Marc Rühl
Rubaiyat siegt unter C. Lecoeuvre im Preis des Winterfavoriten 2019; Copyright: Marc Rühl

An die Spitze des jüngsten Jahrgangs gelangt Rubaiyat damit allerdings nicht. Dort steht nach seinem zweiten Platz im G1-Prix Jean Luc Lagadere der Schlenderhaner Alson, wie Rubaiyat ein Areion-Sohn. Ich kann mich nicht erinnern, dass in diesem Rennen, dem früheren Grand Criterium, jemals ein in Deutschland trainiertes Pferd gelaufen ist, geschweige denn, auch noch im Endkampf war. Mit dem zweiten Platz hat der Schlenderhaner sich großartig gehalten, wenn er vielleicht auch etwas von der Cleverness Frankie Dettoris profitierte, der seinen Gegnern vorne ein falsches Rennen servierte. So endete denn im Ziel alles dichtauf, was meinen französischen Kollegen zu äußerster Zurückhaltung bei der Vergabe der Ratings veranlasste. 112 (96 kg) für den nach drei Starts noch ungeschlagenen Sieger Victor Ludorum und 110 (95 kg) für Alson. Die Zweijährigensaison ist ja noch nicht zu Ende und vielleicht ergibt sich noch die Gelegenheit zu einer Aufwertung.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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