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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Mal verliert man, mal gewinnen die anderen“

5. September 2018

Im ultimativen Buch der Fußballsprüche „Tausche Schwester gegen Endspielkarte“ findet sich auch die Otto Rehhagel zugeschriebene Weisheit „Mal verliert man, mal gewinnen die anderen.“ Dieses Motto scheint derzeit über den Ausgang der Gruppe-I-Rennen in Deutschland zu stehen, denn bis auf das Derby und die Diana, in denen die deutschen Pferde unter sich waren, haben bisher jedes Mal die anderen gewonnen, also Pferde aus dem Godolphin-Rennstall von Scheich Mohammed al Maktoum: Benbatl im Dallmayr-Preis und Best Solution im Longines Großer Preis von Berlin und nun auch am vorigen Sonntag in Iffezheim im 146. Longines Großer Preis von Baden.

Bevor aber nun gleich der Untergang des Abendlandes beschworen wird, sei daran erinnert, dass so etwas schon einmal, 2002, dagewesen ist, als Kaieteur und Marienbard diese drei Rennen unter sich aufgeteilt hatten. Marienbard ist von besonderem Interesse, als dass er ein ähnliches Leistungsprofil aufwies, wie der jetzige Sieger Best Solution. Auch er lief in den Godolphin-Farben, wurde von Saeed bin Suroor trainiert und gewann vor dem Großen Preis von Baden den Großen Preis von Berlin. Damit werden die Gemeinsamkeiten aber auch enden, denn Marienbard gewann bei seinem nächsten Start bekanntlich den Prix de l´ Arc de Triomphe, und der steht für Best Solution nicht auf der Agenda. Stattdessen ist für ihn mit dem Melbourne Cup ein anderes, kaum weniger anspruchsvolles Ziel ausgegeben, während für den am Sonntag Zweitplatzierten Defoe der Prix de l´ Arc de Triomphe weiterhin ein Thema bleibt. Diese Planungen zeigen, dass es keine No-Names gewesen sind, die in Iffezheim den deutschen Elitepferden eine Niederlage beigebracht haben, sondern Pferde, mit denen man noch Großes vorhat. Es könnte also sein, dass dieser Große Preis von Baden in ein paar Monaten in einem ganz anderen Licht erscheint.

Video: 146. Longines Großer Preis von Baden (Gr. I) - Best Solution

Aber so weit ist es noch nicht. Einstweilen muss konstatiert werden, dass unsere beiden nach Handicapmarken besten Pferde Dschingis Secret und Iquitos nicht in der Lage waren, zwei englische Pferde zu schlagen, die zu Hause nur zur zweiten Klasse zählen. Damit haben wir uns erst einmal abzufinden, es werden auch wieder bessere Zeiten kommen. In der Vergangenheit sind wir ja durchaus verwöhnt worden mit Klassepferden wie Danedream, Novellist, Protectionist oder auch Sea the Moon. Dschingis Secret und Iquitos stehen zwar im GAG knapp unter 100 Kilo, aber das können sie nur, wenn sie in Bestform sind und alles passt, was am vorigen Sonntag nicht der Fall war. Das soll nicht heißen, dass insbesondere die Leistung von Iquitos als knapp geschlagener Dritter nicht höchst respektabel gewesen ist. Aber es hat eben doch nicht ganz gereicht.
Dass kein Dreijähriger im Starterfeld war, habe ich in den 50 Jahren, in denen ich zum Großen Preis von Baden fahre, auch erst einmal erlebt. Das war 1982, es war das Jahr, in dem Ako das Derby gewann. Diesmal hatte man sich eigentlich auf die beiden Erstplatzierten aus Hamburg gefreut, aber Weltstar und auch Destino haben sich fürs erste einmal krankgemeldet. Nachdem aus dem Vordertreffen des Derbys nun auch Salve Del Rio außer Landes gegangen ist, ruhen alle Hoffnungen im Derbyjahrgang vorerst allein auf Royal Youmzain. In Zahlen ausgedrückt war dieser Große Preis von Baden für uns 99 Kilo (Rating 118) wert. Best Solution verbessert seine Marke damit um zwei Pfund, was auch für Defoe gilt, der als Zweiter sein Rating von 115 auf 117 (98,5 kg) steigert. Iquitos blieb mit 98 kg etwas unter seiner besten Marke.

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Über die dreijährigen Derbypferde erhielt man in Baden-Baden infolge Abwesenheit also keinen weiteren Aufschluss. Bei den dreijährigen Diana-Stuten dagegen sehr wohl. Es wäre wohl besser gewesen, wenn auch sie im Stall geblieben wären, denn die Leistungen von Night of England, Wonder of Lips, Sword Peinture und Barista im G2-Zastrow-Stutenpreis am Samstag sind mit dem Adjektiv dürftig nur unzureichend beschrieben.

Video: T. von Zastrow Stutenpreis (Gr. II) - Sky Full of Stars

Im Henkel-Preis der Diana waren sie noch auf den Plätzen zwei bis fünf eingekommen, jetzt wurden sie von fünf keineswegs überragenden älteren Stuten auf die billigen Plätze verwiesen. Was ist denn bloß los mit unseren dreijährigen Stuten? Schon die Meilerinnen reißen keine Bäume aus, und nun auch noch die Steherstuten. Well Timed, die Diana-Siegerin und bislang überragende Stute des Jahrgangs, soll in zehn Tagen im Prix Vermeille in Longchamp laufen, da kann einem ja ganz anders werden.
Sky Full of Stars gewann den Zastrow-Stutenpreis dank eines mutigen Ritts ihres Reiters Marc Lerner. Solch entschlossenes Handeln sähe man gerne öfter, daran musste ich schon 24 Stunden später wieder denken, als Dschingis Secret im Großen Preis selbst gegenüber noch stark gegen die Hand ging. Sein Trainer gab später an, dass er eigentlich gewollt hätte, dass Dschingis Secret sich bei langsamem Tempo das Rennen selber macht. (Der Große Preis war letztendlich um vier Sekunden langsamer als der Stutenpreis am Vortag.) Aber: Der Trainer denkt, der Reiter aber lenkt.
Der Zastrow-Stutenpreis und der Große Preis von Baden zählten für einige Jahren ja zur Breeders´ Cup Challenge-Serie, das heißt der Sieger durfte umsonst beim Breeders´ Cup in Amerika laufen. Beide Rennen wurden aber in diesem Jahr aus diesem Programm entfernt, in Deutschland besteht offenbar zu wenig Interesse an den Millionenrennen, die diesmal Anfang November auf der Rennbahn von Churchill Downs in Louisville/Kentucky stattfinden. Sky Full of Stars soll demnächst aber trotzdem nach Amerika, zu in den E.P. Taylor Stakes in Toronto. Mit ihrem Sieg verbesserte sie ihr Rating deutlich auf jetzt 92,5 kg, was sie in Kanada, will sie dort mitmischen, aber noch weiter steigern muss.

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Das Zukunfts-Rennen gehört zwar zu unseren besten und traditionsreichsten Prüfungen für den Zweijährigen-Jahrgang, seine Bedeutung in Hinblick auf die großen Dreijährigen-Rennen des kommenden Jahres hat es aber schon seit langer Zeit eingebüßt. Der letzte Derbysieger war 1972 Tarim und der letzte Zukunfts-Sieger, der in einem der fünf klassischen Rennen eine Platzierung erreicht hat, war - man mag es kaum glauben - Un Sprinter im Jahr 1981 mit einem zweiten Platz im Henckel-Rennen (heute Mehl-Mülhens-Rennen). Die karge Ausbeute hat verschiedene Gründe. Vor allem ging das Rennen seit 1982 dreiundzwanzig Mal ins Ausland (21 Mal nach England, 2 Mal nach Frankreich), auch verunglückten ungewöhnlich viele Pferde kurz nach ihrem Sieg (Landsgirl, El Maimoun, Tagshira, Daring Love, Pomellato, Navarra King) oder wurden exportiert (Auenklang, Flying Dash, Narella).

Der jüngste Sieger heißt Quest the Moon, und die Chancen, dass er in den großen Rennen seines Jahrgangs im kommenden Jahr eine bessere Rolle spielen wird als die meisten seiner Vorgänger aus den letzten 40 Jahren, sollten eigentlich recht gut stehen. Denn er ist nicht wie viele andere Zukunfts-Sieger wie ein frühreifer Zweijähriger gezogen, sondern eher wie ein Derbysieger, und tatsächlich hat er bereits eine Derbynennung bekommen.
Es ist großes Pech, dass Quest the Moon nicht mehr ungeschlagen ist, bei seinem Debüt in München lief er an der letzten Ecke geradeaus und konnte den Bodenverlust nicht mehr ganz gutmachen. In Iffezheim gewann zwar er nur äußerst knapp und gegen ein in England bisher nicht sehr hoch eingestuftes Pferd, aber wir wissen aus Erfahrung, wie schwer es auch unseren besseren Pferden fällt, mit den in der Entwicklung weiter fortgeschrittenen Zweijährigen aus England mitzuhalten. Insoweit war der Sieg durchaus beeindruckend. Mit einem Rating von 92 kg für Quest the Moon sind wir trotzdem erst einmal vorsichtig an die Sache herangegangen.

 

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