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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Deutsche Fliegerelite momentan kaum konkurrenzfähig

29. August 2018

Das Pferd ist schneller als der Mensch. Obwohl allgemein bekannt, wird diese Tatsache von Zeit zu Zeit immer wieder einmal einer Überprüfung unterzogen, mit immer dem gleichen Ergebnis: Selbst die langsamsten Rennpferde sind schneller als der schnellste Mensch, es sei denn, dem Menschen wird ein absurd großer Startvorteil eingeräumt oder der Reiter des Pferdes nimmt die Sache nicht ernst. Typisch hierfür ist ein Rennen über 100 yards, das Jesse Owens im Dezember 1936 auf Kuba mit einer Vorgabe von 40 yards gegen einen Vollblüter bestritt. Hier der historische Rennfilm.

Nach dem Ergebnis der 148. Casino Baden-Baden Goldenen Peitsche am Sonntag in Iffezheim könnte man zu der Überlegung kommen, auch der deutschen Fliegerelite einmal einen ordentlichen Start- oder Gewichtsvorteil zu gewähren, denn ohnedem scheinen sie in Konkurrenzen dieser Art derzeit kaum konkurrenzfähig. Es war schon ein wenig peinlich, das deutsche Aufgebot in unserer bedeutendsten Fliegerprüfung gegen drei Pferde aus England, Österreich und Frankreich hinterherlaufen zu sehen. Als Freund des deutschen Rennsports hat man bei der Goldenen Peitsche ja so manches ertragen müssen im Laufe der Zeit (nur sieben deutsche Siege in den letzten 40 Jahren), aber dieser Sonntag markierte doch den Tiefpunkt.

Die englische Stute Raven´s Lady erschien mit einem Rating von 104 (92 kg) am Start - und sie brauchte gar nicht einmal mehr zu zeigen um zu gewinnen, denn sowohl der im österreichischen Ebreichsdorf von der slowenischen Besitzertrainerin Ziva Prunk trainerte Pretorian (GAG 92 kg) als auch der in Chantilly von dem Spanier Mauricio Delcher Sanchez vorbereitete Hengst Bakoel Koffie (91 kg) hatten keine Handicapmarken vorzuweisen, die dem Standard eines Gruppe-II-Rennens angemessen gewesen wären. So kommt Raven´s Lady als Siegerin – gerechnet über den Drittplatzierten - auf ein Rating von nicht mehr als 92,5 kg. Das ist niedrigste Marke für einen Gewinner der Goldenen Peitsche seit Einführung des Ratingsystems im Jahre 1985 (bisher Premiere Cuvee im Jahr 1986 mit 93 kg). Bleibt noch die Hoffnung, dass Raven´s Lady sich im Laufe der weiteren Saison noch weiter steigern kann, so dass dann alles nicht mehr so schlimm aussieht. Sie ist immerhin eine Stute mit deutlichem Aufwärtstrend, im Frühjahr stand sie noch bei einem Rating von 90 (85 kg).
Außer dem Handicapper schienen die meisten Leute nach der Goldenen Peitsche allerdings ganz zufrieden und in bester Stimmung, denn sie hatten sich von den Ratings nicht beeinflussen lassen und Raven´s Lady an den Wettkassen zur klaren Favoritin gemacht. Besonders hoch her ging es bei den neun mit Chartermaschine angereisten Besitzern der Siegerin, die bei der Siegerehrung wieder einmal demonstrierten, wie schön Engländer Rennsiege feiern können.

Video: Goldene Peitsche (Gr. II) - Raven's Lady

* * *

Was Baden-Baden für Deutschland, das ist Saratoga Springs für Amerika. Beide Orte sind groß geworden durch ihre heißen Quellen, durch Glücksspielmöglichkeiten und durch – Pferderennen. 1863, und damit fünf Jahre nach Baden-Baden, fand dort das erste Galopprennen statt, ein Jahr später wurde die Rennbahn gebaut, sie ist die drittälteste in Amerika.
Das diesjährige große Sommer-Meeting von Saratoga hatte am vorigen Samstag seinen Höhepunkt mit den seit 1864 gelaufenen Travers Stakes und fünf weiteren Rennen der Gruppe I. Die Travers Stakes gelten als das amerikanische Sommer-Derby, im Ranking amerikanischer Dreijährigen-Rennen steht es an dritter Stelle hinter dem Kentucky Derby und den Belmont Stakes. Diesmal gewann Catholic Boy, mit vier Längen gegen den langsam wieder zu sich findenden Mendelssohn, der bekanntlich nach seinem 18-Längen-Sieg im Winter in Dubai im Kentucky Derby nur Letzter werden konnte. Catholic Boy ist insofern ein interessantes Pferd, als dass ihm seine größten Siege bisher auf der Grasbahn gelangen. Nun aber ist er im Wettmarkt für das Breeders´ Cup Classic (auf Sand) mit in die vorderste Reihe gerückt. Seinen Sieg habe ich mit einem Rating von 123 (101,5 kg) bewertet, er steht damit nur ein Pfund unter dem Triple-Crown-Sieger Justify.

Video: 2018 Travers Stakes - Catholic Boy

Die Rennbahn von Saratoga hat in Amerika auch den Beinamen „Graveyard of the Champions“, also Friedhof der Champions. Diesen Ruf verdiente sich die Bahn, weil in früheren Jahren Pferdelegenden wie Man o´War, Gallant Fox, Secretariat und zuletzt auch American Pharoah in den Travers Stakes als heiße Favoriten geschlagen wurden. Auch diesmal ging der Favorit unter, Good Magic wurde weit zurück nur Neunter von Zehn.
Mit Saratoga verbindet den deutschen Rennsport übrigens eine nahezu vergessene, unglaubliche Geschichte. Es war 1926, als der damalige Besitzer des Gestüts Harzburg, Freiherr von Lyncker, den Entschluss fasste, 14 Harzburger Jährlinge 6000 Kilometer weit über den Ozean zu schicken und in Saratoga auf der dortigen Versteigerung des Auktionshauses Fasig-Tipton anzubieten. Ein derart waghalsiges Unternehmen sorgte für großes Aufsehen und die Harzburger Jährlinge standen tagelang im Brennpunkt des Interesses. Obwohl man in Amerika damals vom Standard der deutschen Vollblutzucht rein gar nichts wusste und auch die Namen der Jährlinge wie Jildis Kiosk oder Rumpelmayer kaum auszusprechen in der Lage war, erzielte das Harzburger Lot den dritthöchsten Durchschnitt aller Anbieter.
Die zehn Hengste und vier Stuten brachten zusammen 68.000 Dollar, was damals 285.600 Mark entsprach, nach heutiger Kaufkraft mehr als eine Million Euro. „Es war die bedeutendste Beteiligung in der Geschichte der Saratoga Sales, ein Beweis für das enorme Interesse an dieser ersten Importation deutsch gezogener Vollblüter“, schrieb die „New York Times“. Und in der „Sport-Welt“ hieß es: „Freiherr von Lyncker hat eine Tat vollbracht, für die ihm noch Generationen danken werden.“

Ein Jahr später wurde das Unternehmen wiederholt – und endete in einem finanziellen Fiasko. Abgesehen davon, dass die Harzburger jetzt keine Sensation mehr waren und Amerika im Zeichen außen- und innenpolitischer Unruhen stand, drückte bereits die wirtschaftliche Depression auf die Preise. So erzielten 24 Jährlinge zusammen nur 30.000 Dollar. Folge dieses Desasters war der finanzielle Ruin des Freiherrn von Lyncker. Zum 1. Januar 1928 wurde das Gestüt Harzburg von Graf von Helldorf übernommen, dem späteren Nazi-Polizeipräsidenten von Berlin.

 

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Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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