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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Herr, segne den Ungarn“

23. Oktober 2019

Die Ungarn muss man wirklich bewundern. Sie haben den Mongolensturm, die Türkeninvasion, die Habsburger und die Sowjets überstanden und müssen mit einem Alphabet fertigwerden, das 44 Buchstaben umfasst. Ihre Sprache spricht und versteht kaum jemand außerhalb des eigenen Landes, nach Ansicht von Wissenschaftlern soll sie aber „das höchste Produkt der menschlichen Logik und Kreativität“ sein. Auch deswegen gelten sie bei Vielen als das intelligenteste Volk der Welt, haben sie doch – gemessen an ihrer Einwohnerzahl von derzeit knapp zehn Millionen – die meisten Nobelpreisträger hervorgebracht. Auch im Sport sind sie eine sehr erfolgreiche und darauf auch stolze Nation. Zwar hat sich der Fußball von dem, was wir „Das Wunder von Bern“ nennen, nie mehr recht erholt, aber im Wasserball, Schwimmen und Kanusport sind sie immer noch Weltklasse, seit Neuestem auch im Shorttrack. Ich freue mich auch immer über einen ungarischen Sieg bei Olympia oder Weltmeisterschaften, weil dann „Herr, segne den Ungarn“ zu Gehör gebracht wird, die musikalisch schönste Nationalhymne der Welt.
Im Galopprennsport liegen Ungarns bessere Zeiten dagegen weit zurück. Aber Kincsem kennt dort auch heute noch jedes Kind, und auch der Epsom Derbysieger Kisber und elf deutsche Derbysiege bis zum Jahr 1911 sind Zeugnisse einstiger Größe. In den 1960er-Jahren gab es noch einmal ein kurzes Aufflackern, als Pferde wie Imperial, Seebirk, Paroli, Isztopirin und Avance bei uns Rennen gewannen, die nach heutigem Standard Grupperennen sind. Unvergessen natürlich auch Overdose, „The Bullet of Budapest“, neben American Pharoah in Amerika und Black Caviar in Australien das einzige mir bekannte Rennpferd, das es zum „Sportler des Jahres“ gebracht hat. (Secretariat wurde 1973 nur Zweiter hinter dem Formel 1-Piloten Jackie Stewart.)
Ist Nancho nun ein neuer Overdose? Es war verblüffend, wie der vierjährige, von Heiko Johanpeter aus Gütersloh gezogene und beim Sales & Racing-Festival 2016 für 9.000 Euro verkaufte, Tai Chi-Sohn am Sonntag in Iffezheim in der G3-Baden-Württemberg-Trophy mit seinen Gegnern umsprang und mit 7 ½ Längen Vorsprung gewann. (Beim Namen Johanpeter denkt man unwillkürlich an die zehn boxenden Johannpeter-Brüder aus Hamm, die niemals k.o. gingen, aber hier besteht keine Verwandtschaft, schon wegen dem fehlenden zweiten „n“ im Namen.) Neun seiner letzten zehn Rennen hat Nancho jetzt gewonnen, ist also durchaus in Overdose-Regionen vorgestoßen. Als dieser 2008 erstmals in Deutschland lief und in Iffezheim das Scherping-Rennen mit neun Längen gewann, da haben wir ihm eine Marke von 95 kg gegeben. Es ist eher Zufall, dass auch Nancho jetzt auf 95 kg (Rating 110) kommt. Ein logischer Rechenweg dorthin lässt sich leider nicht finden, so dass der Handicapper – was er ungern tut – sich in diesem Fall auf seine Erfahrung und sein Gefühl verlassen muss.

Nancho siegt unter Bayarsaikhan Ganbat in der Baden-Württemberg-Trophy - Le Defi Du Galop; Copyright: Marc Rühl
Nancho siegt unter Bayarsaikhan Ganbat in der Baden-Württemberg-Trophy - Le Defi Du Galop; Copyright: Marc Rühl

Sicher ist nur, dass Itobo und Be My Sheriff zwei Wochen nach ihrer kräftezehrenden Auseinandersetzung mit Derbysieger Laccario in Hoppegarten deutlich unter ihrem gewohnten Niveau gelaufen sein müssen. Ein Fragezeichen steht aber auch hinter Say Good Buy, ein Pferd, dass in seiner Form ein wenig schwankend ist, sich in diesem Rennen aber selbst übertroffen haben dürfte. Doch wer so häufig so überlegen gewinnt wie Nancho und jetzt sogar gegen gestandene Gegner, dem sollte man 95 Kilo zutrauen dürfen.

* * *

Der italienische Rennsport ist ja bekanntlich stark im Niedergang begriffen. Wer aber alle seine Rechnungen bezahlt hat und es sich leisten kann, auf einen eventuell fälligen Rennpreis lange zu warten, für den ist Italien immer noch ein verlockendes Ziel. Besonders trifft dies auf den G2-Gran Premio del Jockey Club und das G2-Gran Criterium für die Zweijährigen zu, zwei hochdotierte Rennen, die in den letzten 20 Jahren jeweils fünf Mal von deutschen Pferden gewonnen wurden. Shirocco, Schiaparelli, Novellist, Earl of Tinsdal und Lovelyn waren zwischen 2004 und 2015 im Gran Premio erfolgreich, alles Pferde ohne Fehl und Tadel, Shirocco und Novellist vertraten sogar Weltklasse. Bei den Zweijährigen siegten zwischen 2001 und 2017 Stolzing, Königstiger, Lateral, Skarino Gold und Royal Youmzain, Quest the Moon wurde im Vorjahr Zweiter.

Bis auf Skarino Gold, der nach Hongkong ging und dort nach 28 Starts und zwei Siegen inzwischen bei einem Rating von 53 angekommen ist, waren auch das alles sehr ordentliche Pferde, Lateral schaffte es dreijährig sogar auf ein GAG von 98 kg.
Am Sonntag nun haben Donjah und Rubaiyat diese Rennen gewonnen und haben dabei Leistungen gezeigt, die Änderungen im Ranking bei den Stuten und Zweijährigen zu Folge haben. Donjah ist jetzt nach GAG-Einschätzung die beste Stute im Lande und Rubaiyat hat zum bisherigen Spitzenzweijährigen Alson aufgeschlossen. Auf dem Papier waren es leichte Aufgaben und so war dann das eigentlich Beeindruckende auch die Art und Weise, wie sie diese lösten und mit viereinhalb bzw. fünf Längen Vorsprung gewannen. Rubaiyat hat nun innerhalb von zwei Wochen die bedeutendsten Zweijährigenrennen Deutschlands und Italiens gewonnen, er ist der Erste, der das schaffte. Das konnte auch nur gelingen, weil der Preis des Winterfavoriten wegen des Köln-Marathons in diesem Jahr eine Woche früher als üblich stattfand und dadurch zwischen beiden Rennen ein gerade noch ausreichender zeitlicher Abstand hergestellt war. Über den als Dritten ins Ziel gekommenen Elaine Noire, der ein Rating von 89,5 kg aufzuweisen hatte, kommt man für Rubaiyat bei vorsichtiger Interpretation der Abstände (der Boden war nahezu schwer) auf eine Marke von 95 kg (Rating 110), ein Kilo mehr als für seinen Sieg in Köln. Damit steht er jetzt gleichauf mit dem Schlenderhaner Alson, der am kommenden Sonntag noch einmal beim G1-Criterium International in Longchamp an den Start kommen könnte.

Rubaiyat siegt unter Clément Lecoeuvre im Preis des Winterfavoriten in Köln; Copyright: Marc Rühl
Rubaiyat siegt unter Clément Lecoeuvre im Preis des Winterfavoriten in Köln; Copyright: Marc Rühl

Donjah sorgte im Gran Premio del Jockey Club nach einem für sie schwierigen Jahr doch noch für einen eigentlich schon früher erwarteten Glanzpunkt. Ende gut – alles gut, könnte man da sagen. Der Zweitplatzierte Chasedown ist allerdings keine allzu große Leuchte (im Vorjahr aber immerhin auf 95 kg gekommen), so dass man gut daran tut, das Rennen über den Dritten Colomano zu rechnen, der es zuletzt auf Leistungen zwischen 90 und 92 Kilo gebracht hatte. Wir legen diesmal 91 kg zugrunde, so dass sich für Donjah unter Berücksichtigung der Gewichte (sie trug 1 ½ Kilo weniger als die Gegner) und der Abstände im Ziel eine neue Marke von 96 kg (Rating 112) ergibt. Sie ist damit an die Spitze der dreijährigen Stuten gerückt, eine Position, an die sie nach den letzten Eindrücken auch hingehört. Auf ihre weitere Laufbahn darf man sehr gespannt sein.

Video: Gran Premio del Jockey Club (Gr. I) - Siegerin: Donjah

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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