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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Schätze auf dem Dachboden

15. Mai 2019

Jeder hat wohl schon einmal eine dieser Fernsehsendungen mit Titeln wie „Kunst & Krempel“ oder „Schatz oder Schätzchen“ gesehen, in denen Personen von der Oma geerbte, auf dem Flohmarkt erstandene oder auf dem Dachboden gefundene Gegenstände präsentieren, um sie von Experten auf ihren Wert schätzen zu lassen. Zwar ist dabei noch niemals ein verschollener Vermeer oder auch nur eine echte Geige von Amati aufgetaucht, aber immerhin wurde 1991 schon einmal ein Gemälde des Berliner Malers Eduard Gaertner vorgestellt, auf eine Million Mark geschätzt und später für 1,3 Millionen Mark verkauft. Ähnliches kann man auch auf dem Gebiet von Vollblutzucht und Rennen erleben, denn immer wieder einmal werden aus Pferden, die von ihren Besitzern oder Trainern auf Auktionen geschickt und dort für kleine Summen zugeschlagen werden, große Sieger.

So muss man wohl auch seit Sonntag den Verkauf des damals dreijährigen Hengstes Raa Atoll sehen, der, nachdem er am 12. Juli vorigen Jahres als zweiter Favorit in einem G2-Rennen in Newmarket nahezu angehalten und mit 58 Längen Rückstand zum Sieger Best Solution das Ziel erreichte, von seinem Besitzer China Horse Club zum alten Eisen geworfen und aus dem Stall von John Gosden nach Newmarket zur Oktober-Auktion für Pferde in Training geschickt wurde, wo er mit der Katalognummer 1041 unter den Hammer kam. Für einen Sea The Stars-Sohn, der sich bei erst fünf Starts bereits ein Rating von 105 (92,5 kg) verdient hatte, waren die 30.000 Guineas, die er dort erzielte, eine Okkasion. Diese hat Luke Comer wahrgenommen, jener irische Trainer und Besitzer, der im Hauptberuf mit seiner Firma Comer Group International als Immobilienentwickler tätig ist und es damit zu einem der wohlhabendsten Iren gebracht hat. In diversen Reichenlisten taucht er mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Euro auf, was umso bemerkenswerter ist, als er seine berufliche Laufbahn vor mehr als dreißig Jahren als Verputzer auf der Baustelle begonnen hat. Am Sonntag nun hat Luke Comer mit Raa Atoll das von ihm selbst gesponserte G2-Comer Group International Oleander-Rennen in Hoppegarten gewonnen, unser bedeutendstes und mit 100.000 Euro Dotierung weitaus wertvollstes Steherrennen. 

Video: 48. Comer Group International Oleander-Rennen (Gr.II) - Sieger: Raa Atoll

Dass Raa Atoll als größter Außenseiter in der Geschichte dieses seit 1972 gelaufenen Rennes siegte, ist vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, dass er seit dem erwähnten Start am 12. Juli keine Rennbahn mehr gesehen hat, eine Pause von 304 Tagen zu überbrücken hatte. Davon war im Rennen aber nichts zu spüren, den Angriff des hohen Favoriten Thomas Hobson wies er in der Zielgeraden souverän ab. Jetzt werden ganz große Pläne geschmiedet, vom Ascot Gold Cup ist die Rede, für den er allerdings nachgenannt werden müsste.

Er wäre nicht der Erste, der nach dem Oleander-Rennen auch den Ascot Gold Cup gewinnen würde, das hat 1990 Ashal schon einmal geschafft. Damals gehörte das Oleander-Rennen noch zum Programm der Iffezheimer Rennbahn, erstmals wurde es 1972 beim ersten Baden-Badener Frühjahrs-Meeting gelaufen und vom Schlenderhaner Sarto gewonnen, der im Jahr darauf gleich noch einmal vorne war. Er war damit der erste von insgesamt sechs Doppelsiegern, ihm nach folgten Donat, Camp David, Solo Mio, Bussoni und Tres Rock Danon. Übertroffen werden alle aber vom Steherkönig Altano, der zwischen 2012, als das Oleander-Rennen erstmals in Hoppegarten gelaufen wurde, und 2014 dreimal siegreich blieb. Mit einem Rating von 117 (98,5 kg) ist Altano nach Sought Out (118/99 kg) auch der beste Oleander-Sieger. Beide gewannen übrigens auch den Prix du Cadran, Frankreichs Pendant zum Ascot Gold Cup.

Ob Raa Atoll in diese Klasse gehört, wird sich herausstellen. Bei aller Skepsis über die deutliche Formverbesserung nach der langen Pause, so gibt es doch nichts auszusetzen an seinem Sieg. Das Rennen wurde zügig gelaufen und keiner seiner Konkurrenten hatte eine Entschuldigung – Raa Atoll war eindeutig das beste Pferd an diesem Tag. Wir haben das Rennen über Moonshiner berechnet, der mit einem GAG von 93 kg ins Rennen ging und Dritter wurde. Sowohl Raa Atoll als auch Thomas Hobson, der ein Kilo mehr trug, kommen damit auf eine Marke von 95 Kilo, für die ersten vier Pferde ergibt sich ein Durchschnittsrating von 107,50, der beste Wert seit 2013. Das ist auch gut so, denn um dauerhaft den Gruppe-II-Status zu erhalten, würde am Ende ein Durchschnitt von 110 (95 kg) hilfreich sein.

* * *

Pferde aus Polen haben sich in Handicaps bei uns bisher alles andere als leichtgetan. Inzwischen ziehen wir schon 12 Kilo von der polnischen Handicapmarke ab, so richtig wettbewerbsfähig sind dadurch aber immer noch nicht geworden. Vor diesem Hintergrund mussten auch die Formen der dreijährigen Stute Shafran Mnm gesehen werden, als sie vor 14 Tagen für den Ausgleich II am vorigen Sonntag in Hoppegarten genannt wurde. 77,5 kg hatte mein polnischer Kollege Krzystof Wolski ihr zugedacht, da sie aber bei allen ihren drei Starts gewonnen hatte und zudem ein aus England importiertes Pferd mit guter Abstammung (Shamardal!) ist, waren wir doch vorsichtig und haben ihr 75 kg gegeben. Damit, so dachten wir, wird sie uns schon nicht weglaufen. Aber genau das hat sie getan, das Rennen vom Start bis ins Ziel dominiert und mit sechs Längen und in schneller Zeit gegen gute Formpferde beeindruckend gewonnen. Jetzt steht sie erst einmal bei 81 kg, es sah so aus, als könne sie noch mehr.

Shafran Mnm bei ihrem überlegenen Sieg im Hoppegartener Ausgleich II am Wochenende

Natürlich ist Shafran Mnm (die drei Buchstaben sollen Initialen der Besitzer sein, in Deutschland würde so ein Name nicht durchkommen) kein „richtiges“ polnisches Pferd. Godolphin hat sie gezogen und für 40.000 Guineas abgegeben, für eine Sharmardal-Stute eigentlich verschenkt. Im vorigen Jahr ist sie ausschließlich in Polen gelaufen, so dass ihr Können nach den drei Siegen schwer zu taxieren war. Die Besitzer sind über den Arabersport zu den Vollblütern gekommen, in Otter südlich von Hamburg betreiben sie das Gestüt Günay Equestrian Invest GmbH. 

Neben Shafran Mnm macht derzeit noch ein weiteres Pferd mit osteuropäischen Hintergrund von sich reden: Tour To Paris, ein vierjähriger Hengst, der jetzt bei Pia Brandt in Frankreich in Training ist, dort bei seinem ersten Start gleich ein Course B gewonnen hat und jetzt bei einem Valeur von 45,5 kg steht, was ungefähr 90 kg entspricht. Bis dahin war er in Ungarn gelaufen, hatte alle seine Rennen gewonnen und ist jetzt nach neun Starts noch ungeschlagen. Ein neuer Overdose? Und dass er als ungarisches Pferd in Longchamp ausgerechnet gegen ein Pferd namens Orbaan gewann, muss wohl seine eigene Bedeutung haben.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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