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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Second best ist allemal besser als nothing“

18. September 2019

Der „Verein Deutsche Sprache (VDR)“ mit Sitz in Dortmund ist eine ziemlich humorlose Gesellschaft, deren 36.000 zumeist männliche Mitglieder im Alter über 45 das Ziel verfolgen, die deutsche Sprache als Kultursprache zu erhalten. Bedroht sieht der VDR das Deutsche vor allem durch Anglizismen und die als „Denglisch“ bezeichnete Mischung beider Sprachen. Mediale Aufmerksamkeit ist dem Verein immer sicher, wenn er alljährlich den Negativ-Preis „Sprachpanscher des Jahres“ verleiht, mit dem schon so unverdächtige Institutionen wie die Evangelische Kirche, der Duden oder der Deutsche Fußballbund („Best never rest“) ausgezeichnet wurden. Ins Fadenkreuz der Sprachpolizisten geriet vor einiger Zeit auch unser Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble („It will not happen, that there will be a Staatsbankrott in Greece“), aber schließlich langte es doch nur zu einem zweiten Platz. Schäubles schönste sprachpanscherische Leistung ist für mich aber ein Satz von geradezu philosophischer Tiefe, den er kürzlich in einer Rede zum Klimaschutz fallen ließ: „Second best ist allemal besser als nothing.“
Gibt es – gerade auch im Galopprennsport – einen besseren Trost als diesen Satz? Wohl kaum. „Where he right has, has he right“, möchte man da glatt sagen. Auch der Besitzer des dreijährigen Wallachs Djukon wird dies unterstreichen, denn als am vorigen Mittwoch die Vorstarterangabe für das Racebets – 135. Deutsche St. Leger beendet war, fand man den Wallach in der Reihung der Kandidaten nach ihrer Handicapmarke an fünfzehnter und damit letzter Stelle wieder. Da die Dortmunder Startmaschine nur 14 Stände hat, war Djukon akut vom Ausschluss bedroht, kam aber schließlich durch den Rückzug von King´s Advice in letzter Minute doch noch zu einem Startplatz, den er mit einem zweiten Platz zu dem hohen Favoriten Ispolini nahezu bestmöglich nutzte.

Video: RaceBets - 135. Deutsches St. Leger (Gr. III) - Sieger: Ispolini

Nachdem Ladykiller noch am Renntag verletzungsbedingt abgemeldet wurde, verblieben noch 13 Pferde für dieses St. Leger. Ein Rekordfeld, denn einen solchen Andrang hatte es in diesem seit 1881 gelaufenen Rennen vorher nur einmal gegeben, 1995 als First Hello gegen 12 Gegner siegte. Erlebt dieses Rennen, das zuletzt in eine Art Dornröschenschlaf zu versinken drohte, vielleicht sogar eine Renaissance? Einige Besitzer und Trainer haben das Deutsche St. Leger seit Neuestem als Sprungbrett auf dem Weg zum Melbourne Cup entdeckt. Im Vorjahr gelang das mit Torcedor (Letzter) weniger, diesmal aber ging mit Ispolini der Plan auf, den Melbourne Cup-Startplatz durch einen Sieg in diesem Gruppe-III-Rennen zu festigen. Derzeit steht Ispolini auf einem recht sicheren 12. Platz unter den derzeit 152 Kandidaten für Australiens größtes Rennen, das wie üblich am ersten Dienstag im November zum Austrag kommen wird. (Django Freeman, dies nebenbei gesagt, steht zurzeit auf Platz 46, muss also noch etwas tun, um unter die 24 zugelassenen Starter zu kommen.)
Seine aus dem Dubai Gold Cup stammende Handicapmarke von 115 (97,5 kg) hat Ispolini mit seinem Dortmunder Sieg allerdings nicht verbessern können, was seiner Umgebung natürlich nur recht sein kann, denn der Melbourne Cup ist schließlich ein Handicap-Rennen. Wenn man akzeptiert, dass Moonshiner geringfügig (0,5 kg) über seine aktuelle Handicapmarke (93 kg) gelaufen ist und Oriental Eagle etwas darunter, so kommt man für Ispolini auf eine Marke von 94 kg (Rating 108). Djukon (93,5 kg) macht natürlich einen gewaltigen Sprung, was ihm nach seiner letzten imponierenden Handicapleistung unbedingt zuzutrauen war. Jetzt ist er St. Leger-Zweiter, und das ist gewiss allemal besser als nichts.

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Es war kein gutes Wochenende für unsere Derbypferde. Accon, der Derbydritte, hat nach einigen harten Rennen wohl ein bisschen den Faden verloren und kam im St. Leger nicht über den siebten Platz hinaus, und auch vom Derbyvierten Quest the Moon hatte man doch mehr erhofft, als einen fünften und damit letzten Platz im G2-Prix Niel am Sonntag in Longchamp. Immerhin war er nicht allzu weit geschlagen, so dass es rechnerisch wieder zu 94,5 kg langte, wie schon bei seinen drei Starts zuvor, was für eine große Beständigkeit spricht. Dem Deutschen Derby hilft das alles nichts, das Durchschnittsrating für die ersten Vier beträgt weiter 112,25. Da fehlen also noch 2,75 Pfund, um das geforderte Parameter von 115 (97,5 kg) zu erreichen und damit auf der sicheren Seite zu sein. Die Hoffnungen auf eine Aufwertung ruhen jetzt nur noch bei Laccario und Django Freeman. Für Laccario ergibt sich die Chance auf eine Verbesserung seines Rating gleich am kommenden Sonntag beim G1-Preis von Europa. Wenn die Pläne für Django Freeman noch aktuell sind, so soll er sein Australien-Debüt am 5. Oktober in den G1-Turnbull Stakes über 2000 Meter in Melbourne geben, ein Rennen, das im Vorjahr von Winx gewonnen wurde. Im Wettmarkt erscheint er dort derzeit mit 130:10 an fünfter Stelle.

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Als der Vulkan Pinatubo am 15. Juni 1991 nach 550-jähriger Ruhezeit wieder ausbrach, war das eine der gewaltigsten Explosionen des 20. Jahrhunderts, mit Auswirkungen, die weltweit spürbar waren. Nun kann man ein Naturereignis wie dieses natürlich nicht mit einem Pferderennen vergleichen, aber wenn ein Pferd Pinatubo heißt und dann noch ein Gruppe-I-Rennen in einem Stil gewinnt, wie dies höchstens alle Schaltjahre einmal vorkommt, dann kommen einem Worte wie Explosion oder Eruption unwillkürlich in den Sinn. Mit neun Längen Vorsprung gewann der vorher schon in vier Rennen ungeschlagene Zweijährige am Sonntag in Irland die G1-National Stakes, und zwar gegen ausgesprochene Formpferde aus dem O´Brien-Stall. Dass sich danach die Kommentatoren vor Begeisterung überschlugen war ebenso unvermeidlich, wie umgehend angestellte Vergleiche mit großen Zweijährigen früherer Zeiten. Seit ungefähr 35 Jahren sind die von den europäischen Handicappern herausgegebenen Zahlen vergleichbar und in diesem Zeitraum haben Arazi (1991) und Celtic Swing (1994) mit 130 (105 kg) die höchsten Einschätzungen erfahren. Dahinter folgen Reference Point und Xaar mit 127, danach Hector Protector, Alhaarth, Johannesburg, New Approach, Dream Ahead und Frankel mit jeweils 126. Über Pinatubo ist die Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen, aber es sieht kaum danach aus, dass seine Marke unter 128 (104 kg) liegen wird.
Pinatubo trägt ja die blauen Rennfarben von Godolphin, wie so viele große Sieger der vergangenen Wochen. Auch Old Persian, der Dritte aus dem Großen Preis von Berlin, gewann an diesem „Super-Wochenende“ für Godolphin, er siegte in den G1-Northern Dancer Stakes, wofür er sich ein Rating von 118 (99 kg) verdiente und somit dem Großen Preis von Berlin weiter Substanz hinzufügte. Im Sattel von Old Persian war James Doyle, der sich danach beeilen musste, um tags darauf in Dortmund im St. Leger in den Sattel von Ispolini zu steigen. Moderner Jet-Set der Rennreiter.

Video: Goffs Vincent O'Brien National Stakes (Gr. I) - Sieger: Pinatubo

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Wenn ein Mensch 88 Jahre alt ist, dann weiß man, dass das Leben nicht mehr ewig dauern wird. Und doch war ich betroffen und tieftraurig, als ich vom Tod von Egon Würgau hörte, der am vorigen Donnerstag in seiner Heimatstadt Dresden gestorben ist. In den Tagen des deutsch-deutschen Renntags im März 1990 war er mir erstmals bekannt geworden und ich bin auch später kaum einem Menschen begegnet, der so dem Leben zugewandt gewesen ist. Immer offen, gute Stimmung verbreitend, hilfsbereit und nach Lösungen suchend, wenn es Probleme gab. Egal, ob ich als Handicapper nach Dresden kam, als Rennbahninspekteur oder in Angelegenheiten von Sicherheit und Ordnung – Egon Würgau war immer zur Stelle, und sei es nur, einem die Transportprobleme abzunehmen. Ich bin froh, dass auch ich ihm einmal helfen konnte, bei einem Tierschutzproblem, dass er allein nicht lösen konnte. Neugierig war er auch, na klar. Wir haben öfters mal telefoniert und seine immer in schönem sächsisch vorgebrachten Fragen begannen häufig mit: „Sag´ mal, mein Gutster, was hältst du denn von…?“
Egon Würgau wusste viel vom Rennsport, mehr als die meisten je lernen werden, und er hat auch viel erzählt. Aber nie respektlos oder abwertend, auch wenn er manches kritisch sah. Über seine Förderer wie Christoph Winkler, Franz-Günther von Gaertner oder Atti Darboven sprach er immer nur in höchsten Tönen. Und über Grethe Jentzsch, die er jede Woche einmal zum Kaffeetrinken in ihrer Dresdner Wohnung besuchte und die er nur selten wieder verließ, ohne dass er ein Stück aus der reichen Sammlung von Ehrenpreisen mitnehmen und dann an andere weitergeben durfte. Egon Würgau war auch ein großer Optimist, der in schon fortgeschrittenem Alter noch eine Familie gründete, die ihn auch auf die Rennbahnen begleitet und die ihn über die Jahre hinweg jung erhalten hat. Jetzt ist er nicht einmal mehr alt – jetzt ist er tot. Bleiben wird die Erinnerung.

Egon Würgau (rechts) mit Markus Klug (links) ; Copyright: Marc Rühl
Egon Würgau (rechts) mit Markus Klug (links) ; Copyright: Marc Rühl
 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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