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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Vom Tellerwäscher zum Millionär

5. Juni 2019

Es ist erstaunlich, wie viele Tellerwäscher in unserer modernen Welt immer noch gesucht werden. Auf eine entsprechende Anfrage im Netz habe ich 269 Angebote erhalten. Und erstaunlich ist auch, dass Viele offenbar genötigt sind, diese Tätigkeit auch auszuüben. Sie hoffen vielleicht auf die berühmte Tellerwäscher-Karriere, die sie von ganz unten nach ganz oben führt – so wie Oprah Winfrey oder Joanne K. Rowling, die es aus prekären Verhältnissen heraus zur Milliardärin gebracht haben. (Beim Wort Tellerwäscher muss ich übrigens immer an James Stewart denken, wie er sich in dem wunderbaren John Ford-Western „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“ in der Küche eines Saloons im Provinznest Shinbone über einen Berg von schmutzigem Geschirr hermacht, bevor er… aber ich will nicht abschweifen.) Auch der Galopprennsport kennt Tellerwäscher-Karrieren, der Begriff taucht häufig auf, wenn ein Pferd es von der Sieglosenklasse über Handicaps bis in die Spitzenklasse geschafft hat. So wie Itobo, der am Sonntag in Iffezheim mit dem Sieg im G2-Großen Preis der Badischen Wirtschaft den vorläufigen Höhepunkt seiner bemerkenswerten Rennlaufbahn erreicht hat.

Video: Großer Preis der Badischen Wirtschaft 2019 (Gr.II) - Sieger: Itobo

Pferde, die es über Handicaps zum Gruppesieger bringen, gibt es ja immer wieder. Nach kurzem Nachdenken fallen mir aus den letzten Jahren Quijano, Altano, Potemkin und Matchwinner ein. Sie alle sind, wie auch Itobo, spät auf die Rennbahn gekommen, haben erst mit vier Jahren ihr erstes Rennen gewonnen und im Ausgleich mit Marken zwischen 62 kg und 67 kg angefangen. Quijano, Altano und Potemkin wurden Gruppe-I-Sieger, Matchwinner schaffte immerhin Gruppe II, so wie jetzt auch Itobo. Damit konnte niemand rechnen, als er am 12. Juli 2016 in Hannover sein erstes Rennen gegen Banafsheh, Limatina und Boston Park gewann, also Pferde, die heute aus gutem Grund niemand mehr kennt, denn sie haben auch später nie ein Rennen gewinnen können. Itobo dagegen marschierte in den nächsten zwei Jahren durch die Handicaps, gewann bei 15 Starts sieben Mal und blieb dabei nur einmal ohne Geld.

Seit Sonntag nun steht Itobo in der Siegerliste des Großen Preises der Badischen Wirtschaft, gemeinsam mit einer Arc de Triomphe-Siegerin (Danedream), einem King George VI and Queen Elizabeth Stakes-Sieger (Novellist) und einem Gewinner des Melbourne Cups (Almandin). So weit wird es Itobo nicht mehr bringen, er ist ja schon sieben Jahre alt und außerdem Wallach. Als nächstes dürfte er in Hamburg laufen, in einem G3-Rennen über 2000 Meter. Danach ist er erst einmal ausgebremst, denn weder für den Dallmayr-Preis noch für den Großen Preis von Berlin hat er eine Nennung bekommen. Sein bisheriges Rating von 93,5 kg hat Itobo erst einmal auf 96 kg (112) steigern können, eine Marke, die sich aus den letzten Leistungen der hinter ihm platzierten Royal Youmzain und Windstoß ergibt. Damit ist er natürlich nicht der beste Sieger dieses Rennens, aber so etwas war von vornherein schon nahezu ausgeschlossen. Man muss bis 2009 zurückgehen, um mit Ambassador (95,5 kg) ein Pferd zu finden, dessen Marke unter der von Itobo liegt.

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Die regelmäßige Teilnahme ausländischer Pferde an unseren Rennen (wie auch die Teilnahme deutscher Pferde an Rennen im Ausland) ist für die sichere Bestimmung des Leistungsstandes von Zucht und Rennen in unserem Land unerlässlich. Andernfalls bestünde die Gefahr, sich auf unsere tollen Rennpferde etwas einzubilden, nur um dann eines Tages zu erfahren, dass die ganze Herrlichkeit nur Schein war. So durfte man auch dankbar dafür sein, dass solch ein solides Pferd wie Surrey Thunder am Sonntag für das G3-Derby Trial aus England nach Iffezheim geschickt wurde. Dieser Dreijährige hatte sich vorher gegen ordentliche französische Dreijährige gut verkauft und dabei ein Rating von 104 (92 kg) erreicht. Und da kein Grund ersichtlich ist, warum er diese Marke am Sonntag nicht erneut eingestellt haben soll, haben wir das Rennen über ihn berechnet. Das Ergebnis sieht für unsere Dreijährigen ganz erfreulich aus, denn die 94 Kilo (Rating 108), die sich danach für den Sieger Accon ergeben, sind ein ordentlicher Wert. Von seinen Vorgängern als Sieger dieses Rennens erreichten Royal Youmzain und Wai Key Star 96 kg, Langtang 93 kg. Accon gewann als letzter Außenseiter, sein Sieg wertet vor allem das Bavarian Classic, in dem er nur Fünfter werden konnte, erneut deutlich auf, nachdem erst kürzlich mit Quest the Moon der Zweite aus dem diesem Rennen den Prix du Lys gewinnen konnte.

Accon siegt im Iffezheimer Derby-Trail Gr.III
Accon siegt im Iffezheimer Derby-Trail Gr.III

Eine weitere Erkenntnis aus dem Iffezheimer Derby-Trial ist, dass das Busch-Memorial mit seinem Sieger Winterfuchs bisher nicht das gehalten hat, was wir uns davon versprochen haben. Denn mit Moonlight Man und King konnten der Zweite und Dritte aus dem Busch-Memorial in Baden-Baden nur Fünfter und Sechster werden. Da auch alle anderen Teilnehmer aus dem Busch-Memorial, soweit sie danach an der Öffentlichkeit waren, schwächer gelaufen sind, haben wir dieses Rennen jetzt um ein Kilo zurückgenommen. Auch die Marke von Winterfuchs ist dadurch erst einmal von 94,5 kg auf 93,5 kg gefallen. Alles in allem sind die Kandidaten für das Deutsche Derby nach dem Test in Baden-Baden näher zusammengerückt. Nicht weniger als zehn Pferde stehen augenblicklich bei Marken zwischen 92 kg und 94,5 kg. Und der ultimative Test, das Union-Rennen in Köln, kommt ja erst noch – am kommenden Montag.

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Am Samstag gab wieder einmal das Englische Derby, zum 240. Mal und von der „Racing Post“ mit einigem Recht zum größten Pferderennen auf Erden erklärt. Zur Begründung dieser Wertung wurde angeführt, dass kein anderes Rennen ein junges Rennpferd vor eine solche Herausforderung stellt, wie gerade das Derby auf der so schweren Bahn von Epsom, mit ihrer über 2400 Meter führenden Berg- und Talfahrt: „Es ist, als würde man einem Kind eine Diplomarbeit in Oxford oder Cambridge zumuten, das Derby ist mit nichts in der Welt des Sport zu vergleichen.“ Ein hervorstechendes Merkmal dieses Derbys war die erdrückende Dominanz von Galileo im Feld. Von den 13 Startern hatten sechs Galileo als Vater, von weiteren sechs war er der Großvater oder Urgroßvater. Der einzige, der nicht aus der Galileo-Linie stammte war Sir Dragonet, dafür ist seine Großmutter All Too Beautiful eine rechte Schwester zu Galileo. Das bedeutet aber auch, dass die Schlenderhaner Lombard-Stute Allegretta (die Großmutter von Galileo) im Pedigree von allen Startern im englischen Derby dieses Jahres auftaucht. Das sollte hier doch noch einmal gesagt sein.

Es war im Dezember 2000 während der „International Classification“-Konferenz in Hannover, als mein irischer Kollege Garry O´Gorman mir Galileo als kommenden Derbysieger voraussagte. Der hatte bis dahin zwar nur ein Sieglosenrennen gewonnen, das aber mit 14 Längen Vorsprung gegen 15 Gegner. Auch seine ersten fünf Rennen als Dreijähriger gewann Galileo mit teils beträchtlichem Vorsprung, darunter neben dem Epsom Derby auch das Irische Derby und die King George VI and Queen Elizabeth Stakes, bevor er in einem epischen Duell mit Fantastic Light in den Irish Champion Stakes seine erste Niederlage hinnehmen musste. Den anschließenden Start im Breeders´ Cup Classic auf Sand hätte man ihm besser erspart.

Video: Irish Champion Stakes 2001 - Fantastic Light - Galileo

Heute ist Galileo unbestritten der erfolgreichste Vererber des 21. Jahrhunderts, bis heute hat er Vater von unglaublichen 192 individuellen Gruppe-Siegern. In der Pressekonferenz nach dem Sieg von Anthony van Dyck versuchte Aidan O´Brien, der ungefähr das Zwanzigfache an Galileo-Nachkommen trainiert hat, als jeder andere, den enormen Zuchterfolg zu erklären: „Bei seinen Söhnen und Töchtern ist irgendein besonderer Leistungswille eingebaut. Ihr Kopf geht runter und etwas in ihrem Innern lässt sie nie aufgeben. Das ist etwas sehr, sehr Außergewöhnliches bei Pferden, und glauben Sie mir, ich trainiere eine Menge Pferde. Eine sehr seltsame Sache.“
Es war ein außergewöhnlich dramatisches Derby, zwischen den ersten fünf Pferden lag nicht mehr als eine halbe Länge. Das ist auch der Grund, warum der Sieger Anthony Van Dyck mit einem Rating von 118 (99 kg) eines der niedrigsten Marken für einen Derbysieger erhalten hat. Denn schließlich werden nicht gleich alle fünf Erstplatzierte Spitzenkönner sein. Hier wird sich in den nächsten Wochen und Monaten noch die Spreu vom Weizen trennen müssen.

Der nächste Handicapper-Blog erscheint erst am nächsten Donnerstag

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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