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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Winx schreibt Geschichte

31. Oktober 2018

J etzt, wo die Tage kürzer werden und dunkler und man zum Besuch einer Rennbahn schon in den frühen Stunden des Vormittags aufbrechen muss, werden noch einmal alle Reserven mobilisiert. Die Reserven an Motivation, sich noch einmal zu einem Rennbahnbesuch aufzuraffen. Aber auch die Reserven in den Rennställen und bei den Rennvereinen.
Der Hannoversche Rennverein hat am vorigen Sonntag noch einmal alles aufgefahren, was Küche und Keller hergaben: Elf Rennen, 139 Starter, ein Gruppe-Rennen, drei Listenrennen, zwei mit 16 Pferden besetzte Zweijährigenrennen. Dazu drei Handicaps, darunter ein Ausgleich I. Nur drei Handicaps? Das wird mancher fragen, aber Hannover gehört zu den wenigen Rennbahnen, die das gelobte Land nicht allein in Ausgleichsrennen suchen.
Als Handicapper sollte ich das eigentlich nicht gut finden, aber das Gegenteil ist der Fall. Natürlich muss ich mir schon von Berufs wegen auch die Ausgleiche genau ansehen, viel lieber aber sehe ich Altersgewichtrennen. Klar – in erster Linie Gruppe- oder Listenrennen, aber auch Sieglosenrennen für Zwei- und Dreijährige. Das war schon immer so. Schon während meiner Karriere als Wetter, die ich beenden musste als ich Handicapper wurde, haben mich Ausgleichsrennen nur mäßig interessiert, und ich kann es bis heute nicht verstehen, warum so viele Menschen ihr Geld ausgerechnet in solchen Rennen anlegen, in denen ein berufsmäßiger Ausgleicher nach Kräften versucht, ihnen das Gewinnen so schwer wie möglich zu machen. Aber die Masse der Wetter schätzt offensichtlich hohe Quoten und einen ordentlichen Gewinn bei möglichst kleinem Einsatz. Das ist, zugegeben, in Ausgleichsrennen eher zu realisieren als in anderen Rennen.

Jetzt aber wieder nach Hannover. Der Große Preis der Mehl-Mülhens Stiftung Gestüt Röttgen ist das einzige Grupperennen im Jahresprogramm der Rennbahn in Langenhagen. Das Rennen war gut besetzt, auch wenn es infolge Abwesenheit der Diana-Siegerin Well Timed nicht mehr um den Titel der Jahrgangsbesten bei den Stuten gehen konnte. Durch ihren Sieg über Taraja sollte sich Sand Zabeel aber den zweiten Platz im Ranking gesichert haben. Ihre bisherige Rennlaufbahn (in Ziffern: 5-1-6-1-1-8-1) liest sich ja ein bisschen wie eine Berg- und Talfahrt, aber immerhin sind bei bisher sieben Starts vier Siege herausgesprungen.

Video: Großer Preis der Mehl-Mülhens Stiftung Gestüt Röttgen (Gr.III), Hannover - Sieger: Sand Zabeel

Den Einlauf Sand Zabeel vor Taraja hat es in diesem Jahr schon einmal gegeben, im Mai in Hoppegarten, damals trennte beide ein kurzer Kopf. Diesmal waren es 1 ¼ Längen. Sand Zabeel hat das eine neue Höchstmarke von 93 Kilo (Rating 106) eingebracht, bisher standen für sie als Siegerin in den italienischen Oaks 92,5 kg zu Buche. Aber nachdem die damalige Oaks d´Italia-Zweite Party Flower nach zwei weiteren Siegen inzwischen bei 93 Kilo angekommen ist, haben wir jetzt die Gelegenheit genutzt, Sand Zabeel zumindest auf eine Stufe mit der derzeit besten italienischen Stute zu stellen. Das passt auch gut zu Taraja (die mit 91,5 kg wieder bei der Marke angekommen ist, die sie im Sommer schon einmal hatte), und auch zu Abadan, die 5 ½ Längen zurück als Dritte einkam und damit ihre Marke von 87 Kilo bestätigt hat.

* * *

Es gibt wohl kein Pferd, über das ich an dieser Stelle so oft geschrieben habe, wie über Winx. Als am 1. Juni 2016 der erste Handicapper Blog erschien, hatte Winx ein Cox Plate und neun Rennen in Folge gewonnen. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, sind daraus vier Cox Plates und 29 Siege ohne Niederlage geworden. Es war immer dasselbe in diesen 2 ½ Jahren: Ich stand morgens auf, machte Kaffee, setzte mich an meine Frühstückstheke und öffnete die Startseite der „Racing Post“ mit der Meldung über das Rennen, in dem Winx gerade vor ein paar Stunden gelaufen war.
Als Skeptiker war ich stets auf eine Niederlage gefasst, denn jeder weiß doch, dass so eine Serie einmal enden muss. Jedes Pferd hat einmal einen schlechten Tag oder ein schlechtes Rennen. Winx nicht. Bei ihr gilt der Spruch nicht, wonach Pferde keine Maschinen sind. Sie funktierte immer. Keine Verletzung, keine Krankheit, kein Trainingsstopp. Mit mathematischer Präzision steuerte ihr ständiger Reiter Hugh Bowman sie Rennen für Rennen über die Bahn. Meist lag sie anfangs weit zurück, holte auf, zirkelte mit Schwung um die letzte Ecke und war im Ziel vorne. Mal weit voraus, so dass das Publikum auf den immer überfüllten Zuschauerplätzen schon weit vor dem Ziel jubeln konnte, das eine oder andere Mal schaffte sie es aber auch erst kurz vor der Linie, und die Menschen hielten den Atem an.

Video: Cox Plate 2018 (Gr.I), Moonee Valley - Sieger: Winx

Jetzt hat sie vier Cox Plates gewonnen. Das mit umgerechnet 3,1 Mio. Euro dotierte Ladbrokes Cox Plate (früher W.S. Cox Plate) ist Australiens größtes Altergewichtsrennen, vergleichbar mit dem Großen Preis von Baden in Deutschland. Es ist benannt nach William Samuel Cox, dem Gründer des Rennklubs Moonee Valley, auf dessen Bahn das Rennen seit 1922 stattfindet. Es hat einige Doppelsieger gegeben, einen dreifachen Sieger (Kingston Town), Winx ist die erste vierfache Siegerin. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt. Kein Pferd hat jemals ein Rennen ähnlicher Bedeutung vier Mal gewinnen können. Am nächsten kam ihr wohl noch Goldikova, die drei Mal die Breeders´ Cup Mile gewinnen konnte, bei einem vierten Versuch wurde sie Dritte. Der Große Preis von Baden, um noch einmal diesen Vergleich aufzunehmen, kennt zwei dreifache Sieger, Kincsem und Oleander, einen vierten Versuch hat keiner unternommen. Es gab auch ein Pferd, das beide Rennen, Cox Plate und Großer Preis von Baden gewonnen. Das war Strawberry Road, der 1984 in einem denkwürdigen Rennen in Iffezheim siegte.

Winx ist jetzt eine Berühmtheit. Trotzdem gibt es immer noch Zweifler an ihrer Klasse. Diese Zweifel gründen sich auf der Tatsache, dass man mit Winx nie die Konkurrenz außerhalb des fünften Kontinents gesucht hat. Das ist zwar richtig, dabei wird aber übersehen, dass die australischen Pferde für sich Konkurrenz genug sind. Australische Pferde waren zuletzt in den jährlichen World Rankings, in dem Pferde mit Ratings ab 115=97,5 kg erfasst sind, mit dem zweitgrößten Kontingent vertreten, nach den USA. Zudem hat Winx im Laufe der Zeit fünf europäische Gruppe-I-Sieger geschlagen, darunter Highland Reel und den Dallmayr-Sieger Benbatl. Erstaunlich ist immer wieder, auf welche Geschwindigkeiten sie am Ende ihrer Rennen zu beschleunigen vermag. In den Turnbull Stakes vor einigen Wochen durchlief sie die letzten 200 Meter in rekordverdächtigen 10,87 Sekunden. Das heißt, dass sie auf diesen 200 Metern eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 66,2 km/h entwickelte.

Für ihre Cox-Plate-Siege bekam sie in den letzten drei Jahren Ratings von 123, 132 und 120. Am Samstag hat sie leicht mit zwei Längen gegen Benbatl gewonnen, der als Hengst zwei Kilo mehr trug. Geht man von dessen Bestleistung beim Sieg im Dubai Turf Ende März aus (123=101,5 kg), so kommt man, wenn man die zwei Längen mit sechs Pfund ansetzt, für ihren vierten Cox Plate-Sieg auf eine Marke von 125 (102,5 kg). An der Spitze der Weltrangliste, gemeinsam mit Cracksman, steht sie aber unverändert mit 130. Dieses Rating bekam sie im Frühjahr nach einem Sieben-Längen-Sieg in den G1-Chipping Norton Stakes.

 

GERMAN RACING

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Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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