Login
Trainerservice
Schliessen
Login

Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Chopin und ein paar alte Turfregeln

Köln 1. März 2017
„Mehr Dinge gibt´s im Himmel und auf Erden, als Ihr in Eurer Weisheit je geträumt.“ 

Das sagt Hamlet bei Shakespeare. Diesmal könnte es aber auch der Handicapper sagen, nämlich beim Nachdenken darüber, wie es möglich ist, dass ein Pferd wie Chopin, für lächerliche 9.000 Guineas von Qatar Racing ins Königreich Bahrein verkauft, wie Phönix aus der Asche steigt und das Millionen-Dollar-Rennen von Katar gewinnt. Da kommt einem das alte Sprichwort in den Sinn, wonach ein Rennpferd in der Lage ist, aus einem Menschen einen Esel zu machen. Oder der Handicapper-Grundsatz, wonach man nie die beste Form eines Pferdes vergessen soll. Die beste Form von Chopin war jener erstaunliche Acht-Längen-Sieg im Dr. Busch-Memorial vor nunmehr fast vier Jahren, der von uns Handcappern mit dem höchsten jemals für dieses Rennen vergebenen Rating von 115 (GAG 97,5 kg) bewertet wurde. Nur neun Tage später wechselte Chopin in den Besitzer der Qataris, die ihn direkt ins englische Derby schickten, wo er sich nicht blamierte, nur 3 ¾ Längen hinter Ruler Of The World auf dem siebten Platz einkam. Mit seiner Form ging es später dann abwärts, besonders im Anschluss an den Stallwechsel von Andreas Wöhler nach Irland im Herbst 2014, wo er sich, vor dem Verkauf nach Bahrein, nach etlichen schwachen Formen bis zu einem Rating von 95 (87,5 kg) herunter wirtschaftete. 

Die Hauptinsel von Bahrein liegt ja nur 30 Kilometer vor der Küste von Katar. 300 Pferde sollen dort auf der Rennbahn von Sakhir in Training sein, Chopin ist da jetzt ein Star. Bei sieben Starts hat er dort bisher vier Rennen gewonnen, darunter drei lokale Gruppe-I-Rennen, zuletzt eine 2000-Meter-Prüfung mit dem eindrucksvollen Titel His Royal Highness Prince Salman bin Hamad al-Khalifa Crown Prince, Deputy Supreme Commander and First Deputy Prime Minister Cup. Ein Rennen, in dem auch so bekannte Jockeys wie Frankie Dettori oder Pat Smullen dabei waren. 

Chopins neuer Besitzer, Maher Ebrahim Lutfalla, ein Dressurreiter, hat mit dem Sieg in Doha jetzt natürlich den Jackpot geknackt. Für den Sieg gab es $570.000, nach Direktoriums-Umrechnungskurs sind das €542.857. Wenn ich nicht irgendwas Wichtiges übersehen habe, dann dürfte das der größte Geldpreis sein, den je ein vom Gestüt Graditz gezogenes Pferd gewonnen hat, deutlich mehr, als Lucas Cranach seinerzeit mit seinen dritten Platz im Melbourne Cup verdiente (€364.535). Und Vollblüter werden in Graditz immerhin seit 1866 gezüchtet.

Ryan Skelton, mein katarischer Handicapper-Kollege, hat auf den Sieg von Chopin mit einem Rating von 112 (96 kg) reagiert. Das mag für einen Vier-Längen-Sieg gegen ein 96,5-Kilo-Pferd wie Noor Al Hawa wenig sein. Aber die Nächstplatzierten sind nicht mehr als solide 92-Kilo-Pferde, so dass die Rechnung wohl aufgehen mag. Das bedeutet auch, dass Noor Al Hawa trotz des sehr guten zweiten Platzes deutlich unter seinen besten Leistungen geblieben ist, die auf kürzeren Distanzen zustande kamen. Für Chopin soll es demnächst weiter gehen nach Dubai, wahrscheinlich zum Sheema Classic und wieder über 2400 Meter.

Video: H.h the emirs trophy (gr 1) - Sieger: Chopin

* * *

An dieser Stelle war kürzlich davon die Rede, dass die internationalen Handicapper für eine Stutenerlaubnis von zwei Kilo eintreten. Ein Pferd, das eine solche Erlaubnis nun wahrlich nicht nötig hat, ist Winx. Am Samstag gewann sie in Sydney zum 15. Mal in Folge, damit ließ sie Phar Lap in dieser Hinsicht hinter sich und zog gleich mit einer anderen australischen Legende, mit Carbine. Der lief allerdings zu Urgroßvaters Zeiten, 1889, und mehrfach hat er zwei Rennen an einem Tag gewonnen, was damals noch möglich war. Herausragend sein Sieg im Melbourne Cup 1890 unter dem Rekordgewicht von 66 kg gegen 38 Gegner, wobei der Zweitplatzierte 24 Kilo weniger trug. Brigadier Gerard, Man o´War und Pretty Polly sind andere berühmte Rennpferde, die 15 Rennen nacheinander gewonnen haben. Zwei Gruppe-I-Rennen stehen in den nächsten Wochen noch auf dem Programm für Winx, bevor sie dann erst einmal eine Pause bekommen soll.

* * *

Eine Sisyphusarbeit ist laut Duden eine nie ans Ziel führende Arbeit. Sollte das Ziel der Ausgleichertätigkeit sein, dass alle Teilnehmer eines Rennens gleichauf enden, so verrichten auch die Handicapper eine solche Sisyphusarbeit. Aber manchmal scheint das auch für andere Bereiche unserer Tätigkeit zu gelten. So bemühen wir uns schon seit langem um Klarheit hinsichtlich möglicher, aber unpopulärer Aufgewichte in den sogenannten „kleinen Altersgewichtsrennen“. Trotz mehrfacher Veröffentlichungen haben wir nicht den Eindruck, damit überall durchgedrungen zu sein. So heißt es in den zuletzt erschienenen, stets mit praktischen Handreichungen versehenen „Ungefilterten Beobachtungen“ des „Sport-Welt“-Mitarbeiters „Finish“: „In den Altersgewichtsrennen (…) laufen rechnerisch eigentlich überforderte Pferde (oft) weit nach vorne oder sind nicht weit hinter guten Galoppern zurück. Solche Leistungen schlagen sich natürlich dann auch im GAG dieser Pferde nieder.“ 

Das ist so nicht richtig. Hier also noch einmal der Wortlaut der Veröffentlichungen zu diesem Thema:

1. Für Platzierte in Rennen der Kategorien E und F für 4-jährige und ältere Pferde wird kein Aufgewicht über das letzte veröffentlichte GAG hinaus vergeben.
2. Sieger eines Rennens der Kategorie E für 4-jährige und ältere Pferde erhalten ein Aufgewicht von höchstens 5 kg. Sieger eines Rennens der Kategorie F für 4-jähige und ältere Pferde ein Aufgewicht von höchstens 3 kg.
 

GERMAN RACING

Erlebnissport der Extraklasse.
Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

Imagefilm

GERMAN RACING Imagefilm