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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die vielen Churchills

10. Mai 2017

Vor kurzem gab es im Günter-Grass-Haus in Lübeck eine Ausstellung, die Sir Winston Churchill galt. Churchill, dem Maler. Daneben gibt es ja auch noch Churchill, den Schriftsteller, der 1953 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, und Churchill, den Staatsmann, den die Zuschauer der BBC im Jahr 2002 zum größten Briten aller Zeiten wählten. Weniger bekannt ist Churchill als Rennstallbesitzer und Vollblutzüchter, was auch daran liegen mag, dass der große Mann 75 Jahre alt werden musste, bevor er sein erstes Rennpferd erwarb. Das war Colonist II, der vierjährig acht Rennen gewann und eines der populärsten Pferde seiner Zeit war, „Winnie wins“-Rufe begleiteten ihn bei jedem Sieg. Churchill kaufte danach sogar ein kleines Gestüt, für einen Mann in seinem Alter eine bemerkenswerte Investition. In der Folgezeit bis zu seinem Tod im Jahre 1965 gehörte er dann zu den erfolgreichsten Besitzern und Züchtern Englands. Eines seiner besten Pferde war Le Pretendant, der 1955 auf der gestopft vollen Düsseldorfer Rennbahn im Großen Preis von Nordrhein-Westfalen lief, aber nur Zehnter wurde. Churchills Privatsekretär Anthony Montague Browne erinnerte sich an den sehr warmherzigen Empfang in Düsseldorf: „Der German Jockey Club gab für uns einen exklusiven Lunch, bei dem wir aus großen Kelchen Champagner tranken in denen ein geschälter Pfirsich schwamm. Auf dem Rückflug in einer kleinen Privatmaschine murmelte Sir Winston verärgert etwas über den zu weichen Boden für sein Pferd, eine Behinderung und das der Pfirsich den Champagner ruiniert hätte.“ Churchills Vater Randolph, dies muss nebenbei noch gesagt werden, war Züchter von L´Abesse de Jouarre, der Mutter von Festa, der erfolgreichsten Mutterstute der deutschen Vollblutzucht. 

Und jetzt auch noch Churchill, das Rennpferd. Spätestens seit seinem Sieg in den 2000 Guineas am vorigen Samstag in Newmarket zählt der Galileo-Sohn zu den Schwergewichten im europäischen Rennsport. Der Erfolg gegen die in den Trials so imponierend siegreich gewesenen Barney Roy und El Wukair fiel mit einer Länge Vorsprung zwar nicht überwältigend aus, war aber doch eindrucksvoll genug, um jetzt alle Ampeln auf „Grün“ zu schalten, sei es für einen Start in den irischen 2000 Guineas, in Royal Ascot oder sogar für Epsom, für das Derby. Die letzten Pferde, die das Doppel 2000 Guineas-Derby schafften, waren Camelot und Sea The Stars. Das vorläufige Rating für den Churchills Sieg beläuft sich auf 120 (100 kg). Damit reicht er zwar bei weitem nicht an den großen Frankel heran (130=105 kg), aber er liegt damit auf ungefährer Höhe der Sieger der letzten Jahre, Galileo Gold (120), Gleneagles (122) und Night of Thunder(121). 

2000 Guineas 2017 (Newmarket) - Sieger: Churchill

Als am Sonntagvormittag die Nachricht von der Abmeldung des Derbyzweiten Savoir Vivre kam, reduzierte das den Spannungsgehalt für den 82. Gerling-Preis um ungefähr die Hälfte. Aber so wie man häufig von einem Rennen enttäuscht wird, von dem man besonders viel erwartet hat, so erlebt man doch ab und an auch das Gegenteil davon. Der Sieg von Dschingis Secret gehört in diese Kategorie. Man glaubte ja seinen Augen nicht trauen zu dürfen, mit welch explosiver Aktion der Derbydritte die Gegner auf den letzten 200 Metern stehen ließ. Das war ganz großes Kino und hat die Erwartungen in diesen Hengst jetzt auf eine ganz andere Ebene befördert. Der Coronation Cup am 2. Juni hat jetzt Raum in den Überlegungen gefunden, also jenes Rennen, in dem bisher fünf Pferde aus Deutschland am Start waren. Den Anfang machte 1987 Acatenango als Dritter, Mondrian wurde Letzter, Boreal gewann an jenem denkwürdigen Tag, an dem auch Kazzia in den Oaks siegreich war, Getaway wurde Fünfter und Empoli 2014 Vierter. 

Was der optisch sehr beeindruckende Sieg von Dschingis Secret nun wirklich wert ist, wird man wohl erst später sagen können. Vorerst haben wir den Hengst um ein Kilo auf 98,5 (Rating 117) angehoben. Sirius und Kasalla auf den Plätzen zwei und drei rechtfertigen zwar ein noch höheres Rating, doch weiß man bei beiden nicht genau um ihre derzeitige Leistungsstärke. Der Stopper bei der Rechnung ist ohnehin die französische Stute dichtauf auf Platz vier, deren Bestleistung aus dem Vorjahr bei 90,5 kg lag. Eine Marke von 98,5 kg (117) ist für diese Jahreszeit durchaus beachtlich. Vor allem wenn man weiß, dass selbst ein Cloth of Stars (auf den Dschingis Secret im Coronation Cup treffen könnte) für seinen Sieg im Prix Ganay in der vorigen Woche auch nicht mehr bekommen hat.

* * *

Es hat sich ja inzwischen herumgesprochen, dass der Gerling-Preis das älteste Sponsor-Rennen in Deutschland ist. Ja, man darf, ohne eine Gegendarstellung befürchten zu müssen, die Behauptung wagen, dass er zu den ältesten gesponserten Sportveranstaltungen überhaupt gehört. Die Siegerliste liest sich denn auch wie ein Who´s Who der deutschen Spitzengalopper. Wenn ich nur die Zeit berücksichtige, die die meisten noch bewusst erlebt haben, so findet man neben anderen hervorragenden Siegern Nebos, Orofino, Acatenango, Mondrian, Lomitas, Monsun, Tiger Hill, Kamsin, Scalo, Ivanhowe und Ito. Einmal hat der Gerling-Preis sogar Turfgeschichte geschrieben, denn er brachte nach 12 siegreichen Starts in Folge die erste Niederlage des berühmten Birkhahn, bei dessen ersten Start nach dem Derbysieg im Jahre 1948. 

Der Gerling-Preis entstand 1934, als sich der Kölner Rennverein in höchster Not befand und Präsident Waldemar von Oppenheim etwas Bedeutendes schaffen wollte, um das fast erloschene Interesse der Kölner an ihrer Rennbahn neu zu beleben. In Robert Gerling fand er den richtigen Unterstützer und am 17. Oktober 1934 gab es den ersten „Robert Gerling-Preis“. Mit 15.000 Mark, damals viel Geld, war es gleich das reichste Rennen Westdeutschlands. Bereits wenige Monate später starb der Gründer des einst so bedeutenden Versicherungskonzerns in St. Moritz im Alter von nur 57 Jahren. Am Sonntag war es Brita Gerling-Koehne, die den Siegern gratulierte, eine Enkelin Robert Gerlings. Das Aufrechterhalten einer so großen Tradition, auch über das Bestehen des eigenen Familienunternehmens hinaus, ist nicht nur bemerkenswert, sondern einmalig zu nennen.

 

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