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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Sie schwankt, aber sie geht nicht unter“

10. Oktober 2018

Das Wappen von Paris zeigt ein Schiff auf bewegter See, darunter der offizielle Wahlspruch der Stadt „Fluctuat nec mergitur“, was so viel heißt wie „Sie schwankt, aber sie geht nicht unter“. Dieses Motto könnte auch über den Sieg von Enable beim 98. Prix de l´Arc de Triomphe am vorigen Sonntag in Paris Longchamp stehen. Bis weit in die Zielgerade hinein hatte eigentlich alles ausgesehen wie immer bei Enable. Mit kräftigem Antritt war sie zwei Längen vor das Feld gegangen, das Rennen schien gelaufen. Doch plötzlich wirkte sie wie ein angeschlagener Boxer und nur mit dem letzten Tropfen Energie erreichte sie gerade noch den rettenden Hafen vor der heranstürmenden Sea of Class. Eine große Leistung, die noch an Wert gewinnt, weil man um die nur unzureichende Vorbereitung weiß, eine Vorbereitung, die noch niemals für einen Sieg im „Arc“ ausgereicht hatte. Wegen ihrer im Mai erlittenen Verletzung konnte sie vorher nur einmal laufen, ein einziger Start auf der Allwetterbahn von Kempton am 8. September musste genügen, um sie für das schwerste Rennen der Welt in Form zu bringen. Dann bekam sie auch noch leichtes Fieber, als Folge davon fehlte ihr eigentlich noch ein schneller Galopp, womit ihr Trainer John Gosden allerdings erst in der Pressekonferenz nach dem Rennen herausrückte. Aber Kennzeichen wahrer Champions ist es eben, auch dann noch zu siegen, wenn einmal nicht alles glatt läuft. Ein Roger Federer gewinnt in Wimbledon auch noch an einem schlechten Tag, wenn er schon zwei Sätze gegen einen Qualifikanten zurückliegt. Oder Frankel bleibt auch bei seinem 14. und letzten Start ungeschlagen, obwohl der Boden in Ascot durch Regen aufgeweicht war, was er gar nicht mochte.

Das bisschen Glück, bei der Auslosung der Startboxen die Nummer sechs zu ziehen, gehörte für Enable dann aber doch noch dazu. Die Startposition ist ja gerade beim Prix de l´Arc de Triomphe ein großer Faktor, in den letzten 24 Jahren konnten nur fünf Pferde gewinnen, die das Rennen nicht aus einer der acht inneren Boxen aufgenommen hatten. Sea of Class hatte dieses Glück nicht, sie musste aus der 15 abgehen, was Maureen Piggott, Ehefrau von Sea of Class´ Trainer William Haggas und Tochter von Lester Piggott, veranlasste, ihren Vater anzurufen und zu fragen, was da zu machen sei. „Nichts ändern an der Taktik und beten“ war Piggotts Antwort. So kam es, dass Sea of Class ihre Aufholjagd vom letzten Platz aus beginnen musste, an 16 Gegnern kam sie vorbei, nur an einer nicht. Es ist schwer zu sagen, ob es bei einer für sie besseren Startauslosung anders ausgegangen wäre – es ist nun einmal ihre Art, auf Warten geritten zu werden.

Auch ein großer Sieg, wie der von Enable, muss nicht zwingend zu einer hohen Handicapmarke führen, es kommt eben immer auf die Qualität der Teilnehmer, der Abstände zwischen ihnen und des getragenen Gewichts an. Der Handicapper befindet sich da häufig in einem Dilemma. Bei Justify zum Beispiel, der trotz des Gewinns der amerikanischen Triple-Crown nicht über eine Marke von 124 (102 kg) hinausgekommen ist. Oder Laurens, die am Samstag in Newmarket zwar ihr fünftes Gruppe-I-Rennen gewinnen konnte, aber immer noch bei „nur“ 116 (98 kg) steht. Auch Enable kommt für ihren zweiten Sieg im „Arc“ auf nicht mehr als ein Rating von 123 (101,5 kg). Im vorigen Jahr hatte es noch zu 128 (104 kg) gereicht. Aber das diesjährige Starterfeld kam in der Qualität nicht an das letztjährige heran. Poet´s Word, Crystal Ocean, Cracksman und Roaring Lion, die vier nach Rating besten Pferde Europas, waren aus unterschiedlichen Gründen nicht dabei, und so hätte Enable schon mit mehreren Längen gewinnen müssen, um wieder auf ihre alte Marke zu kommen. Ausgangspunkt für die Rechnung der internationalen Handicapper war der Viertplatzierte Waldgeist, der mit einer Marke von 122 (101 kg) ins Rennen gegangen war. Daraus ergeben sich – unter Berücksichtigung des Altersgewichts (3 kg), der Stutenerlaubnis (1 ½ kg) und der Abstände Marken von 123 (101,5 kg) für Enable, 122 (101 kg) für Sea of Class und 123 (101,5 kg) für den drittplatzierten Cloth of Stars.

Video: Qatar Prix de l'Arc de Triomphe 2018

Enable ist das achte Pferd, das den Prix de l´Arc de Triomphe zwei Mal gewinnen konnte und die dritte Stute nach Corrida und Trève. Diese beiden sind auch die einzigen, die es noch ein drittes Mal versucht haben. Corrida wurde dabei Dritte, Trève Vierte. Corrida ist somit die erfolgreichste aller Arc-Teilnehmer seit Gründung des Rennens im Jahr 1920. Die 1932 geborene Stute ist ja im deutschen Rennsport auch dadurch bekannt geworden, dass sie im Juli 1936 in München der deutschen Derbysiegerin Nereide unterlag, was ein epochales Ereignis war. Damals brachten deutsche Pferde so etwas fertig, augenblicklich wollen wir an so etwas nicht denken.

* * *

Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer („Russendisko“) erzählt in seiner beim Redaktionsnetzwerk Deutschland erscheinenden wöchentlichen Kolumne, dass er am Tag der Deutschen Einheit auf der Rennbahn in Hoppegarten gewesen ist. „Wie immer“, wie er betonte. Am nächsten Abend traf ich einen alten Rennbahnbekannten, Udo Huesmann aus Dortmund, in der Deutschen Oper Berlin während einer Tosca-Vorstellung mit der fulminanten Anja Harteros in der Titelrolle. Er sagte mir, dass er den Preis der Einheit zum 28. Mal erlebt hat. Also von Anfang an, seit 1991. Damit kann ich natürlich nicht mithalten, schon deshalb, weil es oft eine Terminkollision mit dem Prix de l´Arc de Triomphe gab. Wenn es sich aber einrichten ließ, war auch ich dabei, an diesem immer stimmungsvollen Renntag, wenn die halbe Rennbahn beim Aufgalopp zum Hauptrennen das Deutschlandlied singt und schwarzrotgoldene Fähnchen schwenkt. Der Preis der Deutschen Einheit ist ja meistens über seine Klassifizierung als Gruppe-III-Rennen hinaus gut besetzt. Häufig ist auch ein echtes Star-Pferd dabei, in früheren Jahren zum Beispiel Elle Danzig, Manduro, Soldier Hollow oder Pastorius und man fragt sich, warum das Rennen eigentlich nicht längst in die Gruppe II aufgestiegen ist. Die dafür erforderliche Mindestdotierung weist es schon auf, auch das geforderte Durchschnitts-Rating für die vier Erstplatzierten von 110 (95 kg) hat es in den meisten Jahren erreicht (diesmal, nach aktuellem Stand, 111,25). 

Der Star in diesem Jahr war Iquitos. Dass er nicht gewonnen hat lag zum einen daran, dass Va Bank an diesem Tag das bessere Pferd war, zum anderen an der Taktik. Es geht eben nicht, einem so guten Pferd wie Va Bank aus freien Stücken unterwegs einen Vorsprung von zehn Längen einzuräumen, erst recht nicht, wenn das Tempo nur gemächlich ist. Iquitos war also unter Wert geschlagen, Va Bank dagegen fand bei seinem ersten Sieg nach mehr als zwei Jahren wieder zu alter Bestform zurück. Die hatte er Ende August 2016 gezeigt, bei seinem Sieg im Ex-Spreti-Rennen in Iffezheim gegen Potemkin. Es war damals sein 12. Sieg in Folge, er war noch ungeschlagen und man sprach schon vom Melbourne Cup. Eine Verletzung warf ihn zurück, nach Klinikaufenthalt und Rekonvaleszenz im Gestüt Fährhof landete er schließlich bei Trainer Andreas Wöhler, der ihn wieder in die Spur brachte. Bei fünf Starts in diesem Jahr konnte Va Bank sich kontinuierlich steigern, von 94,5 kg über 95,5 kg auf jetzt 98 Kilo (Rating 116). Die ergeben sich über den Drittplatzierten, das solide 93-Kg-Pferd Itobo

Der nächste Handicapper-Blog erscheint aus terminlichen Gründen erst am Donnerstag.

 

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