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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Echt ist nur das Original

11. Juli 2018

Derby. Ein Begriff, der schon seit langem über die engen Grenzen des Galopprennsports hinausgewachsen ist in andere Bereiche des Lebens. Am häufigsten begegnet uns das Derby beim Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Sportvereine einer Region, aber auch als Markenzeichen findet der Name gerne Verwendung, auch wenn sich in den meisten Fällen schon der Mantel der Geschichte über sie gelegt hat. Erinnert sei hier noch einmal an die Derby-Zigarette des Hauses Neuerburg, den Derby-Fernseher der VEB Rafena Werke Radeberg, den sportlichen Derby-Schuh und natürlich an den VW-Derby, die Stufenhecklimousine von Volkswagen. Die Derby Cycle Holding dagegen ist als größter Fahrradhersteller Deutschlands auch heute noch sehr aktiv. Aber echt ist doch nur das Original, das Derby von Epsom mit seinen zahlreichen Ablegern in aller Welt, zu denen auch das Deutsche Derby in Hamburg-Horn gehört. Zum 149. Mal gelangte es am vorigen Sonntag zur Austragung, mit Riesenschritten nähert es sich also seinem 150. Jubiläum. Immerhin 48 dieser Derbys, also fast ein Drittel, habe ich selbst vor Ort erlebt, beginnend mit dem Sieg von Elviro im Jahre 1968. Den größten Eindruck von allen hat dabei Surumu bei mir hinterlassen, bei seinem Sieben-Längen-Sieg gegen 23 Gegner im Jahre 1977. Für die Antwort auf die Frage, wo Weltstar in meiner persönlichen Derbyrangliste einmal stehen wird, ist es jetzt noch zu früh. Einstweilen kann gesagt werden, dass er ein sympathisches, gutaussehendes Rennpferd ist, der sich am Sonntag von der Größe der vor ihm liegenden Aufgabe nicht nervös machen ließ, im Führring ruhig seine Bahnen zog (im Gegensatz zum Hauptrivalen Royal Youmzain, der dort schon überkochte) und im Rennen Stehvermögen und Kämpferqualitäten bewies. Das sollte ihm vorerst einen guten Platz im Mittelfeld sichern.

Ähnlich fällt denn auch das Urteil des Handicappers aus. Dem Starterfeld fehlte es etwas an Qualität in der Breite, so dass ein wirklich überdurchschnittlicher Derbysieger eigentlich nur bei einem spektakulären Sieg à la Sea The Moon, Adlerflug oder Samum hätte herauskommen können. Der blieb aber aus, die Pferde passierten in relativ geringen Abständen das Ziel. Ein Grund hierfür war das wenig selektiv wirkende ruhige Tempo, das Aldenham an der Spitze vorlegte, was anfangs vor allem Royal Youmzain und Star Max, aber auch Destino ersichtlich nicht behagte – sie pullten. Das Geläuf war aufgrund der künstlichen Beregnung zwar nicht mehr rekordverdächtig, aber die Zeit von 2:32,44 Minuten, die schließlich nach den 2400 Metern herauskam, war doch eher mäßig. Das für Royal Youmzain zu langsame Tempo und eine deutliche, wenn auch nicht entscheidende Behinderung durch Weltstar in der Geraden, veranlassen uns die Leistung von Royal Youmzain mit 96 kg etwas unter seiner Bestmarke anzusiedeln. Daraus ergeben sich für Destino 97 kg und für Weltstar 97,5 kg (Rating 115). Eine solche Marke ist für einen Derbysieger weder sonderlich gut noch besonders schlecht. Meine Kollegen aus Frankreich und England sind noch etwas zurückhaltender und begnügen sich derzeit noch mit 97 kg. Da muss also noch etwas Überzeugungsarbeit geleistet werden, am besten durch die Derbypferde selbst, wenn es demnächst gegen die älteren Pferde geht. Die vier Erstplatzierten des Derbys sind in allen Gruppe-I-Rennen der kommenden Monate engagiert, mit Ausnahme des Dallmayr-Preises in München-Riem. Dass dort keiner unserer Spitzendreijährigen genannt ist, muss doch etwas verwundern. 

Das Deutsche Derby war das letzte in der Reihe der großen Derbys weltweit. Danach ergibt sich aus Sicht der Handicapper folgendes Bild:

Land Sieger Rating
USA Justify 124 (102 kg)
England Masar 121 (100,5 kg)
Japan Wagnerian 119 (99,5 kg)
Frankreich Study of Man 116 (98 kg)
Deutschland Weltstar 115 (97,5 kg)
Irland Latrobe 115 (97,5 kg)
Italien Summer Festival 111 (95,5 kg)

* * *

Nachdem die Frauenbewegung inzwischen so viele ihrer Gleichstellungsziele erreicht hat, könnte sie ihre Aufmerksamkeit vielleicht kurz einmal auf die bisher eher vernachlässigte Würdigung der weiblichen Spezies in der Vollblutzucht lenken. Denn wie oft wird in Zuchtkolumnen vor allem der Anteil des Deckhengstes an den Erfolgen eines Pferdes hervorgehoben, wo doch jeder wissen sollte, dass auch die Mutter mit 50 Prozent ihrer Gene dazu beigetragen hat. Ausführlich hervorgehoben wird die Leistung einer Mutterstute meist nur dann, wenn sie durch mehrere hochklassige Nachkommen aufgefallen ist, besonders durch mehrere Derbysieger. Man nennt sie dann Zuchtperlen. In England haben bisher 12 Stuten zwei Derbysieger gebracht, zuletzt Urban Sea mit Galileo und Sea The Stars. Das deutsche Gestütbuch kennt seit Sonntag sechs dieser Zuchtperlen. Kirschfliege hatte 1956 mit den Derbysiegern Kaliber und Kilometer den Anfang gemacht, danach folgten Ordinale (Orofino und Ordos), Laurea (Lando und Laroche), Britannia (Borgia und Boreal) und Sacarina (Samum und Schiaparelli). Seit Sonntag zählt auch Wellenspiel dazu, denn die Sternkönig-Tochter hat neben Weltstar bekanntlich auch den vorjährigen Derbysieger Windstoß gebracht. Da sie noch jung ist (10 Jahre) könnte ihr vielleicht sogar das Triple gelingen, zwei Hengste und eine Stute stehen bereits in Reserve. Sacarina hätte ein solches Triple fast geschafft, ihre Tochter Salve Regina wurde aber „nur“ Zweite, ein weiterer Hengst, Seventh Sky, schaffte es immerhin ins Derbyfeld und wurde Dreizehnter. Ordinale (mit Orfano, Vierter) und Laurea (mit La Donna, 16.) hatten immerhin noch einen dritten Derbystarter. Woher die enorme Vererbungskraft von Wellenspiel kommt, wird ein Geheimnis der Natur bleiben, denn ihre Rennleistung war mit einem GAG von nur 68,5 doch recht bescheiden. Ihre in 54 Rennen ungeschlagene 12. Mutter, die Wunderstute Kincsem, sollte da doch keine Rolle mehr gespielt haben. Oder etwa doch?

* * *

Es gibt bekanntlich Rennpferde, deren Stern hell leuchtend aufgeht, dann aber schnell wieder verblasst. Über die wird viel gesprochen. Und es gibt Rennpferde, die zwar nicht für die ganz hohen Weihen geboren sind, die aber über Jahre hinweg treu ihr Bestes geben und dadurch Vorbild für den Idealtyp des leistungsbereiten, harten Vollblüters sind. Von denen hört man meist nicht so viel. Zu dieser Sorte gehört Devastar aus dem Gestüt Park Wiedingen. 28 Starts hat er in den vergangenen vier Jahren absolviert und dabei allein in Gruppe- und Listenrennen 5 Siege und 12 Platzierungen (2-4) geschafft. Unnötig zu sagen, dass sich so ein Pferd geradezu die Zuneigung des Handicappers erwirbt, denn aufgrund seiner Formkonstanz sind über ihn viele andere Pferde zuverlässig zu berechnen. Sein Leistungslimit scheint bei 94 kg zu liegen, jedenfalls war das sein Jahres-GAG in den beiden letzten Jahren. Nur einmal, bei seinem überlegenen Sieg im Röttgen-Cup im Mai in Köln, schien er 95 kg geschafft zu haben, inzwischen kann dieser Wert schon wieder leicht in Zweifel gezogen werden. Am vorigen Donnerstag beim Großen Preis von Lotto Hamburg waren es jedenfalls wieder 94 kg, berechnet über die gut belastbare Handicapform von Itobo, der als Vierter nur gut anderthalb Längen geschlagen war. Dabei fällt mir ein, dass es vor ein paar Jahren einmal ein Pferd gab, das in rekordverdächtigen acht Rennen in Folge auf genau 94 Kilo kam, um dann nach Siegen im Großen Lotto Preis von Hamburg und Großen Dallmayr-Preis plötzlich auf 99 Kilo springen. Dieses Pferd war Gestüt Ittlingens Neatico.

Devastar
Devastar
 

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