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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Unterwegs in Hongkong

13. Dezember 2017

Das fing ja gut an. Das Boarding für den Flug Cathay Pacific 288 am 3. Dezember von Frankfurt nach Hongkong war zwar mehr als pünktlich abgeschlossen, es ging aber einfach nicht los. Stattdessen eine Stimme aus dem Cockpit: wegen Schneefall kann es zu einer kleinen Verspätung kommen, zwanzig Minuten vielleicht. Welcher Schnee? Viel mehr als ein paar Flocken waren auf dem Weg nach Frankfurt eigentlich gar nicht zu sehen und die sollten doch wohl den Flugverkehr nicht lahmlegen können. Konnten es aber doch. Jedenfalls war der Airport von der Wetterlage offensichtlich überrascht worden und kam mit dem Enteisen der Maschinen nicht mehr nach. So verging Stunde um Stunde und als es kurz vor sechs endlich losging, hatte man schon fünf Stunden auf seinem Platz – und noch elf Stunden Flugzeit vor sich. Statt frühmorgens um sechs kamen wir also erst um elf in Hongkong an, immerhin bestand jetzt keine Gefahr mehr, bei der Ankunft im Hotel noch stundenlang auf ein freigewordenes Zimmer warten zu müssen. Und das Meeting der Handicapper für die World Rankings fing ohnehin erst am nächsten Tag an.
Wer einmal Handicapper geworden ist, der bleibt es für gewöhnlich sehr lange. Ich bin ja auch schon mehr als 20 Jahre in diesem Job. Und da das in anderen Ländern nicht anders ist, kann man Jahr für Jahr die gleichen Kollegen begrüßen. Sogar die Plätze im Konferenzraum im 7. Stock der Rennbahntribüne von Happy Valley werden immer wieder so eingenommen, als sei man erst gestern das letzte Mal zusammengetroffen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Das heißt: der Platz rechts von mir war diesmal anders besetzt, nicht von Italien, sondern von Irland. Lorenzo Rossi aus Rom war nicht gekommen, die Gründe hierfür sind nicht ganz eindeutig. An der Finanzkrise des italienischen Rennsports kann es eigentlich nicht liegen, denn für sämtliche Reise- und Aufenthaltskosten kommt der Hong Kong Jockey-Club auf. Ich vermute eher, dass wieder einmal ausgebliebene Gehaltszahlungen dahinterstecken, so etwas kommt dort vor. Und ganz umsonst arbeiten will der Kollege nun auch nicht. Solche Sachen sind natürlich wenig hilfreich, wenn demnächst wieder über einen Verbleib Italiens im „European Pattern Committee“ entschieden wird.
Der Name unseres Komitees hat sich im Laufe der Jahre mehrfach geändert, derzeit lautet er „Longines World´s Best Racehorse Rankings Committee“. Glücklich sind wir damit nicht, denn der Titel verleitet zu der Annahme, die Nummer Eins im Ranking sei auch das aktuell beste Rennpferd der Welt ist. Das ist durchaus nicht immer der Fall. Tatsächlich ermitteln wir die beste belastbare Leistung eines Rennpferdes in einem Kalenderjahr. Belastbar ist eine Leistung dann, wenn die Platzierten, über die das Rennen berechnet wurde, dies durch spätere Leistungen bestätigen. Ist das der Fall, besteht kein Grund, ein Rating nach unten zu korrigieren, auch wenn das siegreiche Pferd später die Form verliert. Ein Sieg oder eine gute Platzierung im Frühjahr soll schließlich nicht weniger wert sein, als eine Leistung am Ende eines Jahres. Ein gutes Beispiel hierfür ist der japanische Hengst Just a Way, der am Ende des Jahres 2014 die World Rankings mit 130 (105 kg) anführte. Er hatte sich diese Marke durch einen souveränen Sieg mit vier Längen Vorsprung schon am 29. März im G1-Dubai Duty Free gegen Pferde aus Südafrika, England und den USA verdient, konnte diese Form später bei vier Starts aber nicht mehr einstellen. Da die von ihm geschlagenen Pferde danach aber weiter konstant gute Leistungen gezeigt haben, die Dubai-Form damit bestätigt wurde, durfte Just A Way seine Marke und seine Stellung in der Weltrangliste bis zum Jahresende behalten - obwohl er zu diesem Zeitpunkt sicher nicht mehr das beste Rennpferd der Welt war.
Eine ähnliche Situation haben die 23 in Hongkong anwesenden Handicapper aus 16 Ländern in diesem Jahr vorgefunden. Der zu Beginn des Jahres so herausragende Arrogate hatte seinen Status als bestes Pferd der Welt nach drei Niederlagen zwar gründlich eingebüßt, trotzdem musste darüber entschieden werden, ob sein Sieg im Dubai Word Cup nicht doch die beste Form eines Rennpferdes im Jahr 2017 gewesen ist. Wie die Sache ausging darf ich jetzt leider nicht sagen. Und auch nicht, welche Marken die besten deutschen Pferde bekommen haben, da eine Sperrfrist bis zu einer Pressekonferenz am 23. Januar in London besteht.

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Zum unumstößlichen Hongkong-Programm gehören am Mittwochabend die Rennen in Happy Valley mit dem Jockey-Wettbewerb, das Gala-Dinner am Freitag im Hongkong Convention and Exhibition Centre und natürlich der große Renntag mit den internationalen Rennen am Sonntag. Die Abendrennen auf der Stadtrennbahn Happy Valley, umgeben von erleuchteten Wolkenkratzern und besucht von mehr als 30.000 Menschen, sind ja allein aufgrund ihrer besonderen Atmosphäre immer ein Erlebnis. Beim Galadinner wurde Hugh Bowman, der australische Winx-Reiter, als bester Jockey des Jahres geehrt, wobei der Geehrte in seiner Dankesrede sympathische Selbstzweifel hinsichtlich der Berechtigung dieses Titels äußerte. Aber nach einer Punktewertung über die nach Rating 100 besten Rennen der Welt lag er vorne. Das allein zählt.
Vier Pferderennen, die zusammengenommen 7 Minuten und 11 Sekunden dauerten, waren schließlich am Sonntag der eigentliche Grund, warum sich Hunderte von Menschen, vielleicht sogar noch mehr, aus allen Ecken der Welt auf den Weg nach Hongkong gemacht hatten. Von den rund 50 eingeflogenen Pferden ganz zu schweigen. Bei Lichte betrachtet ist dies eigentlich verrückt und nur durch die enorme Faszination von Pferderennen auf höchstem sportlichen und sozialem Niveau zu erklären. Nun ja, Fußballfans reisen ja auch für ein Spiel von überschaubarer Dauer um die halbe Welt. Deutsche Pferde waren, wie schon im Vorjahr, nicht dabei, die Qualität der wenigen aus Deutschland genannten Pferde reichte dem Hong Kong Jockey Club nicht. Der Besitzer bzw. der Trainer desjenigen Pferdes, das man seitens des Veranstalters gerne gesehen hätte, nämlich Dschingis Secret, war dagegen nicht interessiert. So muss man also weiter auf den ersten Sieg eines deutschen Pferdes bei den Hong Kong International Races warten. Platzieren konnten sich von den 39 seit 1996 gestarteten Pferden aus deutschen Ställen nur Paolini und Quijano als Zweite sowie Caitano, Bussoni und Zazou als Dritte. Der für mich herausragende Sieger der vier internationalen Rennen war Highland Reel, der noch einmal alles gab und gegen den fürs Auge lange besser gehenden Talismanic gewann. In einem Handicap des Rahmenprogramms startete erstmals seit seinem zweiten Platz im Mehl-Mülhens-Rennen der Schimmel Lockheed, versehen mit einer Handicap-Marke von 88 (GAG 84). In Köln hat er eine belastbare Leistung von 95 kg gezeigt, bekam von Hongkong-Handicapper Nigel Gray zum Einstand also 11 kg geschenkt. Über zu kurze 1200-Meter endete er vom letzten Platz als Fünfter sehr stark und wird, auf passender Distanz, sicher bald gewinnen.

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Wie meistens waren wir mit der Arbeit am späten Montagnachmittag fertig. Mehr als 400 Handicapmarken waren diskutiert und entweder bestätigt, erhöht oder abgewertet worden. Nicht wenige Pferde sind ganz aus der Klassifikation gefallen, weil sie den Cut von 115 (97,5 kg) nicht geschafft haben. Die Handicapper aus Europa mussten dann noch in die Verlängerung um die europäischen Pferde zwischen 110 und 114 (95 kg bis 97 kg) festzulegen. In der 28. Etage des Crowne Plaza Hotels am Dienstagabend dann noch ein letzter Drink, bevor es mit dem Bus zum Hong Kong International Airport und von dort kurz nach Mitternacht nach Hause ging. Diesmal ganz ohne Verspätung durch Eis und Schnee.

 

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