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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Optimisten gehen mit Well Timed

13. Juni 2018

Die Welt ist ja unablässig auf der Suche nach irgendwas. Auf der Suche nach dem Glück, nach der Wahrheit, oder, wie derzeit unsere Nationalmannschaft, nach der WM-Form. Der deutsche Galopprennsport ist augenblicklich auf der Suche nach dem Derbysieger, den einige in Royal Youmzain schon gefunden zu haben glauben (Racebets: 21:10!), obwohl am Sonntag noch ein interessantes Oppenheim-Union-Rennen und dann natürlich noch das Derby-Rennen selbst anstehen. Am vorigen Wochenende stand aber erst einmal die Suche nach der Diana-Siegerin im Mittelpunkt des Interesses, und zwar in Hoppegarten und in Mailand.

Das Hoppegartener Soldier Hollow-Diana-Trial gibt in dieser Form, also terminlich etwa acht Wochen vor dem Henkel-Preis der Diana, erst seit 2008. Ob es auch an der langen Zeit zwischen beiden Rennen liegt, dass noch keine Siegerin dieses dem Status nach (Gruppe II) wichtigsten Test-Rennens auch die Diana gewonnen hat, vermag natürlich niemand zu sagen. Aber auffallend ist schon, dass die zehn Siegerinnen des Diana-Trials seit 2008 anschließend in der Diana allenfalls Platzierungen zustande gebracht haben: Nightflower wurde Zweite, Baila Me und Longina Dritte, Tusked Wings Vierte. Monami (8.), Meergörl (10.), Ars Nova (13.) und Selkis (16.) endeten unplatziert, Miss Europa und Vanjura sind nicht gelaufen. Optimisten werden daraus folgern, dass es mit einem Sieg jetzt aber mal Zeit wird.

Well Timed könnte dafür die Richtige sein. Ihr Sieg am Sonntag in Hoppegarten sah jedenfalls sehr ordentlich aus, zudem hat sie sich vorher schon durch den Erfolg im Düsseldorfer BMW-Preis für klassische Ehren empfohlen und zurecht gilt sie jetzt als Favoritin für den Henkel-Preis der Diana. Der 10-Jahres-Rating-Durchschnitt für eine Siegerin des Diana-Trials liegt bei 92,25 kg. Die 92 kg, die Well Timed für ihren Sieg am Sonntag erhalten hat, liegen also minimal darunter, sie ergeben sich über die als Sechste platzierte Felora. Da die direkt hinter Well Timed eingekommenen Stuten mit recht niedrigen Marken ins Rennen gegangen waren, hätte eine höheres Rating für Well Timed einen Ausflug in das Reich der Fantasie bedeutet und das ist eine Reise, die man als Handicapper nur ungern antritt.

Video: Soldier Hollow - Diana-Trial (Gr. II), Berlin-Hoppegarten - Siegerin: Well Timed

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Ob die Leistung von Sand Zabeel bei ihrem Sieg in den Oaks d´Italia nun besser gewesen ist als die von Well Timed in Hoppegarten, ist eine eher akademische Frage. Die Tatsachen – und das sind hier die „Pre-Race-Ratings, also diejenigen Ratings, mit denen die Pferde in ein Rennen hineingehen - diese Tatsachen sprechen eher für Sand Zabeel. Es sei denn, jemand macht eine Rechnung über die in Hoppegarten mehr als eine Länge hinter Well Timed eingekommene Taraja auf, also jene Taraja, die am 20. Mai in einem kleinen Siegerrennen für Dreijährige nur um einen kurzen Kopf von Sand Zabeel geschlagen war. Aber mit solchen Rechnungen um zwei Ecken liegt man häufiger falsch als richtig, das ist eine alte Erfahrung. Die Italiener haben ja einen Sieg ihrer besten Stute Flower Party für ausgemacht angesehen, die fünfmalige Siegerin und Dritte aus dem Derby Italiano ging als 16:10-Favoritin in die Startboxen. Aber an Sand Zabeel biss sie sich im Endkampf doch die Zähne aus. Die beiden anderen deutschen Stuten, Wonder of Lips und Abiona, hielten sich dahinter als Fünfte und Sechste sehr ordentlich. Für den Sieg komme ich auf eine Marke von 105 (92,5 kg), die von meinem italienischen Kollegen Lorenzo Rossi aus Rom bestätigt worden ist. 

Es gibt kein Gruppe-Rennen außerhalb unserer Landesgrenzen, in dem in Deutschland trainierte Pferde so oft erfolgreich waren, wie in den Oaks d´Italia. Es begann im Jahre 1999 mit Gestüt Röttgens Nagoya, danach folgten Guadalupe, Meridiana, Gyreka, Goose Bay, Night of Magic, Danedream, Lovelyn, Nepal bis hin zu Sand Zabeel. Zehn deutsche Siege also in den vergangenen 20 Jahren. Das durchschnittliche Rating bei diesen zehn Siegen beträgt 106 (93 kg).

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Amerika ist ja nicht unbedingt ein Land der Traditionen. Geht es aber um die Rennen zur Triple-Crown, will man sich nichts nachsagen lassen. Bei Kentucky Derby, Preakness Stakes und Belmont Stakes erklingen nicht nur eigene Erkennungsmelodien (My Old Kentucky Home, Maryland my Maryland, Frank Sinatras New York-New York), es schmücken nicht nur landestypische Blumengebinde (Rote Rosen, Schwarzäugige Susannen, Weiße Nelken) Rennbahngelände und Siegerdecke - jedes dieser Rennen hat sogar sein Stammgetränk, seinen „Signature Drink“: In Kentucky ist es der „Mint Julep“, auf dem Pimlico Racetrack greift man zum „Black Eyed Susan“ und in Belmont Park zum „Belmont Juwel“. Bourbon Whiskey ist überall drin. Einige Belmont Jewels werden wohl draufgegangen sein nach dem großen Sieg von Justify am Samstag in den Belmont Stakes, der ja gleichbedeutend war mit dem Gewinn der legendären Dreifachen Krone, dem härtesten Test, den ein Vollblüter bestehen kann, weltweit. Bei Justify kommt noch dazu, dass er erst am 18. Februar sein Rennbahndebüt gab, seine bisher sechs Siege inclusive Triple Crown also innerhalb von nur 111 Tagen zustande kamen. 

Justify ist der 13. Triple-Crown-Sieger seit Sir Barton im Jahr 1919, aber erst der zweite seit 1978. Der letzte vor ihm war vor drei Jahren American Pharoah und vergleicht man diese beiden Pferde, so ist Justify nach seiner Dreierserie zwar noch ungeschlagen, im Rating kann er mit seinem Vorgänger aber noch nicht ganz mithalten. 125, 125 und 129 waren die Ratings für American Pharoah bei seinen Siegen in Kentucky Derby, Preakness Stakes und Belmont Stakes, für Justify stehen 124, 117 und 123 zu Buche. Trotz des augenblicklichen Hypes um Justify: Aus Sicht des Handicappers ist noch Luft nach oben.

 

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