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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Den „Arc“ im Blick

13. September 2017

In Abwandlung einer Äußerung von Kurt Tucholski in „Schloß Gripsholm“ über Schweden (blonde Frauen, kaltes Wetter), wird man sagen können, dass die Deutschen, wenn sie an die Mongolei denken, ihnen zuerst eine endlose Steppe in den Sinn kommt. Und Dschingis Khan, der Anführer des kriegerischen Reitervolkes. Ältere Freunde des Galoppsports werden sich vielleicht auch an das Pferd Dschingis Khan erinnern, das in den Sechziger Jahren von Heinz Jentzsch zu großen Erfolgen, auch in Frankreich, geführt wurde, und der später Vater der Derbysieger Königsstuhl und Orofino wurde. Nun ist ein neuer „Dschingis“ auf dem Wege, sich auch international einen Namen zu machen: Dschingis Secret, der imponierende Sieger aus dem Prix Foy am Sonntag in Chantilly. (In der Mongolei gibt es übrigens Pferderennen. Ich habe einmal den Präsidenten des Rennklubs von Ulan-Bator flüchtig kennengerlernt. Das war eine halbe Stunde vor Danedreams „Arc“, als ein eleganter Herr mit einer noch eleganteren Dame, die jeden Miss Elegance-Wettbewerb mit Leichtigkeit gewonnen hätte, neben mir auf der Tribüne von Longchamp die letzten freien Plätze ergatterte. Als wir ins Gespräch kamen, riet ich, im Fall von Wettinteresse, auf keinen Fall Danedream auszulassen, woraufhin die Dame sich noch einmal an einen Wettschalter durchkämpfte - mit dem bekannten Ergebnis.)

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, beim Prix Foy. Wenn es irgendwo noch (ohnehin ganz unsinnige) Zweifel an der Klasse von Dschingis Secret gegeben haben sollte, so sind diese jetzt wohl beseitigt. Gewiss – die beiden Favoriten Cloth of Stars und Satono Diamond kamen aus einer längeren Pause und benötigen vielleicht noch etwas Schliff; gleichwohl machte hier der Ton die Musik. Dschingis Secret ging unterwegs immer sehr entspannt, eigentlich kam nie ein irgendwie geartetes schlechtes Gefühl auf, und als es in der Zielgeraden kurz brenzlig zu werden schien, machte er sich mit einem Ruck frei. Das kann nicht jedes Pferd.

Nun darf man die Erwartungen aber auch nicht gleich zu hoch ansetzen. Im Arc werden noch ein paar andere Hochkaräter auf ihn warten, vor allem Enable, die Wunderstute im Wartestand. Aber es ist eine alte Regel, dass man nie vor einem einzelnen Gegner weglaufen soll, denn auch eine Enable kann mal einen schlechten Tag haben. Abgesehen von ihr wird sich Dschingis Secret voraussichtlich noch mit Pferden wie Ulysses, Highland Reel und Order of St George herumschlagen müssen, vielleicht auch noch mit Cracksman und Winter. All diese Pferde stehen im Rating noch über ihm. Denn Dschingis Secret hat sich, so schön sein Sieg auch war, rechnerisch nicht verbessern können, denn der Zweitplatzierte Cloth of Stars ging mit einer Marke von 117 (98,5 kg) ins Rennen. Darüber gerechnet kommt Dschingis Secret auf 120 (100 kg), wie schon zuletzt bei seinem Sieg im Großen Preis von Berlin

Der Prix Foy gehört ja zu den klassischen Arc-Trials. Dumm nur, dass seit Gründung dieses Rennen im Jahre 1955 nur zwei Pferde danach auch den Arc gewonnen haben: Allez France (1974) und Sagace 1984, vor 33 Jahren also. Optimisten schließen daraus, dass es jetzt wieder einmal Zeit wird. Immerhin liefen auch noch einige Foy-Sieger im Arc auf den zweiten Platz, zuletzt Orfevre, dieser sogar zweimal (2012, 2013).

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Am vorigen Wochenende war auf den europäischen Rennbahnen so viel los, da brauchte man schon zwei Bildschirme, wollte man alle interessanten Rennen live verfolgen. Decorated Knight gewann die Irish Champion Stakes zwar im Stil von Almanzor vom letzten Platz, aber die Klasse der Teilnehmer war lange nicht so hoch wie im Vorjahr. Das konnte man schon daran erkennen, dass Churchill, obwohl er zuletzt zwei Niederlagen bezogen hatte, bei 17:10 stand. Er war aber nur noch ein Schatten seiner selbst, wurde nur Siebter, zuletzt aber auch nicht mehr bemüht.

Eine Monsterform zeigte dagegen ein anderer Dreijähriger, allerdings auf Fliegerdistanz. Harry Angel aus dem Godolphin-Stall gewann in Haydock Park den sehr gut besetzten G1-Sprint Cup mit vier Längen Vorsprung, was ihm in der demnächst erscheinenden neuen Weltrangliste ein Rating von 125 (102,5 kg) einbringen könnte. Damit wäre er der beste Sprinter der Welt, noch vor dem australischen Wallach Chautauqua (123). Dass ein europäisches Pferd weltbester Flieger ist, hat es auch schon lange nicht mehr gegeben. 

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Bei uns zu Hause zeigte Delectation bei ihrem souveränen Sieg gegen den zuverlässigen Millowitsch in der Europa-Meile in Düsseldorf eine neue persönliche Bestleistung, die wir vorerst mit 95,5 kg (Rating 111) bewerten wollen. Und das sogar auf etwas aufgeweichtem Geläuf, das sie angeblich gar nicht mag. 

Video: Gr. Europa Meile des Porsche Zentrum Düsseldorf (Gruppe 3) , Düsseldorf

Es ist ohnehin eine eigene Sache mit dem Boden. Läuft ein Pferd unter Form, wird das häufig auf unpassenden Boden geschoben. Na gut. Aber auch das gerade Gegenteil davon kommt vor, dass also ein Pferd gewinnt, vielleicht sogar überlegen gewinnt, und hinterher wird gesagt, dass es gar nicht sein Boden war. Ich frag´ mich manchmal, ob Viele sich da nicht etwas vormachen. Gewiss gibt es Pferde, die erwiesenermaßen bodenabhängig sind. Aber manchmal, da bin ich sicher, wird vorschnell geurteilt. Ein aktuelles Beispiel ist Cracksman, der überlegene Sieger aus dem Prix Niel, dem Arc-Trial für die Dreijährigen am Sonntag in Chantilly. Im Frühjahr hieß es, der Hengst brauche unbedingt guten bis festen Boden, er wurde sogar vor dem Derby aus den Dante Stakes gestrichen, weil es etwas geregnet hatte. Jetzt hat er zwei Mal auf weicher Bahn gewonnen und von Bodenabhängigkeit ist keine Rede mehr. Auch bei Dschingis Secret wird häufig betont, dass er gerne weichen Boden mag. Das ist wohl richtig. Aber richtig ist auch, dass er den Gerling-Preis und den Großen Preis von Berlin gewonnen hat, und zwar auf gutem Boden. 

Delectation hat sich mit ihrem Sieg vom deutschen Publikum verabschiedet, sie übersiedelt nach Amerika, wo es für Stuten immer noch mehr Auswahl an Rennen gibt als in Europa. Wir wollen ihr eine gute Reise wünschen.

 

GERMAN RACING

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Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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