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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Das "fast schon vergessene Pferd"

14. Februar 2018

Wäre dies die Sendung „Wer wird Galoppsport-Millionär?“, dann käme jetzt die 16.000-Euro-Frage: Wie heißt das Pferd, das 

a) sich zweijährig ein Bein brach, 

b) trotzdem zwei Jahre später den Großen Preis von Baden gewann, 

c) im Gestüt erst keine Lust zum Decken hatte und wieder in den Rennstall zurückkehrte und

d) dann doch noch Vater von zwei herausragenden Hürdenpferden wurde?

Sind Sie drauf gekommen? Na klar, das ist Germany. Vor einigen Tagen wurde ich an dieses fast schon vergessene Pferd wieder erinnert, als sein Sohn Samcro beim Dublin Festival ein Gruppe-II-Hürdenrennen im Stil eines zukünftigen Champions gewann und jetzt nach sechs Starts weiter ungeschlagen ist. Eine Niederlage dieses Pferdes kann man sich derzeit kaum vorstellen, er ist der Banker für die irischen Fans für das bevorstehende Cheltenham Festival. 

Obwohl Germany eines der besten Pferde war, die ich in den vergangenen 25 Jahren auf deutschen Bahnen gesehen habe, ist er doch sehr schnell aus dem Gesichtsfeld der deutschen Rennsportöffentlichkeit verschwunden, was auch an dem oben angedeuteten, wechselhaften Schicksal gelegen haben mag. Von Bruno Schütz für Jaber Abdullah trainiert, zog er sich 1993 als Zweijähriger nach einem sehr überzeugenden 8-Längen-Erfolg im Kronimus-Rennen eine Fraktur der rechten Vorderhand zu, die aber genagelt und geheilt werden konnte. Darüber verging allerdings eine lange Zeit, vierjährig konnte er aber schnell wieder Anschluss an die Spitzenklasse finden. Seinen Formhöhepunkt erreichte Germany im Sommer 1995, als er innerhalb von vier Wochen, jeweils unter Frankie Dettori, das Bayerische Zuchtrennen in München (damals als Dr. Poth-Gruppe-I-Rennen gelaufen) und den Großen Preis von Baden gewinnen konnte. Besonders sein Sieg in Iffezheim war sehr eindrucksvoll, das Bild, wie Dettori sich weit voraus nach Gegnern umsah, steht mir immer noch vor Augen. Seit 1993 dürfen Zielrichter bei herausragenden Siegen das Adjektiv „hochüberlegen“ verwenden, der damalige Zielrichter Horst Hagenah war der erste, der dies nach einem Gruppe-I-Rennen auch tat. Danach geschah das nur noch einmal, beim Derbysieg von Sea The Moon im Jahr 2014. Als Handicapper in Baden-Baden war damals Peter Schmanns tätig, er vergab ein Rating von 121 (100,5 kg). 

Germany siegt unter L. Dettori im 125. Großer Preis von Baden (Foto: Marc Rühl)
Germany siegt unter L. Dettori im 125. Großer Preis von Baden (Foto: Marc Rühl)

Am Ende des Jahres 1995 wechselte Germany als Deckhengst ins Gestüt Rietberg. 30 Stuten waren schon angemeldet, aber er war partout nicht zum Decken zu bewegen. Also kehrte er wieder in den Rennstall zurück, gewann seine beiden ersten Rennen und wurde dann noch drei Mal Zweiter. Sein zweiter Platz im Großen Preis von Baden 1996, als er ein so brillantes Pferd wie den späteren Breeder´s Cup und Japan Cup-Sieger sowie zweifachen „Arc“-Zweiten Pilsudski zum Kampf stellte, brachte ihm erneut ein Rating von 100,5 kg ein. Er sollte dann noch im Prix de l´ Arc de Triomphe laufen, wurde aber wenige Tage vorher aus dem Rennen genommen, den Grund hierfür weiß ich nicht mehr. 

Germany verließ nun Deutschland in Richtung Irland, wo im Clongeel Stud ein zweiter Zuchtversuch, diesmal als Dual-Purpose-Hengst (also für Flach- und Hindernispferde) erfolgreich verlief. Aus Deutschland besuchten ihn laut Zuchtnachweis nur vier Stuten, deren Fohlen allesamt Sieger wurden, darunter der Derbydritte Omikron und der gute Handicapper Near Germany. Nach vier Jahren in Irland tauchte Germany für lange Zeit in Dubai unter, kehrte erst 2007 wieder nach Irland zurück, wo er im Woodlands Stud bis zu seinem Tod im Dezember 2013 kleine Bücher, also nur relativ wenige Stuten pro Jahr deckte. So bestand sein Jahrgang 2012 nur aus vier Fohlen, aber einer davon ist Samcro, die große Cheltenham-Hoffnung. Neben diesem hat Germany derzeit auch noch den großartigen, ehemaligen Championhürdler Faugheen auf der Bahn, der seine ersten 13 Rennen in Folge gewann und der trotz eines leichten Formrückgangs immer noch zu den Favoriten für das diesjährige Champion Hurdle in Cheltenham zählt.

* * *

An der Spitze eines Teams von 12 englischen Handicappern steht ein Wechsel bevor. Phil Smith (68) wird im Mai seinen Posten als „Head of Handicapping“ abgeben, aber weiter als Co-Chairman des World Rankings Committee tätig sein. Als Nachfolger von Smith hat die British Horseracing Authority in der vorigen Woche Dominic Gardiner-Hill (53) bestätigt, der dem britischen Handicapperteam seit 1993 angehört. Davor war er fünf Jahre lang für „Timeform“ tätig, hatte sich dort um Hindernispferde gekümmert.

Phil Smith war vor seiner Handicapperzeit Mathematiklehrer, spielte aber auch halb-professionell Fußball. Mit dem FC Altrincham erreichte er einmal die dritte Runde im englischen Ligapokal, wo es ein sensationelles 1:1 gegen den Premier-League-Klub FC Everton gab. Mit sowas kann ich bei weitem nicht mithalten, mein Highlight als Fußballer war das Erreichen des Endspiels um die Kölner Stadtmeisterschaft der Realschulen. 

Dominic Gardiner-Hill kenne ich aus meiner internationalen Tätigkeit als einen exzellenten Handicapper. Auf ihn wartet neben der alltäglichen Ausgleicherarbeit die Umsetzung von Empfehlungen einer Kommission, die sich unter Leitung der angesehenen Journalistin Lydia Hislop im vorigen Jahr mit dem britischen Handicapsystem befasst hat. Verbesserungen soll es in der Öffentlichkeitsarbeit und auf dem weiten Feld der Handicapbeschwerden geben.

Dominic Gardiner-Hill (links) und  Phil Smith (Foto: Longines)
Dominic Gardiner-Hill (links) und
Phil Smith (Foto: Longines)
 

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