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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Über die Weltmeisterschaft der Handicapper

Köln 15. März 2017

Gerade lese ich in einer Meldung der „Daily Racing Form“, dass Ray Arsenault aus Thornhill in Ontario die Weltmeisterschaft der Handicapper gewonnen hat. In Las Vegas. $800.000 gab es dafür. „Das wäre doch auch was für dich“, dachte ich schon, aber da fiel mir ein, dass es zwei Arten von Handicappern gibt: Handicapper, so wie ich einer bin, und Handicapper, deren Aufgabe es ist, den Ausgang der Rennen vorherzusagen. Damit gehöre ich zur falschen Sorte. Das Wort „Handicapper“ hat also eine doppelte Bedeutung. 

Den Handicapper als Tippgeber findet man vor allem in Amerika, also in dem Land, das es eh besser hat, nur im Augenblick vielleicht nicht. Er ist dort weitverbreitet und als Spezialist für fast jede Sportart zu finden. Die Besten bringen es sogar zu TV-Auftritten oder werden eben Weltmeister. Andere stehen an den Eingangstoren der Rennbahnen und verkaufen ihre Tipps für ein paar Dollar. Ich hatte einmal Gelegenheit, einen kennenzulernen. Das war 1977, als ich Windwurf zum damals sehr bedeutenden Washington D.C. International nach Laurel Park/Maryland begleitete. Der Tipster nannte sich „Daily Double Danny“. Sein Äußeres hatte zwar durchaus Ähnlichkeit mit Gesichtern, die man häufig auf polizeilichen Fahndungsfotos sieht, aber seine Tipps waren erstklassig. 

Den traditionellen Handicapper, also denjenigen, der die Gewichte für die Ausgleiche festlegt, gibt es in den USA gar nicht. Das erledigen die Manager der Rennbahnen in der Regel selbst, was bei der relativ geringen Anzahl von Handicaprennen in Nordamerika möglich ist. Da es in den USA also keine herkömmlichen Handicapper gibt, kennt man dort auch keine Ratings in unserem Sinne. Um einen Begriff von der Klasse der Pferde zu bekommen, hat man stattdessen die „Beyer Speed Figures“. Sie sind nach ihrem Erfinder Andrew Beyer (73) benannt und werden in einem komplizierten Verfahren aus den gestoppten Zeiten eines Renntages errechnet. Beyer hat diese Speed Figures in den 1970er- Jahren entwickelt und die Methode erstmals 1975 in seinem Buch „Picking Winners“ veröffentlicht. Drei Jahre später erschien ein weiteres Buch von ihm mit dem Titel „My $50,000-Year at the Races“- er muss beim Finden von Siegern also ziemlich erfolgreich gewesen sein. Bis Ende 2015 war Beyer auch Kolumnist für die „Washington Post“. Angeblich hat er die Harvard Universität ohne Abschluss verlassen, weil er das letzte Examen versäumte, das am Tag der Belmont Stakes stattfand.

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Seit 1992 sind die Beyer Speed Figures auch Bestandteil in den Formen der „Daily Racing Form“. Man kann eine recht zuverlässige Relation zum allgemein gebräuchlichen Ratingsystem herstellen, indem man den Speed Figures etwa 10 bis 12 Pfund hinzufügt. Die Beyer-Zahl 100 wird in Amerika allgemein als Mindeststandard für ein gutes Pferd angesehen. Das entspräche einem Rating von ca. 110 oder einem GAG von 95 kg. Manchmal unterscheiden sich die Speed-Zahlen aber doch recht deutlich von den Ratings. So zeigte nach Beyer nicht Arrogate die beste Form des Jahres 2016 auf der Welt, sondern Frosted bei seinem erstaunlichen 14 ¼ -Längen-Sieg im Metropolitain Handicap mit einem Speed-Rating von 123. Arrogates dagegen erreichte bei seinem 13 ½ -Längen-Erfolg in den Travers Stakes „nur“ 122. Das höchste jemals erreichte Speed Rating von 134 stammt übrigens nicht von einem der großen Kanonen des amerikanischen Rennsports, sondern von dem hierzulande eher unbekannten US-Championflieger Groovy (geb. 1983). Andrew Bayer hat rückschauend einmal das Speed-Rating von Secretariat bei dessen legendären 31-Längen-Erfolg in den Belmont Stakes 1973 in der heute noch gültigen Rekordzeit von 2:24 Minuten ausgerechnet. Er kam auf 139, umgerechnet ein Rating von 149 oder 114,5 kg GAG. Das wäre dann die beste Form, die je ein Rennpferd auf der Welt gezeigt hat. Man kann dem nicht widersprechen. 

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Am vorigen Donnerstag ist die erste Weltrangliste des Jahres 2017 erschienen, für die nur Leistungen aus diesem Jahr zählen. Trotzdem sind zwei der besten Pferde des Vorjahres schon wieder an der Spitze zu sehen. Arrogate und Winx führen die Rangliste mit einem Rating von 127 (103,5 kg) gemeinsam an. Arrogate erhielt diese Marke für den Sieg im Pegasus World Cup. Das Rennen ist am Wochenende sogar noch aufgewertet worden, denn der dort Zweitplatzierte Shaman Ghost gewann am Samstag das traditionsreiche G1-Santa Anita Handicap. Winx dagegen ist für ihren 15. Sieg in Folge sehr gut, vielleicht sogar etwas zu gut bedient worden. Bemerkenswert das Rating von 119 für den argentinischen Dreijährigen Sixties Song nach seinem Erfolg im Latinoamericano. Das reicht derzeit weltweit für einen geteilten fünften Rang. Die gesamte Weltrangliste finden Sie hier.

 

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