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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Der Breeders´ Cup

15. November 2017

Die Liste großer Erfindungen ist lang. Dampflok, elektrisches Licht oder die Konservendose sind wohl mit als Erstes zu nennen. Auf die Welt des Galopprennsports reduziert, könnte man an das Derby, den Totalisator und das Handicapsystem denken. Und an die Erfindung des Breeders´ Cup. Die Idee dazu wurde 1982 während eines offiziellen Mittagessens aus Anlass des Kentucky Derbys geboren, von einer Anzahl amerikanischer Züchter mit dem legendären John R. Gaines an der Spitze. Das Konzept war so genial wie revolutionär und wurde – wie das bei solchen Ideen üblich ist – anfangs mit großer Skepsis aufgenommen. Vor allem wegen der Finanzierung der Rennen über die Züchter, deren Abgabe sich nach der Decktaxe der von ihnen aufgestellten Deckhengste richtete. Aber schon der erste Breeders´ Cup-Renntag am 10. November 1984 in Hollywood Park war ein großer Erfolg. Das Breeders´Cup Classic, eines der sieben Gruppe-I-Rennen dieses Tages, war mit drei Millionen Dollar das damals reichste Rennen der Welt. 

Am vorletzten Wochenende, beim 34. Breeders´Cup in Del Mar/Kalifornien, waren es sogar 13 Gruppe-I-Rennen, verteilt auf zwei Tage. Wirkliche „Word Championships“, wie die Organisatoren behaupten, eine Weltmeisterschaft also, ist diese Veranstaltung aber nicht, denn die „Welt“ bestand nur aus Teilnehmern aus Nordamerika, England, Irland und Frankreich. Von den ersten 21 aus der neuesten Weltrangliste waren aber immerhin 11 dabei, eine ähnliche Quote schafft kein anderes Meeting auf der Welt. Im Classic-Rennen kam es zum großen Showdown zwischen Arrogate und Gun Runner, Amerikas besten Pferden. Die große Frage war, ob der wirkliche Arrogate am Start erscheinen würde, oder nur eine B-Ausgabe. Die Mehrheit machte Arrogate zum Favoriten, glaubte etwas überraschend noch einmal an das Original, das zwischen August 2016 und März 2017 durch vier phänomenale Leistungen mehr als 16 Millionen Dollar verdient, danach aber zweimal versagt hatte. Aber sie täuschten sich: Gun Runner gewann und Arrogate „B“ wurde nur Fünfter. Die Räder waren endgültig abgefallen. Sein nachdenklicher Trainer sprach hinterher aus, was alle dachten: er hat die Lust verloren. Möglicherweise als Folge einer Überanstrengung bei seinem Sieg im März im Dubai World Cup, als er nach Startverlust und großer Aufholjagd jenen Gun Runner schlug, gegen den er jetzt klar verloren hat.

Wir Handicapper befinden uns jetzt in einer nicht gerade komfortablen Situation. Einerseits ist da Arrogates Sieg im Dubai World Cup, den mein Kollege Melvin Day aus den Vereinigten Arabischen Emiraten als die beste Form eines Pferdes in den 23 Jahren seiner Tätigkeit in Dubai beschrieben hat. Andererseits hat Arrogates Form danach stark nachgelassen, er hat drei Mal verloren, während Gun Runner von Sieg zu Sieg geeilt ist. Die neue Weltrangliste weist Arrogate mit einem Rating von 134 (107 kg) immer noch als die Nummer Eins aus. Gun Runner ist von 127 auf jetzt 129 (104,5 kg) gestiegen. In Hongkong, wo in der ersten Dezember-Woche wieder das internationale Handicapper-Komitee tagt, wird es einige Diskussionen geben.

Video: Breeders' Cup Classic Grade - Sieger: Gun Runner

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Deutsche Pferde waren beim Breeders´ Cup wieder einmal nicht dabei. Sieht man von der von Markus Münch trainierten Spectre ab, die im vorigen Jahr in der Breeders´ Cup Mile lief, die als nie in Deutschland gelaufenes Pferd aber kaum als deutsches Pferd wahrgenommen wird, sieht man also von Spectre ab, so kennt der Breeders´ Cup in seiner 34-jährigen Geschichte nur drei deutsche Starter: Borgia, Waky Nao und Catella. Borgia wurde im Jahr ihres Derbysieges 1997 Zweite im „Turf“, Waky Nao ein Jahr später Dreizehnter in der „Mile“, und die Schlenderhanerin Catella schaffte es im Jahr 2000 im „Fillies & Mare“ auf einen dritten Platz. Insgesamt also eine gute Bilanz, umso verwunderlicher die ausgeprägte Zurückhaltung deutscher Ställe seit nunmehr 17 Jahren. Shirocco, dessen Sieg im Breeders´Cup Turf im Jahr 2005 viele vielleicht auf das deutsche Konto buchen, zählt nicht. Er war seinerzeit bei André Fabre in Training.

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Im Jahre 1972 brachte das Direktorium ein schmales Buch heraus mit dem Titel „Freizeit für Kumpel und Könige“. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass der Galoppsport nicht nur etwas für die feinen Leute ist, sondern alle Gesellschaftsschichten anspricht. Ungefähr zur selben Zeit gründete sich auch der „Galopp Club Deutschland“ und ermöglichte seinen Mitgliedern für Kleingeld den Mitbesitz an Rennpferden. Die Idee entwickelte sich weiter, auch außerhalb Deutschlands, und es entstanden Syndikate, deren Ziel es war, große und größte Rennen zu gewinnen, was meist nur mit entsprechend teuren Ankäufen zu bewerkstelligen war. Am erfolgreichsten waren hier die von Manfred Hofer vor rund 20 Jahren entwickelten „Turf Syndikate“. Einem dieser Syndikate gelang sogar der Derbysieg in Hamburg-Horn, 1999 mit Belenus. Leider fand das bei uns keine Fortsetzung, in anderen Ländern dagegen blieben solche Modelle erfolgreich, stellvertretend soll nur der englische Derbysieger Motivator genannt sein, der 2005 für den Royal Ascot Race Club das englische Derby gewann. Vor einigen Wochen nun hat in Australien eine Besitzergemeinschaft für Aufsehen gesorgt, als der fünf Jahre alte Wallach Redzel für das „Triple Crown Syndikate“ auf der Rennbahn von Randwick in Sydney das „The Everest“ gewann, mit 10 Millionen australischen Dollar (6,5 Mio. Euro) das reichste Grasbahnrennen aller Zeiten. 17 Besitzer hat das Siegerpferd, darunter sind Taxifahrer, Lehrer, mehrere Polizisten, ein Wachmann, ein Elektriker, ein Arzt, ein Apotheker, ein Betonbauer und ein Crickettrainer. Also eindeutig mehr Kumpel als Könige.

Australien ist ein Land der Sprinter und so war „The Everest“ auch ein 1200-Meter-Rennen. Das viele Geld kam durch den Verkauf von 12 Startplätzen zu jeweils 600.000 A$ zusammen, ganz nach dem Muster des Pegasus World Cup. Aber während das amerikanische Rennen aus dem Stand den Gruppe-I-Status zugesprochen bekam, war das „Everest“ bei seiner Premiere nur ein gewöhnliches Altersgewichtsrennen. Die Finanzierung für die nächsten zwei Jahre soll aber – dies im Gegensatz zum Pegasus Word Cup – gesichert sein. Der Sieger Redzel ist ein in diesem Jahr enorm gesteigertes Pferd, am vorigen Samstag gewann er auch noch das mit einer Million A$ ausgestattete G1-Darley Classic und ist nach nunmehr sechs Siegen in Folge wohl Australiens bester Sprinter. Seine Ratings sind noch nicht abgestimmt, deshalb taucht er auch in der neuen Weltrangliste nicht auf. In Australien hat er eine 122 bekommen, also in GAG 101 kg.

 

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