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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Der biologische Hintergrund beim Pferderennen

16. Mai 2018

Der Pferderennsport, besonders aber der Galoppsport und die damit verbundene Vollblutzucht, hat gegenüber anderen Sportarten als einzigartiges Merkmal den biologischen Hintergrund. Wenn Humansportler ihre Laufbahn beenden, dann ist Schluss. Aus und vorbei. Bei Rennpferden aber, jedenfalls bei den guten, geht es weiter. Zwar nicht mehr auf der Rennbahn, doch im Gestüt. Ein paar Jahre nur muss man warten, schon kommt der erste Nachwuchs auf die Rennbahn, und wenn man Glück hat und 70 Jahre alt wird oder älter, ziehen auf diese Weise ganze Generationen von Nachfahren einstiger Lieblingspferde an einem vorüber. Am amüsantesten über dieses Thema hat sich der Schriftsteller und Journalist W.E. Süskind 1950 in einem Bändchen mit dem schlichten Namen „Pferderennen“ ausgelassen, ein Buch, das im Ranking meiner Lieblingsbücher über Galopprennen einen oberen Rang einnimmt. (W.E. Süskind, eigentlich Wilhelm Emanuel Süskind, ein Jugendfreund von Erika und Klaus Mann, war nach Kriegsende politischer Ressortchef bei der Süddeutschen Zeitung, ein Sohn, Martin E. Süskind, wurde Redenschreiber bei Willy Brandt und Chefredakteur großer deutscher Tageszeitungen, ein anderer Sohn, Patrick, Autor des Bestsellers „Das Parfüm“.)

Wo war ich stehengeblieben? Beim biologischen Hintergrund. Also: Ich erinnere mich noch gut an das Frühjahr 1969, als ich meine Wehrpflicht in Langenhagen bei Hannover ableistete und an einem Sonntagnachmittag in der Wettbude des Buchmachers Werner Mölders hinter dem Hauptbahnhof Hannover die Telefon-Reportage vom Schwarzgold-Rennen hörte, den heutigen German 1000 Guineas. Ein Lieblingspferd von mir, ich weiß nicht mehr warum es eines war, lief dort mit, die Schlenderhanerin Schönbrunn. Sie gewann, mit dem ganz jungen Peter Kienzler im Sattel, in der zweiten Farbe, die erste Farbe war Brisbane, die Dritte wurde. Schönbrunn gewann auch noch den Preis der Diana, danach erschien Alec Wildenstein im Auftrag seines Vaters Daniel mit einer halben Million am Stall von Trainer Heinz Jentzsch, nahm Schönbrunn mit und gewann mit ihr noch den Grand Prix de Deauville. Nach einigen Jahren, in denen es still um Schönbrunn geworden war, tauchte plötzlich ihr Enkel Sagace in meinem Gesichtskreis auf, und – unnötig zu sagen – brachte mir durch seinen Sieg im Prix de l´Arc de Triomphe 1984 ein hübsches Sümmchen ein. Seitdem haben sich Schönbrunns Nachkommen auf der halben Welt einen Namen gemacht, wie überhaupt die gesamte Familie der Schwarzgold, zu der Schönbrunn gehört, weltweiten Einfluss gewonnen hat. 

In diese Familie darf nun auch Olmedo aufgenommen werden, der am vorigen Sonntag die klassischen G1-Poule d´Essai des Poulains in ParisLongchamp gewonnen hat. Unten rechts in seinem Pedigree taucht in 5. Generation der Name Schönbrunn auf, so dass ich auf diese Weise wieder einmal an diese Stute und meine damaligen Lebensumstände erinnert wurde. Ein merkwürdiger Zufall will, dass die „Poulains“, die französischen 2000 Guineas, auch im Vorjahr durch Brametot von einem Pferd aus einer alten deutschen Linie gewonnen wurden, derjenigen von Monsun. Über den Wert von Olmedos Sieg ist derzeit nicht leicht zu urteilen, war er doch mit einigen Turbulenzen verbunden, ausgelöst durch das Wegrutschen von US Navy Flag im Schlussbogen. Eric LeGuen, mein französischer Kollege, hat sich für ein Rating von 115 (97,5 kg) entschieden, eine angemessene Marke. Bei Brametot im Vorjahr waren es noch 121 (100,5 kg) gewesen.

Video: 2018 Emirates Poule d'Essai des Poulains - Olmedo

* * *

Der Regen hat aufgehört in Kentucky, der Matsch ist getrocknet und vom „Fluch des Apollo“, von dem vorher viel die Rede war, sind jetzt alle erlöst. (Der Hengst Apollo war im Jahr 1882 der letzte Kentucky Derbysieger ohne – wie jetzt auch Justify – zweijährig gelaufen zu sein.) Aber kaum dass zwei Wochen vergangen sind, geht es am kommenden Samstag schon weiter im Rennen um die amerikanische „Triple Crown“, mit den Preakness Stakes auf der Rennbahn von Pimlico in Baltimore, Maryland. Justify, der Derbysieger, soll am heutigen Mittwoch um 13.30 Uhr Ortszeit aus Louisville, Kentucky, kommend auf dem Flughafen von Baltimore-Washington eintreffen. Seinen Namen hat das Rennen von dem Hengst Preakness, der am Eröffnungstag der Rennbahn im Herbst 1870 die Dinner Party Stakes gewann. Das erste Rennen um die Preakness Stakes fand 1873 statt, ist also zwei Jahre älter als das Kentucky Derby, wie überhaupt die heutige Reihenfolge der Triple-Crown-Rennen erst seit 1932 gilt, mit den Belmont Stakes zum Abschluss, drei Wochen nach den Preakness Stakes. Auf die Pimlico-Rennbahn kommen zu diesem Ereignis immer rund 120.000 Zuschauer, die meisten davon bevölkern den Innenraum der Rennbahn und feiern dort eine große Party, beim „Infield Fest“. Wird vor dem Kentucky Derby „My Old Kentucky Home“ gesungen und gespielt, so werden, wenn in Pimlico die Pferde das Geläuf betreten, die Zuschauer eingeladen, in das Lied „Maryland, my Maryland“ einzustimmen, nach der Melodie von „O Tannenbaum“. So etwas erzeugt immer eine besondere Stimmung und stiftet Identität. Versuche, vor oder nach dem Deutschen Derby die Hamburg-Hymne „Hammonia“ („Stadt Hamburg an der Elbe Auen“) zu etablieren, sind leider allesamt gescheitert, falls es überhaupt ernsthafte Versuche in diese Richtung gegeben hat. 

Das größte Ereignis in der Geschichte der Pimlico-Rennbahn war aber keines der inzwischen 143 Preakness-Rennen, sondern das Match zwischen dem Triple-Crown-Sieger War Admiral und Seabiscuit, dem – wie man heute sagen würde – „Pferd der Herzen“. 

Offizielles Rennprogramm am 1.11.1938
Offizielles Rennprogramm am 1.11.1938

40 Millionen Amerikaner sollen das Rennen am 1. November 1938 an den Radiogeräten verfolgt haben, unter ihnen US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der dafür eigens eine Kabinettsitzung im Weißen Haus unterbrechen ließ. Seabiscuit war der Außenseiter, legte aber einen für ihn ganz untypischen Blitzstart hin und gewann mit vier Längen. Nachdem beide Seiten sich auf einen Start aus dem Schritt heraus mit Glocke und Flagge geeinigt hatten, bastelte Seabiscuits Trainer Tom Smith sich eine eigene Glocke und richtete sein Pferd auf schnelle Starts ab. Am Tag des Rennens stellte der Starter fest, dass die rennbahneigene Glocke verschwunden war und war dankbar, als Smith ihm seine eigene, die er „zufällig“ dabei hatte, zur Verfügung stellte. (Das Ganze erinnert mich an den Dick Francis-Krimi „Der Trick, den keiner kannte“: Ein betrügerischer Trainer bläst in eine Hundepfeife, deren hohen Ton das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann, und traktiert das Pferd dabei mit offenem Feuer; hat dieses Pferd dann im Rennen das letzte Hindernis überwunden, bläst er wieder in die Pfeife, so dass das Pferd, von Panik befallen, so schnell läuft, dass es gewinnt.) Das Video vom Seabiscuit-Match gibt es hier. Dieses Match ist in Amerika auch deswegen heute noch Kult, weil hier ein kleiner Emporkömmling aus dem (damals noch weitgehend) ärmeren Westen es den Etablierten von der reichen Ostküste einmal ordentlich gezeigt hat, und viele sehen in diesem Ereignis auch heute einen Wendepunkt nach der großen Depression. Es hat damit – auch durch die mehrfach oskarnominierte Hollywood-Verfilmung - als Sportereignis eine ähnliche Überhöhung erfahren, wie in Deutschland das „Wunder von Bern“.

Der Derbysieg von Justify ist inzwischen auch von den internationalen Handicappern bewertet worden und hat Eingang in die neue Weltrangliste gefunden. Die Marke von 124 (102 kg) liegt über dem Durchschnitt für Kentucky-Derbysieger der letzten 15 Jahre, nur Barbaro und Street Sense (beide 126), Big Brown und American Pharoah (jeweils 125) haben für ihren Derbysieg eine höhere Marke bekommen, California Chrome bekam wie Justify 124. Die hohe Marke ist angebracht, weil die diesjährige Ausgabe des Kentucky Derbys allem Anschein nach hochkarätig besetzt war und der Sieg auch deshalb so eindrucksvoll ausfiel, weil Justify ein nahezu selbstmörderisches Tempo, für das er selbst mit verantwortlich war, bis ins Ziel aushielt. Am späten Samstagabend geht es jetzt um das zweite Juwel in der Dreifachen Krone. Der amerikanische Rennsport kennt bisher 23 Pferde, die Kentucky Derby und Preakness Stakes gewonnen haben und 12, die auch noch in den Belmont Stakes siegreich waren, also Gewinner der Dreifachen Krone sind. American Pharoah war 2015 der Letzte, dem das gelang, der erste war Sir Barton im Jahre 1919.

 

GERMAN RACING

Erlebnissport der Extraklasse.
Unter der Dachmarke “GERMAN RACING” werden spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen abgehalten. Seit 188 Jahren bestehen Pferderennen als ältester organisierter Sport in Deutschland. Ein echter Klassiker!

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