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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Oleander – das Rennpferd und das Rennen

Hoppegarten 17. Mai 2017

Mit Speck fängt man bekanntlich Mäuse. So darf man, wenn man will, nach dem Comer Group International Oleander-Rennen am vorigen Sonntag in Hoppegarten darüber nachdenken, ob nun das Upgrade in die Europa-Gruppe II oder doch eher die Boni, also für den Sieger die Einladung zum $400.000-Rennen um den Belmont Gold Cup in New York und für alle Platzierten kostenlose Engagements für das Irish St Leger, zu dem großen Erfolg für den Hoppegartener Rennverein geführt haben. Ist aber letztendlich egal, denn wie sagte die BVB-Legende Adi Preißler einst: Entscheidend is aufm Platz. Oder in diesem Fall: aufm Geläuf. Und da versammelten sich 16 Pferde, nahezu doppelt so viele, wie im Durchschnitt bei den 45 vorherigen Entscheidungen dieses Rennens (8,8 Starter). Das war nicht nur ein schöner Anblick, auch der Wettumsatz stieg im Vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent.

Das Oleander-Rennen gib es ja seit 1972, als es Bestandteil des ersten Frühjahrs-Meetings in Baden-Baden wurde. Es blieb dort bis 2011, danach wanderte es nach Hoppegarten. In der Siegerliste steht nahezu die gesamte deutsche Steherelite der letzten Jahrzehnte. Zu den Besten darf man die Doppelsieger Sarto, Donat, Camp David, Solo Mio, Bussoni und Tres Rock Danon zählen. Übertroffen werden alle noch durch den dreifachen Sieger Altano, den König der Steher. Einer gewann nach dem Oleander-Rennen sogar den Ascot Gold Cup, das war Ashal im Jahre 1990. Trotzdem war Ashal nicht der beste Sieger des Oleander-Rennens, das waren Altano und Darsalam, jeweils mit einem Jahres-GAG von 98,5 kg (Rating 117).

Ein solche Marke darf man auch dem diesjährigen Sieger Red Cardinal eines Tages zutrauen, immerhin schlug er in Nearly Caught ein Pferd, das im vorigen Jahr in der Weltrangliste bei den Extremstehern an 14. Stelle stand. Das Rating für den Sieg am Sonntag – 93,5 kg(107) – spiegelt das noch nicht wieder, dafür waren San Salvador, Iraklion und Summershine auf den Plätzen drei bis fünf zu nahe dran. Ausgangspunkt meiner Rechnung waren der zuverlässige Iraklion und Nearly Caught mit seiner Leistung beim dritten Platz in den Sagaro Stakes in Ascot am 3. Mai (93 kg). Ob wir Red Cardinal in diesem Jahr noch einmal auf einer deutschen Rennbahn sehen werden, ist mehr als ungewiss. Jetzt soll es erst einmal nach Amerika gehen, danach folgt dann die Vorbereitung auf den Melbourne Cup, dem erklärten Ziel für dieses Pferd.

Berlin-Hoppegarten: 46. Comer Group International Oleander-Rennen (Gruppe 2)

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Seinen Namen hat das Hoppegartener Steher-Rennen von einem der Größten der deutschen Vollblutzucht. Oleander war das erste deutsche Rennpferd internationaler Klasse, bei 23 Starts wurde er nur zweimal von deutschen Pferden geschlagen, jeweils beim Jahresdebüt. Die beiden anderen Niederlagen, unglückliche Niederlagen, kamen im Prix de l´ Arc de Triomphe zustande. Kein Erinnerungsartikel an dieses brillante Rennpferd kommt ohne die erstaunliche Geschichte mit dem Beckenbruch aus, den der Hengst nach seinen beiden ersten Siegen als Zweijähriger bei der Morgenarbeiten erlitten hat. (Was sich später, bei der Obduktion nach Oleanders Tod im Jahr 1947, als Bruch der Sitzbeine herausstellte.) Zwei Berliner Kapazitäten der Veterinärmedizin empfahlen Trainer George Arnull die Tötung des Hengstes. In seinen Erinnerungen beschreibt Arnull diesen Moment so: „Der Arzt aus Berlin sagte mir wörtlich, ich werde seine Worte nie vergessen:>>Theoretisch kann er wieder werden, er bleibt aber ein Krüppel sein Leben lang<<. Ich ging zurück zu Oleander und streichelte ihn.“

Arnull ließ Oleander nicht töten. Nach mehreren Tagen legte sich der Hengst in seiner Krankenbox hin – und stand wieder auf, ein kritischer Moment. Noch einmal Arnull: „Und dann begann der Heilungsprozess. Allmählich fing er an aufzutreten. Und schließlich war er soweit, dass er auf der kleinen Koppel vor seiner Box herumgehen konnte. (…) Im Winter machte er dann die Arbeit mit den übrigen Pferden wieder mit. Er schien ganz gesund zu sein.“ Oleander gewann danach noch 17 weitere Rennen, darunter drei Mal den großen Preis von Baden. Seinen letzten Start absolvierte er als Mitfavorit in einem außergewöhnlich qualitätvollen Prix de l´ Arc de Triomphe 1929. Ortello war damals Italiens überragendes Rennpferd mit sieben überlegenen Siegen in Folge, Kantar der Vorjahrssieger und das beste Pferd Frankreichs. Diese beiden und Oleander machten das Rennen ganz unter sich aus. Hier der Klick zum Originalbericht des „Sport-Journals“ vom 8. Oktober 1929.

Es gab damals ja noch keinen Jahres-Generalausgleich, so dass es für Oleander auch keine GAG-Einschätzung gibt. Dr. Richard Sternfeld, der damalige Rechner der „Sport-Welt“, verortete ihn bei 108 kg. In Hinblick auf das heutige internationale Rating-Niveau vermute ich ihn bei 104 Kilo, also auf einer Stufe mit Danedream und Novellist.

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Nottingham ist bekannt durch Robin Hood und seinen Wald, durch den 1865 gegründeten Nottingham Forest Football Club, der 1979 und 1980 den Europapokal der Landesmeister gewann, und auch der auf allen deutschen Rennplätzen wohlbekannte David Conolly-Smith ist dort geboren. Die mittelenglische Stadt hat auch eine Rennbahn, Henry Cecil debütierte dort gerne mit hoffnungsvollem Nachwuchs. So erinnere ich mich noch gut an einen gewissen Slip Anchor, der dort im Oktober 1984 in einem kleinen Zweijährigenrennen startete. Er gewann überlegen und lenkte dadurch meine Aufmerksamkeit auf sich, was sich dann später, als der Sohn der Schlenderhanerin Sayonara mit dem englischen Derby auf und davon ging, für mich reichlich auszahlen sollte.

Nun hat Artistica aus dem Gestüt Brümmerhof am Samstag in Nottingham die Kilvington Stakes gewonnen und damit einen der sehr seltenen deutschen Siege in England geschafft.
Auf die Idee muss man erst einmal kommen, mit einer dreijährigen Stute aus Deutschland nach Nottingham zu einem Listenrennen zu fahren, für dreijährige und ältere Stuten über 1200 Meter auf der Geraden Bahn. Zudem gab es ein Gedränge um die 16 Startplätze, kurzfristig drohte sogar ein Ausscheidungsverfahren. Mein englischer Kollege Stewart Copeland erkundigte sich im Vorfeld vorsichthalber schon einmal nach dem Rating für Artistica – 84 kg. Nach der Hälfte des Weges war sie noch mit Abstand Letzte, wurde dann ganz an die Außenrails dirigiert, was sie wohl an Hannover erinnerte, denn von da aus überrollte sie alle Gegner. Das Rennen war ordentlich besetzt, aber nicht viel mehr, so dass der schon erwähnte englische Kollege mit einem neuen Rating von 94 herauskam. Das entspricht einem GAG von 87 Kilo. Mit Luft nach oben.

 

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