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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Von Ausnahmen und einem „Rising Star“

18. Juli 2018

Pferde, wie auch wir Menschen, werden mit der Zeit älter. Und während sie älter werden, werden sie auch langsamer. Das ist die Regel. Aber so wie es keine Regel ohne Ausnahme gibt, so gibt es auch Rennpferde, die im Alter immer besser werden. (Das gilt auch für die Menschen.) Yavana´s Pace zum Beispiel, den ich im Jahre 2002 gesehen habe, als er in Köln den G1-Credit Suisse Private Banking-Pokal gegen Salve Regina gewonnen hat. Da war er zehn Jahre alt und stellte bei seinem 71. Lebensstart mit einem Rating von 116 (98 kg) gleich noch eine neue persönliche Bestleistung auf. Außerdem ist er bis heute zusammen mit Alcazar, dem Prix Royal Oak-Sieger von 2005, das älteste Pferd, das jemals ein Gruppe-I-Rennen gewonnen hat. Nun ist Diplomat zwar noch keine zehn Jahre alt sondern erst sieben, gleichwohl ist sein Sieg am Sonntag in der G2-Meilen-Trophy in Köln umso bemerkenswerter, als auch er mit einer neuen Bestleistung verbunden war. 95,5 Kilo (Rating 111) haben wir für den Sieg ausgerechnet, eine Marke, die ein Pfund über seinem bisherigen Top-GAG von 95 kg aus den Jahren 2016 und 2017 liegt.

Video: Meilen Trophy (Gr. II), Köln - Sieger: Diplomat

Dass er diese Leistung beim 47. Start seiner Rennlaufbahn zuwege brachte, stellt seiner Konstitution und seiner Psyche ein hervorragendes Zeugnis aus, zumal sich auf seinem Miles&More-Konto in den letzten 13 Monaten durch Ausflüge nach Stockholm, Istanbul, Mailand, Doha und Rom eine stattliche Punktezahl angesammelt hatte. Dabei schien er zuletzt schon auf dem absteigenden Ast, kam bei seinen vier vorherigen Starts in diesem Jahr nur auf Leistungen von maximal 91 kg. Aber am Sonntag passte alles, Bodenverhältnisse und Rennverlauf waren genau richtig, und so konnte er sogar seinen alten Rivalen Wonnemond schlagen, zum ersten Mal bei der fünften Begegnung der beiden. Überhaupt trafen sich in Köln alte Bekannte: Nicht nur Diplomat und Wonnemond, auch Degas, Millowitsch und Palace Prince gehören schon seit langem zum festen Inventar der deutschen Meilenrennen. Allesamt sind sie schon fünf Jahre oder älter, Nachwuchs ist auf dieser Strecke kaum in Sicht, kein Vierjähriger war in Köln dabei und von den Dreijährigen nur die Stute Malakeh. Die zog sich als Dritte ordentlich aus der Affäre und bestätigte dabei als bisher einzige die Form aus den German 1000 Guineas, in denen sie Zweite geworden war. Vorher hatten sowohl die Siegerin Nyaleti als auch die dahinter platzierten Go Rose und Suada durch schwache Leistungen Zweifel am Wert dieses Stutenklassikers aufkommen lassen.

Wenn ich eingangs das Alter von Diplomat erwähnt habe, so will ich festhalten, dass es schon vor Diplomat etliche Siebenjährige gegeben hat, die in Deutschland Grupperennen gewonnen haben. Zuvorderst verdient hier der großartige Soldier Hollow genannt zu werden, der in diesem Alter im Großen Dallmayr-Preis sogar auf Gruppe-I-Ebene erfolgreich war. Achtjährige Gruppesieger hat es drei gegeben: Up and Away, Kalatos und Altano.

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So langsam kommt bei uns auch die Zweijährigensaison in Schwung. In Köln jedenfalls sah man, wenn nicht alles täuscht, Zweijährige mit Zukunft. Sechs der neun Teilnehmer besitzen Nennungen für kommende große Rennen und sie sahen auch, wie mir mein Kollege Christoph von Gumppenberg berichtete, durch die Bank sehr gut aus. Und wenn dann noch ein Pferd so beeindruckend gewinnt wie die Stute Peace of Paris es getan hat, dann darf man als Handicapper schon mal ein Zeichen setzen und beim Rating in die obere Schublade für Maidensiege greifen: 77,5 Kilo. Der Newsletter „Thoroughbred Daily News“ vergibt seit 2004 an besonders eindrucksvolle Maidensieger den Titel „Rising Star“. Hier wäre wieder einmal eine Gelegenheit gewesen, einen deutschen Zweijährigen damit auszuzeichnen, bisher kamen nur Sea The Moon und Diaphora zu dieser Ehre. Von einem „Rising Star“ wird erwartet, dass er Grupperennen gewinnt. Die erste Gelegenheit dazu soll Peace of Paris im Zukunfts-Rennen in Baden-Baden erhalten.

Peace of Paris (Foto: Marc Rühl)
Peace of Paris (Foto: Marc Rühl)

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Was ist bloß mit den Franzosen los? Nein, nicht dass sie Weltmeister geworden sind, damit war zu rechnen. Ich meine die Qualität bei ihren dreijährigen Hengsten. Nachdem schon im Prix du Jockey Club, dem französischen Derby, der Sieger Study of Man nicht über ein Rating von 115 (97,5 kg) hinaus gekommen ist, geriet der Grand Prix de Paris am Bastille-Tag in Longchamp für die Franzosen geradewegs zu einem Debakel. Nur zwei der sechs Starter kamen aus französischen Ställen, ein 94-Kilo-Pferd und ein Maidensieger, so dass der Sieg wenig überraschend an den Coolmore-Vertreter Kew Gardens aus Irland ging. Aber mehr als 97,5 Kilo war auch das nicht wert. Kew Gardens befindet sich auf geradem Weg nach oben und soll schon am übernächsten Samstag in Ascot in die King George VI and Queen Elizabeth Stakes wieder laufen. Ein typisches Beispiel für das häufig unkonventionelle Management seines Trainers Aidan O´Brien.

Das schwache Interesse für den Grand Prix de Paris, angeblich das heimliche französische Derby, zeigte wieder einmal, dass die großen Tage dieses Rennens längst in der Vergangenheit angesiedelt sind. Es gab einmal eine Zeit, da war es das bedeutendste Rennen Frankreichs und führte über anspruchsvolle 3000 Meter. 1987 wurde die Distanz radikal auf 2000 Meter verkürzt, seit 2006 geht es über 2400 Meter. In der 2000-Meter-Zeit findet man immerhin noch die vier Prix de l´Arc de Triomphe-Sieger Saumarez, Subotica, Peintre Celebre und Bago in der Siegerliste. Danach hat es mit Rail Link (ebenfalls Arc-Sieger) eigentlich nur noch einen herausragenden Sieger gegeben. Es ist schon merkwürdig: Man sollte doch erwarten, dass eine Vollblutzucht wie die französische sich nach vorne entwickelt – manchmal aber scheint es, als sei das Gegenteil der Fall.

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Der Handicapper-Blog macht eine kurze Sommerpause und erscheint wieder am 8. August, also nach dem Henkel-Preis der Diana.

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