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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Gibt es einen Winterfavoriten-Fluch?

18. Oktober 2018

In seiner Kolumne in der „Zeit“ beschäftigte sich Harald Martenstein in der vorigen Woche mit dem Nutella-Fluch. Dieser Fluch ereilte zumeist junge und hoffnungsvolle Fußball-Nationalspieler, die in Werbespots für die Nuss-Nougat-Creme zu sehen waren. Danach erlitten sie einen Karriereknick, auch andere Zeitungen berichteten über dieses Phänomen. Als Opfer des Nutella-Fluchs werden unter anderem Benjamin Lauth, Andreas Hinkel, Marcell Jansen, Tim Borowski und Tobias Weis genannt, auch Kevin Kurányi, Jermaine Jones und Dennis Aogo.

Als ich das gelesen habe, fragte ich mich, ob es nicht auch einen Winterfavoriten-Fluch gibt. Vielleicht nicht ganz so schlimm wie bei den Fußballern, aber doch auffallend. Erasmus, vor einem Jahr triumphaler 8-Längen-Sieger im Preis des Winterfavoriten, war seitdem verletzungsbedingt nicht mehr am Start; Langtang nach zwei Starts als Dreijähriger: verletzt; Brisanto und Born to Run: Formkrise; Tai Chi: Karriereende nach einem Start als Dreijähriger; Glad Tiger und El Maimoon: wenige Monate später tot. Auch haben von den 114 Winterfavoriten vor Noble Moon nur neun das Derby gewinnen können, also jenes Rennen, auf das der Name der Kölner Zweijährigen-Prüfung anspielt.

Es muss aber auch gesagt werden – und das ist die andere Seite der Medaille – dass aus Winterfavoriten von Zeit zu Zeit auch Superstars werden können. Manduro, Lando, Lirung und Lombard sollen als Beispiele genannt sein. Die Antwort auf die Frage, in welche Richtung Noble Moon sich entwickeln wird, liegt einstweilen noch in der Zukunft, jedenfalls begleiten ihn meine besten Wünsche. Denn der deutsche Rennsport braucht dringend neue Stars. Gerade jetzt, nachdem die alte Eilte bis auf Iquitos (der wohl auch im kommenden Jahr noch laufen wird) abgetreten, Windstoß unter Formschwäche leidet und die Zukunft von Derbysieger Weltstar und die des Derbyzweiten Destino ungewiss ist.

Der neue Winterfavorit tritt uns als ein Pferd ohne Fehl und Tadel entgegen. Zwei Starts, zwei Siege. Mehr kann man nicht verlangen, auch wenn beide Siege erst nach Kampf zustande kamen. Aber der Wille eines Pferdes, unbedingt gewinnen zu wollen, ist ja auch ein Qualitätsmerkmal, es müssen nicht immer acht Längen Vorsprung sein. Auch seine Abstammung verspricht einiges, die Mutter Nouvelle Noblesse hat schon einige talentierte Pferde gebracht, allen voran Noble Alpha, der 93,5 Kilo konnte, aber eher Meiler war. Das nötige Stehvermögen für das Derby könnte bei Noble Moon sein Vater Sea the Moon liefern, dessen Derbysieg mit elf Längen Vorsprung unvergessen bleiben wird und der jetzt einen so fabelhaften Start als Vererber hinlegt. Welch sonderbare Wege die Natur aber gelegentlich geht, zeigt – um beim Thema Vererbung zu bleiben – Noble Moons ein Jahr ältere, von Frankel stammende Halbschwester Noble Fortune. Nachdem sie eine Stunde vor dem Preis des Winterfavoriten in einem Ausgleich IV mit einem Abstand von genau 50 Längen zum Sieger Letzte wurde, steht sie jetzt bei einem GAG von 51 kg.

Video: Preis des Winterfavoriten (Gr. III), Köln - Sieger: Noble Moon

Noble Moon dürfte also knapp einen Zentner besser sein als seine Schwester. 95 Kilo erhält meist ein Winterfavorit von der etwas besseren Sorte, und zu der zählen wir Noble Moon. Die 95 Kilo (Rating 110) ergeben sich recht zuverlässig aus einer Rechnung über den Viertplatzierten Rip van Lips, dessen bisherige Marke von 89 Kilo aus dem Zukunfts-Rennen gut belastbar ist, da die dort als Zweite eingekommene englische Stute I´ll Have Another ihre Marke von 90 Kilo bei drei späteren Gelegenheiten wiederholt hat: Im Junioren-Peis in Köln, in einem Handicap in Newmarket und zuletzt am vorigen Freitag in einem Gruppe-III-Rennen, ebenfalls in Newmarket. Ich bin gespannt, welche Route Noble Moon im kommenden Jahr in Richtung Derby einschlagen wird, nehme aber an, dass er – wie in diesem Jahr Weltstar – über die klassische Route mit dem Mehl-Mülhens-Rennen als erstes großes Ziel gehen wird.

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Mit den Leistungen der deutschen Zweijährigen kann man also bisher ganz zufrieden sein. (Mal sehen, was die Stuten am Sonntag in Baden-Baden zu bieten haben.) In England allerdings kriegen sie sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung über den neuen Superstar unter den Youngstern, Too Darn Hot. Kaum ein Superlativ wird ausgelassen, doch dieser Hengst scheint in der Tat etwas Besonderes zu sein. Nach vier Starts ist er noch ungeschlagen, hat sein Ansehen und sein Rating nach jedem Rennen gesteigert. Am Samstag, beim Champions-Tag der Zweijährigen in Newmarket, fertigte er in den G1-Dewhurst Stakes die nach ihm besten Zweijährigen Hengste Englands nach allen Regeln der Kunst ab und gewann, zum Schluss verhalten, mit 2 ¾ Längen Vorsprung.

Keine Frage, dass man als Handicapper danach ganz tief in den Rucksack mit den Gewichten greifen muss. Meine neue Zahl für Too Darn Hot ist 126 (103 kg). Das ist eine Marke, die zuvor in diesem Jahrhundert nur drei Hengste erreicht haben: Johannesburg, Dream Ahead und Frankel. Ob dies auch am Jahresende sein Rating sein wird, entscheidet sich auf der Classification-Konferenz für die europäischen Zweijährigen Ende November in London.

Video: Darley Dewhurst Stakes (Gr. I), Newmarket - Sieger: Too Darn Hot

Dass Too Darn Hot seinen Namen nach einem Song aus dem Cole Porter-Musical „Kiss me Kate“ hat, hatte ich kürzlich schon erwähnt, schließlich ist der Komponist und Impresario Andrew Lloyd Webber mit seinem Watership Down Stud Züchter und auch Besitzer. (Eigentlich verkauft Lloyd-Webber alle seine Jährlingshengste, diesen aber nicht, weil er sich vor der Auktion verletzte.) Das große Los als Züchter zog Lloyd-Webber 1994 mit dem Erwerb von Darara für 470.000 Guineas aus dem Besitz des Aga Khan. Darara ist mir noch in Erinnerung aus jenem großartigen Prix de l´Arc de Triomphe von Dancing Brave, in dem sie Sechste und Acatenango Siebter wurde. Für Dararas erste beiden Jährlingshengste (die später in Gruppe-Rennen platziert liefen) erzielte Lloyd-Webber jeweils eine halbe Million Guineas, für den dritten sogar 3,4 Millionen (Diaghilev, später unter dem Namen River Dancer G1-Sieger in Hongkong). Danach blieb Darara fünf Jahre ohne Fohlen, wurde aber nach einer Spezialbehandlung wieder fruchtbar und brachte im gesegneten Alter von 22 und 24 Jahren ihre beiden Besten: Too Darn Hots Mutter, die dreifache G1-Siegerin Dar Re Mi und, als letztes Fohlen, den von Tiger Hill stammenden Rewilding, der für Godolphin das G1-Dubai Sheema Classic und die G1-Prince of Wales´s Stakes gewann, bevor er so tragisch in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes verunglückte. Vor Too Darn Hot brachte Dar Re Mi schon die beiden in Gruppe-Rennen siegreichen Stuten So Mi Dar und Lah Ti Dar und erst vor wenigen Tagen erzielte Too Darn Hots jüngerer, noch namenloser Bruder bei den October Sales in Newmarket den Rekordpreis von 3,5 Mio. Guineas. Das Märchen geht also weiter.

 

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