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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Dreijährige im Fokus

19. Juli 2017

Trainer Mario Hofer hat mir einen Brief geschrieben. Sogar öffentlich, in der „Sport-Welt“-Ausgabe zum vorigen Samstag. Gegenstand des Briefes war eines seiner Lieblingsthemen, nämlich die angebliche, auf jeden Fall aber von ihm so empfundene, Benachteiligung der Dreijährigen in den Handicaps. Dieser Gegenstand hatte schon breiten Raum beim Forum der Besitzervereinigung im November vorigen Jahres in Hannover eingenommen. Dort hätte ich, so Hofer in seinem Brief, diesbezügliche Beschwerden mit „skurrilen Begründungen“ zurückgewiesen. Tatsächlich aber hatte ich anhand von Fakten dargelegt, dass die Dreijährigen im Jahre 2016 nicht nur nicht zu wenig, sondern sogar mehr gewonnen hatten, als zu erwarten war. Denn sie, die Dreijährigen, gewannen im vorigen Jahr 19,4 Prozent der Handicaps an denen sie teilnahmen, obwohl sie nur 17,3 Prozent der Starter stellten. Auch in den Jahren zuvor hatte es häufig ähnlich ausgesehen. 

Nun zum Jahr 2017. Unter Beteiligung von Dreijährigen hat es bisher 69 Ausgleiche mit insgesamt 703 Startern gegeben, 102 davon waren dreijährig. Das entspricht einem Anteil von 14,5 Prozent. Von diesen 69 Ausgleichen konnten die Dreijährigen zehn gewinnen, was einer Erfolgsquote von wiederum 14,5 Prozent entspricht. Die Dreijährigen haben also exakt so viel gewonnen, wie anteilmäßig zu erwarten war. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auch wenn man die Platzierungen auf den Plätzen 2 bis 4 dazu nimmt, ergibt sich mit einem Dreijährigen-Anteil von 14,1 Prozent ein ähnliches Bild. Das sind die Fakten.

Wenn trotzdem bei Vielen das Gefühl vorherrschend ist, die Dreijährigen gewännen zu wenig, so mag das daran liegen, dass die jungen Pferde mehr im Fokus stehen, als die Älteren. Deshalb bleiben deren Niederlagen auch länger im Gedächtnis. Nun mag es ja den einen oder anderen geben, der die Auffassung vertritt, den Dreijährigen gebühre ein größerer Gewinnanteil, damit die Investitionen der Besitzer schneller belohnt werden. Das ginge dann allerdings auf Kosten der älteren Pferde, die in der Folge dann möglicherweise den Rennstall früher verlassen würden. Meine Kollegen und ich jedenfalls verstehen unsere Arbeit so, dass beide Altersgruppen, die Dreijährigen und die Älteren, gleich behandelt werden müssen. Dass die Dreijährigen bis Mitte Juli „nur“ zehn Handicapsiege vorzuweisen haben, ist im Übrigen nicht ungewöhnlich. Auch im Vorjahr waren es nur zehn gewesen, in den Jahren davor 15, 12, 10 und nochmals 10. Die langjährige Erfahrung zeigt aber, dass die Dreijährigen im Laufe der nächsten Monate öfter gewinnen werden, allein schon deshalb, weil sie häufiger in den Ausgleichen an den Start kommen werden. Im vorigen Jahr haben sie es bis Jahresende noch auf 60 Siege gebracht. Eine genaue Aufstellung mit den Erfolgsraten der Dreijährigen in Ausgleichsrennen finden Sie hier.

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Das Wochenende brachte für die Dreijährigen zwar nur einen Handicap-Sieg, dafür mit Dragon Lips und Amigo aber die Gewinner in den beiden größten Rennen. Eigentlich hatte man in der G2-Meilen-Trophy in Köln eher mit Poetic Dream gerechnet, den Sieger im klassischen Mehl-Mülhens-Rennen. Er gab aber eine blasse Vorstellung, war nie richtig präsent. Poetic Dream war der achte Mehl-Mülhens-Sieger, der in diesem seit 1991 und ursprünglich in Hoppegarten gelaufenen Rennen antrat und er war nach Frozen Power, Aviso und Santiago der Vierte, der geschlagen wurde. Martillo, Royal Dragon, Royal Abjar und Flying Brave konnten gewinnen, wobei Royal Abjar das Rennen später wegen Anwendung eines unerlaubten Mittels wieder verlor.

Dragon Lips fand durch diesen Sieg nach zuletzt zwei etwas schwächeren Auftritten wieder zu seiner Bestform aus dem Dr. Busch-Memorial zurück und siegte in sehr schneller Zeit. Er ist der erste dreijährige Sieger dieses Rennens seit King of Sydney im Jahre 2009 und hat sich damit erst einmal an die Spitze unserer Meilenpferde gesetzt. Die 97 kg (Rating 114), die wir vorläufig gegeben haben, errechnen sich über den Zweiten Wonnemond, und er gehört mit dieser Marke zu den besseren Siegern dieses Rennens. Wild Chief und Irish Stew kamen beide auf ebenfalls 97, höher hinaus ging es nur bei Alianthus und Royal Dragon (jeweils 97,5), Martillo und Waky Nao (98) und Gothenberg (98,5). Der Beste aller Sieger dieser früher als Berlin-Brandenburg-Trophy gelaufenen Prüfung war aber Docksider. Der spätere Sieger in der Hong Kong Mile und Zweite in der Breeders´ Cup Mile erhielt 1999 für seinen Sieben-Längen-Sieg glatte 100 Kilo.
Eine respektable Leistung zeigte auch Amigo am Samstag in Dresden, wo er im bwin-Sommerpreis mit Cashman und Devastar zwei ordentliche Pferde schlug, der Rest folgte klar zurück. Er kommt aus einem kleinen Stall, machte aber schon im Vorjahr als Fünfter im Ratibor-Rennen auf sich aufmerksam. 91 Kilo hat er dafür verdient, der Weg in Grupperennen scheint damit vorgezeichnet.

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Auf internatonaler Ebene weiß man mit den dreijährigen Hengsten bisher nicht so richtig etwas anzufangen. Es fehlt ein echter Star, jedenfalls auf Distanzen oberhalb von 1600 Metern. Am Bastille-Tag vorigen Freitag in Saint-Cloud gab es auch nichts Großes zu entdecken, denn in Shakeel, dem Sieger im Grand Prix de Paris, konnte man vorher kaum ein Klassepferd erkennen, ging er doch mit einer Marke von 105 (92,5 kg) ins Rennen. Da die Konkurrenz auch nicht überwältigend war, kam mit 116 (98 kg) auch ein Rating heraus, das allenfalls Durchschnitt bedeutet und das – zum Vergleich – nur ein Pfund über dem des deutschen Derbysiegers Windstoß liegt. Als Vorletzter und damit schwer geschlagen kehrte der italienische Derbysieger Mac Mahon in seine Heimat zurück, wo er bisher unbesiegt gewesen war. Ob er sein Rating von derzeit 114 (97 kg) wird halten können, erscheint fraglich. Eine Offenbarung war dagegen erneut der Sieg von Enable, diesmal in den Irish Oaks am Samstag auf dem Curragh. Mit unerhört kraftvollem Antritt zerlegte sie die Konkurrenz und wiederholte damit ihre ähnlich souveräne Vorstellung aus den Epsom Oaks, die mit einem Rating von 121 (100,5 kg) zu Buche schlug. Für die Stute scheint es derzeit keine Grenzen zu geben.

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Der Handicapper-Blog macht jetzt eine kleine Sommerpause und erscheint erst in 14 Tagen wieder.

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