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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Iquitos, Enable und Farshad

2. August 2017

Wenn sich Trainer, Jockeys oder auch Besitzer nach einem großen Sieg den Fragen der Presse stellen, dann hört man oft wenig Einfallsreiches. Schließlich kann der Mensch nicht ständig originell sein. Manchmal aber gibt es doch Geistreiches oder sogar Witziges. So wie nach dem Großen Dallmayr-Preis am Sonntag in München-Riem, als Trainer Hans-Jürgen Gröschel über Iquitos redete. Wohl in Anspielung auf dessen schwere Kolik vor zwei Jahren und die erst vor kurzem ausgeheilte Augenentzündung sagte er, und hier zitiere ich die „Süddeutsche Zeitung“: „Das Pferd hat so viel durchgemacht. Wenn es sauberer wäre, würde es bei mir zu Hause wohnen“.
Diese Aussage verrät einiges über den Stellenwert, den dieses Pferd bei seinem Trainer und wohl auch bei seinen Besitzern einnimmt - es hat Familienanschluss. So konnte man auch Mitbesitzer Werner Gerhold im Riemer Absattelring dabei beobachten, wie er eigenhändig Wassereimer anschleppte und sein nach dem Sieg sehr durstiges Pferd tränkte.
Den ganz großen Durchbruch schaffte Iquitos ja bei seinem Sieg im Großen Preis von Baden im vorigen September, der Grundlage war für den Gewinn der German Champions League und für die Wahl zum „Galopper des Jahres“.

Iquitos siegt beim Großen Dallmayr-Preis in München-Riem
Iquitos siegt beim Großen Dallmayr-Preis in München-Riem

Seitdem ist er fünf Mal gelaufen ohne zu gewinnen. Nicht dass er schlechte Leistungen abgeliefert hätte, das nicht. In GAG ausgedrückt zeigte er 95 – 96 – 98 – 98,5 und 96 Kilo. Trotzdem hatte man das Gefühl, dass ein neuer Sieg dem Renommee des Hengstes guttun würde. Der kam nun in München und damit gerade zur rechten Zeit, bevor jetzt die ganz großen Prüfungen im Herbst anstehen. Voraussetzung für den Sieg war der sich für Iquitos günstig gestaltende Rennverlauf. Als es bald nach dem Start schnelles Tempo gab und sein Reiter ihn an vorletzter Stelle schlafen gelegt hatte, konnten all diejenigen, die sich Iquitos als Sieger wünschten, der weiteren Entwicklung beruhigt entgegen sehen - man ahnte, was da kommen würde. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell es diesem Pferd gelingt, sozusagen aus dem Stand auf Höchstgeschwindigkeit zu beschleunigen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.
Dieser Dallmayr-Preis war ohne Frage das bisher am besten besetzte Pferderennen dieser Saison in Deutschland. Für den Handicapper heißt das, Iquitos wieder auf seine alte Bestmarke zu setzen. Das sind 99 kg (Rating 118). Ein kleines Problem in dieser Rechnung ist der englische Hengst Best Solution, der als Zweiter auf 97,5 kg (115) kommt, ein Kilo mehr, als bisher für ihn zu Buche steht. Aber über jedes der nachfolgenden Pferde gerechnet ergäbe sich für Iquitos eine noch höhere Marke. Möglich, dass er tatsächlich noch mehr kann. Im Großen Preis von Baden wird er die Chance haben, das zu zeigen. Und erst recht im Prix de l´Arc de Triomphe, auf den er jetzt gewiss zusteuert. Da wird er, wenn er eine gute Figur abgeben will, schon 100 Kilo oder mehr zeigen müssen. Aus historischer Perspektive sind 99 Kilo für einen Dallmayr-Sieger eine gute Marke. Er befindet sich damit in der Gesellschaft von Lucky Lion, Neatico, Durban Thunder, Pressing, Soldier Hollow und Kutub, die auch alle auf 99 kamen. Noch besser machten es in den letzten 20 Jahren Linngari (99,5), Greek Dance und Oxalagu (jeweils 100) und – der Beste von allen – Pastorius (101) bei seinem atemberaubenden 8-Längen Sieg vor fünf Jahren.

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Da ist es wieder, dieses Wort: Wunderstute. „Wonder Filly Enable Joins Greats“ titelte die „Racing Post“ am Sonntag, einen Tag nach dem großen Triumph der dreijährigen Juddmonte-Stute in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes. Das ist ein Rennen, in dem meistens die Hengste den Ton angeben. Aber diesmal eben nicht. Wie schon in den Jahren, als mit Dahlia (zweimal), Pawneese, Time Charter, Taghrooda und nicht zuletzt Danedream Stuten erfolgreich waren. Mit dem Begriff „Wunderstute“ wird ja durchaus verschwenderisch umgegangen. Jedenfalls taucht er weit häufiger auf als sein Gegenstück, der „Wunderhengst“, der nahezu ausschließlich in der Welt der Pferderomane zu Hause ist, vom „Wunderhengst Totilas“ einmal abgesehen. Winx dagegen, wie auch Black Caviar, Treve, Danedream, Zenyatta und Rachel Alexandra: das alles sind Wunderstuten. Erst recht Ruffian, deren Leben (und so unglückliches Ende) unter dem Titel „Ruffian – die Wunderstute“ sogar in Hollywood verfilmt wurde. Und Halla, aber die gehört hier nicht hin. Vielleicht ist diese inflationäre Begriffsverwendung auch darin begründet, dass es immer als etwas Besonderes wahrgenommen wird, wenn eine Stute in großen Rennen gegen ihre männlichen Artgenossen gewinnt.
Diese „King George“ waren ja sehr gut besetzt, jedenfalls im Vergleich zu den Vorjahren, als doch ein gewisser Mangel an Klasse zu beklagen war. So kamen die beiden letzten Sieger, Highland Reel und Postponed, nur auf Rating von jeweils 121 (100,5 kg) – aber nicht etwa, weil sie schlechte Pferde waren, sondern weil die Konkurrenz ihnen nicht mehr abverlangte. Diesmal aber waren sechs Gruppe-1-Sieger am Start, die unter sich insgesamt 14 Gruppe-1-Rennen gewonnen hatten. Und mit diesen Gegnern spielte Enable bei ihrem Sieg mit 4 ½ Längen. Trotz der starken Konkurrenz war Frankie Dettori derart erpicht auf den Ritt gewesen, dass er, wie er hinterher verkündete, in den sechs Tagen vor dem Rennen sieben Pfund Gewicht gemacht hatte und dabei ausschließlich von Fisch und Wasser gelebt hat, um für die im Rennen verlangten 54 Kilo zu bringen. Unter den internationalen Handicapper besteht weitgehend Einigkeit darüber, Enables herausragende Leistung mit einem Rating von 126 zu bewerten, also 103 Kilo. Damit ist sie aktuell hinter Arrogate und Winx das derzeit drittbeste Pferd auf der Welt. 

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Jeder der lange genug zum Pferderennen geht, hat schon Pferde siegen sehen, die unterwegs einen großen Vorsprung rausgeholt und es mit dieser riskanten Taktik bis ins Ziel geschafft haben. Ich will hier gar nicht von Lombard reden, aber ohne großes Nachdenken fallen mir Tombos, Oriental Tiger und natürlich Nymphea ein, diese bei ihrem grandiosen Sieg mit Dennis Schiergen im Großen Preis von Berlin 2013. Oder Guignol, im vorigen Jahr im Großen Preis von Bayern. Nicht ganz so prominent, aber doch sehens- und beachtenswert war die Vorstellung, die der Schimmel Farshad am Dienstag in Deauville gab, in einem Listenrennen für Dreijährige über 1600 Meter. Sein französischer Reiter Clement Lecoeuvre, der ihn schon Hamburg zu einem 6 ½ Längen-Sieg gesteuert hatte, schickte Farshad unterwegs auf bis zu 20 Längen vors Feld und hatte im Ziel noch reichlich 3 ½ Längen und mehr Vorsprung auf ganz ordentliche Pferde, darunter der Mehl-Mülhens-Dritte Empire of the Star. Ich warte mal ab, was Eric LeGuen, mein französischer Handicapper-Kollege für das Rennen ausrechnet. Mit deutlich über 90 Kilo ist zu rechnen.

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