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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Kleine Höhepunkte in den Winterrennen

20. Dezember 2017

Man wird nicht sagen können, dass die Winterrennen in Dortmund und Neuss etwas für den sportlichen Feinschmecker sind. Eher für den Freund der Hausmannskost. Diejenigen, die schon etwas länger zur Rennbahn gehen, werden sich auch noch an den Begriff des „Nützlichkeitssports“ erinnern. Weil der aber im Allgemeinen nicht so aufregend ist, freut man sich schon über kleine Höhepunkte, etwa wenn bessere Pferde wie Northsea Star oder Molly le Clou für größere Aufgaben in Katar oder St. Moritz proben. Oder wie neulich über den Sieg des erstaunlichen Wallachs Wisperwind in Dortmund. Dieser Wisperwind wurde, nachdem er bei seinen ersten sechs Starts rein gar nichts auf die Reihe bekommen hatte und schon bei einer Handicapmarke von 51 kg gelandet war, für 8003 Euro aus einem Verkaufsrennen in Nancy geclaimt. Das war im April vorigen Jahres, seitdem hat er zehn Rennen gewonnen. Sechs auf Gras, drei auf Sand und eines auf dem Fibersand von Mons. Das nennt man wohl gutes Management, wobei hilfreich war, dass Siege auf Gras und im Ausland nicht auf das Sandbahn-Handicap angerechnet werden. Wisperwind hat zuletzt mit 67 Kilo im Sattel gewonnen, und das auch noch mit sieben Längen. Er steht nun auf Sand bei einer Marke von 82,5. Damit dürfte seine Karriere auf der Sandbahn erst einmal zu Ende sein.

Dass Rennen auf der Sandbahn mit sieben Längen Vorsprung und mehr gewonnen werden geschieht bekanntlich häufiger, Sand ist eben selektiver als Gras. Der durchschnittliche Vorsprung eines Siegers auf der Sandbahn liegt bei 3 ¾ Längen, wobei in Dortmund die Abstände meistens noch etwas größer sind als in Neuss. Auf den deutschen Grasbahnen beträgt der Vorsprung des Siegers dagegen im Durchschnitt nur 1 ¾ Längen. Auf der Sandbahn halbieren wir daher die Abstände bei der Berechnung eines Rennens. Hierzu passt eine statistische Auswertung der Grupperennen in Amerika, die mir kürzlich in die Hände gefallen ist. In Grasbahnrennen beträgt der Abstand vom Sieger zum Zweiten dort im Durchschnitt 1,2 Längen, in Dirt-Rennen dagegen 2,5 Längen - also auch hier etwas mehr als das Doppelte.

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Die Dortmunder Sandbahn wurde bekanntlich Ende 1980/Anfang 1981 erbaut, vor allem mit Blick auf die Wintersaison, denn in den Jahren zuvor waren in einigen strengen Wintern die Renntage reihenweise ausgefallen. Besonders arg war es im Winter 1978/79, dem Jahr der Schneekatastrophe. In der Nacht zu Silvester zog eine Schneefront von Norden her über die Mitte und den Süden Deutschlands, am Silvestermorgen gab es 30 Zentimeter Neuschnee und minus 10 Grad, mindestens. An Rennen war nicht zu denken. Dachte ich jedenfalls und fragte deshalb zweimal nach, als ich bei einem Anruf in Neuss die Antwort erhielt, dass die Rennen stattfinden sollten. Ich erlebte dann den skurrilsten Renntag meines Lebens. Schon die Anfahrt dauerte doppelt so lange als üblich, andere schafften es überhaupt nicht und mussten umkehren. Die Liste der Nichtstarter wurde während des Tages immer länger, am Ende waren es 63, die – wie der Rennbericht vermerkte - „wegen Transportschwierigkeiten“ nicht starten konnten. Trotz alledem gab es ab 12 Uhr elf Rennen mit insgesamt nur 66 Pferden. Mit dem festgewalzten Schneeboden kamen die aber erstaunlich gut zurecht. Die aus der damaligen "Sport-Welt" entnommenen Bilder von Günter Müller geben einen Eindruck von den Verhältnissen.

Schnee und Frost hielten danach noch bis Ende Februar an, Dortmund war in dieser Zeit mit fünf Renntagen der einzige Veranstalter. Zu dieser Zeit entstand die Idee für eine Sandbahn mit Flutlicht, die dann bei der Eröffnung am 17. Juli 1981 die erste und einzige dieser Art in Europa war. Der Eröffnungsrenntag ist mir noch deutlich in Erinnerung. Er begann spät am Abend mit einigen Grasbahnrennen, bevor dann, als es ausreichend dunkel war um die neue Flutlichtanlage zur Geltung zu bringen, um 22 Uhr die Sandbahnrennen anfingen. Erster Sieger war der Schlenderhaner Hengst Steuben, das letzte Rennen wurde kurz nach Mitternacht gestartet. „Es war 0.30 Uhr als die letzten Besucher die Rennbahn verließen“, schrieb ich damals in einem Bericht für „Die Welt“. Somit ging dieser Renntag über zwei Tage. Ich würde darauf wetten, dass dies einmalig ist. In Deutschland ohnehin.

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Das größte Rennen Argentiniens und wohl ganz Südamerikas ist der Gran Premio Carlos Pellegrini, den am Samstag auf der Rennbahn von San Isidro, Buenos Aires, der argentinische Hengst Puerto Escondido gewann. Umgerechnet 290.000 Euro gab es dafür, insgesamt war das Rennen mit 530.000 Euro dotiert, selbst der Dreizehnte und Letzte bekam noch 12.000 Euro ab. Der Vierjährige war 26:10-Favorit und hatte zuletzt schon ein Gruppe-I-Rennen mit sechs Längen Vorsprung gewonnen. Auch diesmal siegte er überlegen, ging schon 1000 Meter vor dem Ziel nach vorne und erreichte das Ziel vier Längen vor Don Inc und dem dreijährigen Campanologist-Sohn Village King. Das Rennen war mit insgesamt sieben Gruppe-I-Siegern sehr qualitätsvoll besetzt, so dass Puerto Escondido aktuell das beste Pferd in Südamerika sein dürfte. Bisher hatte er ein Rating von 117 (98,5 kg), jetzt hat der argentinische Handicapper Miguel Careri 121 (100,5 kg) als neue Marke vorgeschlagen. Mal sehen, was daraus wird. Schon im vorigen Jahr war Puerto Escondido dabei gewesen, damals kam er als Siegloser hinter Sixties Song überraschend auf den zweiten Platz. Das erinnert mich etwas an Stall Reckendorfs Hengst Egerton, der 2004 als siegloses Pferd im Großen Preis von Baden Zweiter wurde, hinter Warrsan, aber vor Derbysieger Shirocco.

Video: Gran Premio Carlos Pellegrini 2017 G1 . - Sieger: Puerto Escondido

 

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