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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Showdown im Derby

20. Juni 2018

Unter einem Showdown wird im Allgemeinen eine auf eine finale Entscheidung hinauslaufende Kraftprobe zweier Kontrahenten verstanden. Man begegnet dem Showdown vorzugsweise in Western- und Actionfilmen (12 Uhr mittags), in der politischen Auseinandersetzung (Merkel ./. Seehofer) oder bei sportlichen Ereignissen (Ali vs. Frazier). Aber auch der Galopprennsport, speziell das Deutsche Derby, hat schon diverse Showdowns erlebt, ich erinnere nur an Acatenango gegen Lirung oder Nebos gegen Königsstuhl. Wenn nicht alles täuscht, oder wenn nicht in letzter Minute noch eine hochkarätige Nachnennung aus dem Hut gezaubert wird, dann gibt es in diesem Jahr auf der Horner Galopprennbahn wieder einen Showdown, denn nach dem 183. Oppenheim-Union-Rennen am vorigen Sonntag in Köln scheint alles auf ein Derby-Duell zwischen Royal Youmzain und Weltstar hinauszulaufen.

Nachdem Royal Youmzain beim Frühjahrs-Meeting in Baden-Baden sein drittes Gruppe-Rennen in Folge und dazu noch sehr imponierend gewonnen hatte, schien zunächst kein ernsthafter Gegner mehr für ihn in Sicht. Seit Sonntag ist das anders. Zwar kam Weltstar in Köln nicht mit dergleichen spielerischen Leichtigkeit zum Zuge wie Youmzain in Iffezheim, sein Sieg war aber auf seine eigene, fast schon professionelle Art imponierend. 

Unbeeindruckt von Rangeleien zu Beginn, zog er vom Ende des Feldes in einem Stil an seinen Gegnern vorbei, der sehr an den Derbysieg seines Halbbruders Windstoß vor einem Jahr erinnerte. Vergleicht man die Beiden miteinander, so fallen einige Gemeinsamkeiten ins Auge. Beide machten zweijährig bei ihrem Maidensieg viel Eindruck (und erhielten dafür mit 78 bzw. 76 kg gleich recht hohe Marken), beide versagten danach im Ratibor-Rennen, und beide empfahlen sich im Union-Rennen für das Derby - Windstoß durch einen zweiten Platz, Weltstar durch einen Sieg. Ihre Derbypräparation unterschied sich aber darin, dass Windstoß dreijährig von Anfang an auf längeren Distanzen eingesetzt wurde, während Weltstar, der vielleicht etwas mehr Grundschnelligkeit besitzt, über die alte, heute kaum noch genutzte „Klassische Route“ Busch-Memorial, Mehl-Mülhens-Rennen und Union-Rennen aufgebaut wurde. Man mag es kaum glauben, aber der Letzte, der vor Weltstar diesen klassischen Weg nach Hamburg ging, war Liang Kay vor zehn Jahren.

Der Sieg von Weltstar war für uns Handicapper 96 kg wert. Ausgangspunkt für die Rechnung in diesem Oppenheim-Union-Rennen waren die Pferde auf den Plätzen drei und vier, wobei wir das Rating von Salve del Rio gegenüber einer ersten Rechnung am Montag noch etwas nach oben auf 93,5 kg justiert haben – auch, damit er auf eine Stufe mit dem diesmal hinter ihm platzierten Jimmu zu stehen kommt. Die neue Marke für Weltstar ist also 96 kg (112), die von Destino 95 kg (110). Weltstar steht damit als Union-Sieger auf einer Stufe mit seinen beiden Vorgängern Colomano und Boscaccio. An die beiden besten Sieger dieses Rennens der letzten 20 Jahre, Sea the Moon und Novellist (jeweils 97 kg), kommt er aber nicht heran.

Video: 183. Oppenheim-Union-Rennen (Gr. II), Köln - Sieger: Weltstar

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Am Sonntag, den 18. Juni 1848, also genau 170 Jahre und einen Tag vor dem Sieg von Weltstar, fand in Berlin-Tempelhof eines der kuriosesten Union-Rennen aller Zeiten statt, denn das Rennen wurde frühmorgens um 6 Uhr gestartet. „Der kritischen Zeitverhältnisse wegen“, wie es in einem Bericht hieß, denn in Berlin gab es zu dieser Zeit Straßenkämpfe und das Volk war auf Adel und Militär, die den Rennsport damals beherrschten, nicht gut zu sprechen. Der Bericht fügt noch naiv hinzu, dass sich dieser frühen Stunde halber nur wenige Zuschauer eingefunden hätten, was ich gerne glauben will. Nach der Union gab es noch zwei weitere Rennen, daran schlossen sich Dressur- und landwirtschaftliche Prüfungen an, bei denen die Zugkraft der Pferde mittels eines Flaschenzugs gemessen wurde. Geradezu tragikomisch gestaltete sich das Union-Rennen 1886. Es war eine Zeit, als sich der deutsche Rennsport durch Wettverbote und andere staatliche Drangsalierungen auf einem Tiefpunkt befand. Neben dem österreichischen Derbysieger Fenek fanden sich nur zwei deutsche Pferde am Start ein, die Graditzer Potrimpos und sein Pacemaker Bohemund, beide offensichtlich nicht in bester Rennkondition. Der Pacemacher war schon eingangs gegenüber restlos geschlagen und wurde unter Verzicht auf den dritten Platz im Schritt querfeldein nach Hause geritten. Potrimpos hielt noch bis zum Schlussbogen mit, war dann aber so erschöpft, dass er, wie es in einem Rennbericht hieß „schon vor der Einlaufsecke kein Bein mehr vor das andere setzen konnte“. Fenek gewann mit 50 Längen Vorsprung. Das ist der größte Vorsprung, der jemals in einem deutschen Flachrennen von Bedeutung gemessen wurde. Fenek verletzte sich danach und konnte im Deutschen Derby nicht antreten, das dann von – Potrimpos gewonnen wurde. Herrliche Zeiten.

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Das beste Pferd, das jemals beim Meeting von Royal Ascot gewonnen hat war Frankel. Seine beste Form zeigte er in den Queen Anne Stakes 2012, die er mit 11 Längen Vorsprung gewann, wofür es ein Rating von 140 (110 kg) gab. Dürfte man nicht nur für Pferde, sondern auch für Menschen Ratings vergeben, so käme die Queen bei mir sogar auf 141, und zwar für ihre Leistung, seit ihrer Heirat mit Prinz Philip kein einziges Rennen beim königlichen Meeting verpasst zu haben. Das erzählen jedenfalls die Leute von der britischen ITV, die täglich live aus Ascot berichten. Kein Rennen verpaßt – das heißt, seit 1948, also seit 70 Jahren, dort jedes Rennen gesehen zu haben. Gibt es irgendwo auf der Welt Vergleichbares? Wohl nicht. Am Dienstag dieser Woche fuhr sie also wieder pünktlich an der Spitze der „Royal Procession“ vor. In der dritten Kutsche ein Neuling, die Herzogin von Sussex, besser bekannt unter ihrem bürgerlichen Namen Meghan Markle. Sie ist ja Amerikanerin und so war es ein schöner Zufall, dass amerikanische Besitzer das Hauptrennen gewannen, die G1-St James´s Palace Stakes. So konnte sie die Ehrenpreise nach dem Sieg des Favoriten Without Parole an die Besitzer John Gunther und dessen Tochter Tanya übergeben. Für Fans der Royal Familyhier  die Bilder von der Siegerehrung. Das Rennen gibt es hier:https://www.youtube.com/watch?v=J95mQc1nQvM 

John Gunther ist im Übrigen auch Züchter eines gewissen Justify, dem diesjährigen amerikanischen Triple-Crown-Sieger. Schon jetzt wird von einem Zusammentreffen beider Pferde beim Breeders´ Cup im November gesprochen, im besten Fall sind beide dann noch ungeschlagen. Without Parole ist passenderweise ein Frankel-Sohn und hat jetzt bei allen vier Starts gewonnen. Will er seinen Vater erreichen, muss er nur noch seine nächsten zehn Rennen gewinnen... Die St James´s Palace Stakes waren diesmal sehr gut besetzt, mein Rating für den Sieg ist 121 (100,5 kg). Das ist genau die Marke, die seinerzeit auch Frankel in diesem Rennen bekommen hat, für seine Verhältnisse war da allerdings eine eher schwache Form.

 

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