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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Das Element des Unerwarteten

20. September 2017
„Das vorherrschende Element im Galoppsport ist das Unerwartete.“ 

Dieser Spruch wird John Hislop zugeschrieben, dem Züchter von Brigadier Gerard und großen britischen Turf-Journalisten. Er könnte aber auch von jedem anderen stammen, denn Tag für Tag machen Tausende von Rennbahnbesuchern Bekanntschaft mit dieser Tatsache. Aber bei Lichte betrachtet ist es der Außenseiter, der das große Rad des Turfs in Gange hält, nur mit den Favoriten wäre es längst zum Stillstand gekommen. Auch aus diesem Grunde also darf der Sieg von Oriental Eagle am Sonntag bei Deutschen St. Leger in Dortmund begrüßt werden, ein Sieg, den man noch vor wenigen Wochen ins Reich der Fantasie verwiesen hätte. Denn da war Oriental Eagle nach mehreren vergeblichen Versuchen ein Sieglosenrennen zu gewinnen, bei einem GAG von nur noch 65 kg angelangt - 13 Kilo weniger als zu Saisonbeginn. Dann gewann er am 28. August mit der Taktik des konsequenten Gehens in Iffezheim den Preis der Jährlingsauktion, aber ein Sieg im St. Leger schien weiter völlig außer Reichweite. Wie man sich täuschen kann: Wieder von der Spitze aus und mit großen Steherqualitäten ausgestattet siegte Oriental Eagle gegen ein so ordentliches Pferd wie Moonshiner.

Wir haben länger überlegt, was wir mit diesem doch etwas irritierenden Ergebnis anfangen sollen, uns dann aber doch entschlossen, das Rennen ernst zu nehmen und dem Sieger den Lohn für seine Mühe, nämlich ein anständiges Rating, nicht vorzuenthalten. Eine Rechnung über den nicht weit geschlagenen Sound Check ergibt 94 kg (Rating 108), und das soll er auch bekommen, vorerst jedenfalls. Damit hat Oriental Eagle sein vorheriges GAG von 72,5 kg auf einen Schlag um 21,5 Kilo verbessert. Einige mögen das für absurd halten, aber die Welt des Rennsports ist eben manchmal absurd. Ich erinnere mich da an einen nahen Verwandten von Oriental Eagle mit Namen Oriental Tiger. Diesem hoch veranlagten, etwas schwierigen und auch schwer zu dirigierenden Tempoläufer wäre es fast einmal gelungen, die Rennsportwelt auf den Kopf zu stellen. Das war im G1-Rheinland-Pokal am 17. August 2008 in Köln, eines der erstaunlichsten Rennen, die ich jemals gesehen habe. Heißer 13:10-Favorit war aufgrund eines sehr guten zweiten Platzes in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes der englische Hengst Papal Bull, ausgestattet mit einem Rating von 126 (103 kg). Dazu war noch der frische Derbysieger Kamsin am Start, der drei Wochen später auch noch den Großen Preis von Baden gewinnen sollte. Und diese Pferde schlug Oriental Tiger nicht nur, er galoppierte sie in Grund und Boden, hatte unterwegs mehr als 20 Längen Vorsprung, wovon im Ziel noch sieben übrig blieben. Zweiter wurde Kamsin knapp vor Papal Bull (mit Ryan Moore im Sattel), der Rest spielte keine Rolle. Ganz konservativ gerechnet war dieser Sieg 101 kg (122) wert, man hätte auch noch mehr geben können. Das alles war aber für die Katz, denn in einer Verkettung tragischer Umstände verlor Oriental Tiger anschließend innerhalb von nur acht Wochen zuerst den Sieg wegen Nachweis eines unerlaubten Mittels (ein Medikament war zu spät abgesetzt worden), danach seine Gesundheit (Fesselfissur) und dann auch noch sein Leben: Am Morgen des 15. Oktober 2008 fand man ihn nach einem Beckenbruch innerlich verblutet tot in seiner Box. Ein Alptraum für seine Besitzer vom Gestüt Auenquelle.

* * *

Lässt man einmal alle Rekorde beiseite, die vor dem 20. Jahrhundert oder in eher exotischen Rennsport-Gegenden wie in der Karibik oder in Mexiko erzielt wurden, so steht die unvergleichliche Winx seit ihrem 20. Sieg in Folge am Samstag in Sydney in der Liste der Pferde mit den längsten Siegesserien jetzt auf Platz drei. Hinter Black Caviar, die bei ihren 25 Starts sogar ganz und gar ungeschlagen blieb, und Rapid Redux mit 22 Siegen en suite. Rapid Redux ist hierzulande nicht so bekannt, er war vor einigen Jahren in Amerika sehr populär und gewann aufgrund seiner Siegesserie (in allerdings kleinen Altersgewichtsrennen) sogar einen Eclipse Award. Mit ihrem 20. Sieg überholte Winx keine geringere als Zenyatta, die bekanntlich nach 19 Siegen ohne Niederlage ausgerechnet bei ihrem letzten Start im Breeder´s Cup Classic 2010 verlor, und das auch noch mit „kurzem Kopf“. Im Stil ihrer Siege scheint sich Winx neuerdings immer mehr Zenyatta anzugleichen, die bekanntlich stets auf den letzten Drücker gewann. Auch bei ihrem Sieg am Samstag schlug ihren zahllosen Anhängern das Herz wieder bis zum Hals, schien sie doch zu Beginn der kurzen Zielgeraden in einer aussichtlosen Position. Aber wie einst Houdini von den Fesseln, so befreite Winx sich auch diesmal wieder aus misslicher Lage. Man hat aber langsam das Gefühl, dass das so nicht mehr lange gut gehen kann. Ihr Rating von 132 (106 kg) bleibt bei alledem unverändert. Zumindest so lange sie siegt.

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Wieder gewonnen hat in Australien auch der ehemalige Schlenderhaner Almandin. Und wie! Es war zwar nur ein Listenrennen, aber wenn man auf die Abstände, die Gegner und die Gewichtsverhältnisse schaut, so hat er wahrscheinlich seine beste Leistung überhaupt gezeigt. Aus dem Mittelfeld heraus sprintete er unter dem Höchstgewicht von 61 Kilo in der Zielgeraden seinen 12 Gegnern auf fünf Längen davon, bevor er nach 2500 Metern verhalten das Ziel mit knapp drei Längen Vorsprung erreichte. Das dürfte noch mehr wert gewesen sein, als die 97,5 kg (Rating 115), die er nach seinem Melbourne-Cup-Sieg im vorigen November erhalten hat. In Australien ist man jedenfalls schwer beeindruckt, er ist jetzt nicht nur klarer 9:1-Favorit für einen zweiten Sieg im Melbourne Cup, sondern auch für den gut zwei Wochen vorher anstehenden Caulfield Cup. Trotz seiner sieben Jahre (in Australien gilt er sogar schon als Achtjähriger) hat Almandin nach nur 14 Starts erst relativ wenig Meilen auf dem Tacho. Da geht vielleicht noch was.

 

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