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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

„Ein Rennpferd muss einen anständigen Namen haben“

21. Juni 2017

Über die Bedeutsamkeit von Namen haben sich ja schon unsere größten Philosophen Gedanken gemacht. Zu denen kann man – jedenfalls in seinen besten Momenten – auch den unvergessenen Meistertrainer Heinz Jentzsch rechnen. Man denke nur an seine Aussage „Vorne kann man nicht behindert werden“, die es in ihrer lakonischen Kürze und Kraft durchaus mit Sepp Herbergers „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“ aufnehmen kann. Oder an seine These „Ein Rennpferd muss einen anständigen Namen haben.“ 

Heinz Jentzsch
Heinz Jentzsch

Ob das bei Unforgetable Filly zutrifft ist nicht ganz eindeutig, jedenfalls gehört ein solcher Name zu den sogenannten Risikonamen wie „Weltmeister“ oder „Supergirl“, weil mit ihnen eine gewisse Erwartung ausgedrückt wird, die sich leicht ins Lächerliche wenden kann, wenn sie nicht erfüllt wird. Bei Unforgetable Filly ist das nicht mehr zu befürchten, spätestens nicht seit ihrem Sieg am Sonntag in den Wempe 1000 Guineas in Düsseldorf. Da kann man denn auch über die nicht ganz korrekte Rechtschreibung mit dem fehlenden „t“ im Namen hinwegsehen, die ohnehin der Tatsache geschuldet ist, dass der Name eines Rennpferdes nicht mehr als 18 Buchstaben haben darf, einschließlich Leerzeichen. Dieser Vorschrift verdanken wir auch die immer häufiger werdenden Bandwurmnamen wie Onenightinbangkok oder Housesofparliament.

Man hat den Sieg von Unforgetable Filly kommen sehen, denn ihre Vorformen waren nach den Erfahrungen, die man mit den vorherigen englischen Siegerinnen in diesem Rennen gemacht hatte, stark genug. Sie ging auch mit dem besten Rating (107=93,5 kg) ins Rennen, hatte zudem als Einzige beim Start zuvor gewonnen. Das sehr schnelle Tempo sorgte dafür, dass es auch auf den Plätzen mit Peace in Motion, Arazza und Delectation formgemäß zuging, was man als Handicapper immer gerne sieht. Als Basis für die Rechnung haben wir Delectation genommen. Sie war als Vierte nicht weit geschlagen, hat damit ihr enttäuschendes Abschneiden in den französischen 1000 Guineas auf offenbar unpassend weichem Boden richtig gestellt. Als Ergebnis kommen für Unforgetable Filly 95 Kilo heraus (Rating 110), eine durchaus anspruchsvolle Marke, die sie hoffentlich verteidigen oder sogar noch verbessern kann. So wie die Vorjahrssiegerin Hawksmoor, die ihre 93 kg aus Düsseldorf im Laufe des Jahres noch auf 95,5 kg steigern konnte. (Nach ihrem Sieg über die Fährhoferin Quidura in der vorigen Woche in Belmont Park steht sie aktuell sogar bei 96,5 kg.) Die beiden anderen englischen Siegerinnen aus letzter Zeit, Electrelane und Penny´s Gift waren da weniger erfolgreich, gewannen später kein Rennen mehr. Nächste Aufgabe für Unforgetable Filly soll ein Rennen sein, in dem sie sich weiter profilieren kann: die Falmouth Stakes, ein Gruppe-I-Rennen im Juli in Newmarket.

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Am Sonntag in Bremen übten nochmal ein paar Derbypferde. Große Erkenntnisse gab es nicht, außer der Tatsache, dass einige Derbyhoffnungen, Nerud zum Beispiel, zu Grabe getragen wurden. Es war der letzte Derbytrial, wer jetzt noch keine Fahrkarte nach Hamburg hat, bekommt auch keine mehr. Dabei – aller Wahrscheinlichkeit nach braucht man gar kein Ticket. Man kann Schwarzfahren, also ohne die Qualifikation durch Leistung erbringen zu müssen, denn das Starterlimit von 20 wird wohl nicht erreicht. Dann könnte sogar Amazing Soldier mitmachen, der trotz seines letzten Platzes mit 53 Längen Rückstand zur Siegerin bei seinem bisher einzigen Start immer noch unter den 27 verbliebenen Kandidaten für das Derby zu finden ist.

Dass es 14 Tage vor dem Derby mit dem Proben schon vorbei ist, war nicht immer so. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte man selbst in Hamburg noch Derbypferde beim ultimativen Test erleben. Otto-Schmidt-Rennen war das Zauberwort für die Last-Minute-Qualifikation, eine Woche vor dem Derby. Und das funktionierte nicht schlecht. In den 1970er-Jahren war das sogar der aufschlussreichste Derbytest überhaupt, die späteren Sieger Athenagoras, Marduk, Königssee und Zauberer holten sich hier den letzten Schliff. 1987 klappte es noch einmal, mit Lebos. Noch kürzere Derby-Präparationen können Dionys (1931) und sogar die berühmte, ungeschlagene Nereide (1936) vorweisen, die beide noch am Mittwoch vor dem Derby erfolgreich probten. Das letzte Pferd, das so kurz vor dem Blauen Band noch in ein Rennen geschickt wurde, war meiner Erinnerung nach Fläming. Der Ebbesloher, 1975 Derbyzweiter hinter Stuyvesant, gewann ebenfalls an einem Mittwoch der Derbywoche noch den Preis von Billstedt.

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Viel vornehmen darf man sich ja nicht in diesen Tagen, besonders nicht am Nachmittag. Denn ab 15.30 Uhr steht bis zum Samstag Royal Ascot auf dem Programm, die besten Bilder liefert der Streamingdienst DAZN. Die Queen hat in den 65 Jahren ihrer Regentschaft angeblich noch keinen einzigen Royal Ascot-Tag verpasst, und das soll auch so bleiben, obwohl sie heute die Queen´s Speech halten muss, die Regierungserklärung von Theresa May. Für jeden Briten bietet Royal Ascot ohnehin den besten Rennsport der Welt, eine Sichtweise, der nach den Eindrücken vom ersten Renntag nicht widersprochen werden kann. Mit Ribchester und Barney Roy siegten zwei der großen Stars, ein anderer, Churchill, erlebte sein Waterloo und ging nach sieben Siegen in Folge nahezu unter. 

Die Sensation des Tages aber war - wie schon im Vorjahr beim Sieg in den Queen Mary Stakes - die amerikanische Stute Lady Aurelia. Die Dreijährige gewann die King´s Stand Stakes mit drei Längen und in einem Stil, über den man nur staunen konnte, wobei sie den Bahnrekord für die 1000 Meter-Strecke nur um eine hundertstel Sekunde verpasste. Hierfür verdient sie ein Rating von mindestens 122 (101 kg), womit sie zusammen mit dem australischen Wallach Chautauqua die Nummer eins über Fliegerdistanz auf der Welt wäre. Viel Phantasie setzte auch der klare Sieg des siebenjährigen Wallachs Thomas Hobson in den Ascot Stakes in Gang, einem Handicap über 4000 Meter. Rennen über einen so extremen Weg gibt es auch in England nur ganz wenige, so dass die Handicapmarken hier nur bedingte Aussagekraft haben, es kommt vor allem auf das Stehvermögen an. Deshalb sieht man in dieser Art Rennen auch immer zahlreiche Vertreter des Hindernissports am Start. Auch Thomas Hobson zählt dazu. Vor vier Jahren hat er sein letztes Flachrennen bestritten, wechselte dann mit einer Marke von 100 (90 kg) von John Gosden zu Willie Mullins nach Irland, der ihn seitdem 12 Mal in Hürdenrennen an den Start brachte, von denen er vier gewann. Jetzt geht es aber erstmal auf der Flachen weiter. Bereits am Samstag soll Thomas Hobson wieder antreten, diesmal in Englands längstem Flachrennen, den Queen Alexandra Stakes über 4200 Meter. Fernziel, das gab Mullins bekannt, soll der Melbourne Cup sein.

 

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