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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Winx oder Accelerate - Wer ist die Nummer Eins der Weltrangliste?

22. August 2018

Es kommt ja gelegentlich vor, dass Leuten schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt wird. Ich denke da an Udo Lindenberg, an Willy Millowitsch oder an Oma Duhnsen, die 2001 mit 94 Jahren verstorbene Marktfrau, deren Bronzefigur am Eingang zur Markthalle jeder Hannoveraner kennt. Auch an Denkmälern großer Renn- und Zuchtpferde herrscht kein Mangel, Monsun in Schlenderhan und Surumu auf dem Fährhof sind nur zwei, bei uns bekannte Beispiele. Wenn aber nach einem Pferd zu einem Zeitpunkt, zu dem es noch aktiv am Renngeschehen teilnimmt, bereits ein bedeutendes Rennen benannt ist, dann muss es sich schon um etwas ganz Besonderes handeln. Um Winx zum Beispiel. Am vorigen Samstag hat sie in Sydney die G1-Winx Stakes gewonnen, ein Rennen, das im Vorjahr noch Warwick Stakes hieß und das sie jetzt zum dritten Mal gewonnen und damit ihre Siegessserie auf 26 Rennen in Folge ausgebaut hat.

Dass ein Rennpferd 26 Rennen ohne Niederlage übersteht, mag man ja kaum glauben, die meisten Pferde starten noch nicht einmal so oft. Gut – Kincsem hat 54 Rennen hintereinander gewonnen, aber das war in grauer Vorzeit, Camarero sogar 56, aber eben „nur“ in Puerto Rico. Eine so große Serie in einem der bedeutendsten Rennsportländer der Welt wie Australien hinzulegen, grenzt dagegen an ein Wunder. Es heißt, am Samstag seien außergewöhnlich viele Kinder in Sydney auf der Rennbahn gewesen, mitgebracht von ihren Eltern, damit jene späteren Generationen noch werden erzählen können, dass sie dabei gewesen waren damals, als Winx ihr 26. Rennen gewann und damit einen Rekord für die Ewigkeit aufstellte. Aber Vorsicht: Als Black Caviar vor erst fünf Jahren nach 25 Siegen am Stück und dazu noch ungeschlagen den Rennstall verließ, war alle Welt überzeugt, dass dieses zu den Rekorden zählen wird, die niemals mehr gebrochen werden. 

Und Winx kann ihre Serie ja noch ausbauen. Voraussichtich in drei Wochen wird sie wieder laufen, einen weiteren Schritt absolvieren auf dem Weg zu einem vierten Sieg im Cox Plate am 27. Oktober, Australiens bedeutendstem Altersgewichtsrennen. Ihr Rekordsieg am Samstag war allerdings wieder einmal nichts für schwache Nerven. Die Distanz von 1400 Meter ist eigentlich zu kurz für sie, und noch 400 Meter vor dem Ziel musste sie gut sechs Längen aufholen, was ihr, einmal in Schwung gebracht, zum Schluss sogar noch leicht gelang, denn sie gewann mit zwei Längen. Vor 12 Monaten stand sie in diesem Rennen sogar dicht vor einer Niederlage, gewann äußerst knapp nur mit „Kopf“. Damals bekam sie dafür ein Rating von 114 (97 kg), was für ihre Verhältnisse sehr niedrig ist. Auch diesmal wird kaum mehr herauskommen, denn den zweiten Platz belegte der 150:1-Außenseiter Invictus Prince, ein aus England mit einem Rating von 100 (90 kg) neu importierter Fünfjähriger. Winx´ beste Marke von 130 (105 kg) aus dem Februar dieses Jahres bleibt natürlich bestehen, sie ist damit weiter die Nummer eins in der Welt.

Video: 2018 - Winx Stakes - Winx

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Winx bleibt also die Nummer Eins – es sei denn, Accelerate findet unter den Handicappern des World Ranking Committee eine Mehrheit für eine höhere Marke. Das ist nicht völlig ausgeschlossen, denn der Sieg dieses Hengstes am Samstag in den G1-Pacific Classic in Del Mar an der amerikanischen Westküste fiel mit einem Vorsprung von 12 ½ Längen gewaltig aus. Dabei war die Konkurrenz durchaus beachtlich, der Zweitplatzierte Pavel hatte gerade ein G1-Rennen gewonnen, ging mit einem Rating von 117 (98,5 kg) an den Start, und auch auf den weiteren Plätzen kamen Gruppe-I-Pferde ein, als Vierter mit Roman Rosso eines der besten Pferde Lateinamerikas. Wer will (einer meiner Komitee-Kollegen hat es schon getan), kann also mehr als 130 (105 kg) für dieses Sieg ausrechnen, ich allerdings werde das nicht tun. Bei Accelerate handelt es sich bekanntlich um denselben Hengst, der vor einem Jahr ein Pferd, das zuvor unter dem Namen Arrogate den Dubai World Cup in so grandiosem Stil gewonnen hat, mit 15 Längen auf die Verliererstraße geschickt hatte. Das war sicher nicht für voll zu nehmen, aber in diesem Jahr hat der jetzt Vierjährige bei fünf Starts vier Mal gewonnen, darunter drei G1-Rennen. Das Pacific Classic gibt es erst seit 1991, mit einem Geldpreis von einer Million Dollar gehört es aber inzwischen zu den größten Rennen Amerikas, die letzten Sieger vor Accelerate waren Collected (gegen Arrogate), California Chrome und Beholder.

Video: 2018 Pacific Classic - Accelerate

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Ich habe noch vor Augen, wie der charismatische, ehemalige Schlenderhaner Gestütsleiter Ewald Meyer-zu-Düte nach dem Sieg von Anatas im Spreti-Rennen 1985 in den Presseraum der Iffezheimer Rennbahn trat. „Meine Damen und Herren“, verkündete er in einem Ton der Überzeugung, der keinerlei Raum für Zweifel ließ, „das war der 4000. Schlenderhaner Sieg!“ Dann stellte er ein paar Flaschen Sekt auf den Tisch und kündigte eine Spende von 4000 Mark an die Sozialkasse der Jockeys an. Das hatte Stil. An diese Szene musste ich denken, als in der vorigen Woche die Meldung über den 5000. Sieg des Godolphin-Rennstalles von Scheich Mohammed Al Maktoum kam. Aber seit den Zeiten von Meyer-zu-Düte ist die Zeit fortgeschritten, auch für Schlenderhan, und so habe ich einmal nachgeschaut, wieviel Siege seit Anatas für Schlenderhan dazugekommen sind. Es sind, einschließlich der Erfolge des Stalles Ullmann, allein in Deutschland 1235, so dass Schlenderhan immer noch vor Godolphin liegt, aber wohl nicht mehr lange. Schlenderhans 5000. Sieg muss irgendwann zwischen 2007 und 2008 fällig geworden sein, seit Gestütsgründung im Jahr 1869 hat das also 138 Jahre gedauert.

Godolphin brauchte dafür nur schlanke 25 Jahre. 1992 hat Scheich Mohammed sein Imperium mit damals 60 Elitepferden gegründet, der erste Sieger war am 24. Dezember 1992 fällig. Bis zum tausendsten Sieg dauerte es 13 Jahre, bis zum zweitausendsten weitere sieben Jahre, dann aber fielen die Tausender immer schneller. Dreitausend Siege 2015, Viertausend im Januar 2017 und jetzt, nur gut anderthalb Jahre später, sind die Fünftausend voll. Viele großartige Pferde haben die königsblauen Godolphin-Farben getragen. Der Beste, jedenfalls aus Sicht der Handicapper, war Daylami mit einem Rating von 135 (107,5 kg) noch vor dem Kult-Pferd Dubai Millennium (134) und dem Arc-Sieger Sakhee (133).

 

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