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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Über das „Goldene Zeitalter des Handicapsports“

Köln 22. Februar 2017

Früher war alles besser. Diese Weltsicht, die vorwiegend bei älteren Menschen und Nostalgikern, wie ich sie kürzlich in großer Zahl im geräumigen Berliner Ampelmännchen-Store an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße anzutreffen Gelegenheit hatte, diese Weltsicht also hält einer genaueren Betrachtung nur selten stand.  Denn besser war meist nur eines: Man war jünger. Auf dem speziellen Gebiet des Galopprennsports lässt sich aber vielleicht manches finden, was einmal besser funktioniert hat; der eine oder andere mag dabei sogar an das Handicapsystem denken. (Dr. Erich Teuscher, ehemals Generalsekretär des Internationalen Clubs, schrieb vor mehr als 40 Jahren einmal in einer Art Gutachten, es sei „mustergültig“ und eine Verbesserung „nicht vorstellbar“.) Das war zu jener Zeit, als Ausgleiche I noch mit einer Skala von minus 36 ausgeschrieben waren und viele der besten Pferde zwischen Starts im Ausgleich I und in Grupperennen hin- und her wechselten. Na klar – bei minus 36 konnte ein 96-Kilo-Pferd bequem mit 60 Kilo im Handicap unterkommen. Der St.Leger-Sieger Donat lief 1979 sogar einmal mit der Marke von 99,5 kg, das war im Silbernen Pferd in Baden-Baden. Er war also mit 63,5 kg unterwegs und wurde damit sogar Zweiter. Von Peter Schmanns, dem damaligen Chef-Handicapper, weiß ich, dass die Ausgleicher seinerzeit heilfroh waren, wenn keines dieser hochgewichteten Pferde gewann, denn mehr als 100 Kilo wollte man für Siege in Ausgleichen nicht geben. 

Zwischen 1975 und 1985 gab es besonders viele herausragende Handicapleistungen, so dass diese Zeit wohl als das „Goldene Zeitalter des Handicapsports“ bezeichnet werden darf. Einige können sich vielleicht noch an den Kölner Frühjahrs-Ausgleich 1975 erinnern, in dem 18 Pferde liefen und Star Appeal mit 61 Kilo im Sattel Zweiter wurde. Sechs Monate später gewann er den Prix de l´Arc de Triomphe. Die beste Handicapleistung der Neuzeit muss aber wohl der Sieg von Revlon Boy im Theodor-Althoff-Erinnerungsrennen am 24. Oktober 1982 in Gelsenkirchen-Horst gewesen sein. Der damals Sechsjährige Hengst ging mit einer Marke von 96,5 Kilo ins Rennen und gewann mit Lutz Mäder gegen 15 Gegner mit einer „Weile“, also mit mehr als zehn Längen. Nach jeder Rechnung war dieser Sieg mehr als 100 Kilo wert, die damaligen Handicapper machten aber bei 99,5 kg halt. Auch Claddagh gewann einmal einen Ausgleich I mit „Weile“, 1979 in Neuss. Hier einmal zusammengefasst die 100-Kilo-verdächtigen Handicap-Siege aus dieser Zeit:

Revlon Boy mit GAG 96,5 überlegen „Weile“ im Th. Althoff-Memorial in Gelsenkirchen 1982
Claddagh mit GAG 96 überlegen „Weile“ im Preis von Neuss 1979
Shepard mit GAG 97 überlegen 3 ½ Längen im Großen Preis von Krefeld 1980
Los Santos mit GAG 95,5 überlegen 6 Längen im Preis der Stadt Krefeld 1982
Esclavo mit GAG 94,5 überlegen 6 Längen Im Preis der West LB 1979 in Düsseldorf
Harris mit GAG 96,0 überlegen 3 Längen im Großen Preis von Hessen 1979 in Frankfurt
Torgos mit GAG 97 leicht 2 ½ Längen im Karstadt-Preis 1983 in Düsseldorf

Große Felder mit bis zu 20 Startern waren damals in den großen Handicaps keine Seltenheit, manchmal gab es mehr Geld zu gewinnen als in Grupperennen. Die guten Pferde hatten damals auch nur wenig Start-Alternativen. Es gab nur 30 Grupperennen (heute 44) und Listenrennen erst ab 1983. Auslandsstarts waren noch große Ausnahmen.

Das ist alles anders geworden. 1985 wurde Deutschland Mitglied der International Classification (heute World Best Racehorse Rankings) und die damals sehr hohen Handicapmarken, die bis auf 110 Kilo hinauf gingen, mussten an das international niedrigere Niveau angepasst werden. Heute sind die besten Ausgleiche I mit minus 26 (für Vierjährige und Ältere) ausgeschrieben, so dass allenfalls ein Dreijähriger noch einmal mit einen Handicap-Sieg auf Gruppeniveau kommt. So wie Capitano im vorigen Jahr. Ihm gelang die beste Handicapleistung des Jahres 2016, als er in Hamburg einen Ausgleich I mit der Marke von 90 Kilo gewann. Etwas mehr als 90 Kilo waren 2016 auch die Handicapsiege von Wonnemond und Apoleon wert.

* * *

Hoppegarten hat vor einigen Jahren ja eine Wiederbelebung der (soll ich sagen: guten?) alten Handicapzeiten versucht. Es hat 2011 und 2012 ein „Internationales Super-Handicap“ ausgeschrieben, mit einer Skala von minus 34 und einer Dotierung von 80.000 Euro. Zweimal hat das leidlich funktioniert (12 und 11 Starter), aber schon 2013 erlahmte das Interesse der Ställe. Wegen ungenügender Nennungen wurde der Ausgleich I zu Grabe getragen und in ein Listenrennen umgewandelt. Ein neuer Versuch mit einem Super-Handicap für die beste Klasse ist bisher nicht unternommen worden. Nach den Erfahrungen in Hoppegarten ist damit in absehbarer Zeit wohl auch kaum zu rechnen. Wie große Ausgleichsrennen funktionieren, kann man dagegen Jahr für Jahr in England beobachten. Fünf Handicaps sind dort mit 200.000 Pfund und mehr dotiert, jedes dieser Rennen hatte im Vorjahr mindestens 19 Starter. Mit 280.000 Pfund ist das Ebor Handicap in York das höchstdotierte Handicap in Europa, Heartbreak City war letzte Sieger. Ein paar Wochen später wurde er Zweiter zu Almandin im Melbourne Cup.

 

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