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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die fetten und die mageren Jahre

22. Mai 2019

Zur Erklärung zyklisch auftretender Ereignisse wird gerne die biblische Prophezeiung des Joseph von den sieben fetten und sieben mageren Jahren bemüht, die den Ägyptern damals schon zu schaffen machten. So sollen, wie jüngst die Zeitschrift Capital vermeldete, die deutschen Autobauer vor sieben mageren Jahren stehen, während für den Rohstoffbereich angeblich sieben fette Jahre angebrochen sind. Auch der Atmosphärenforscher Dimitri Kondrashov von der Universität von Kalifornien teilte kürzlich mit, dass die „Nordatlantische Oszillation“, die Einfluss auf die Dürrezeiten in der Sahelzone hat, einem Rhythmus von sieben Jahren unterliegt.
Gibt es so was auch im Galopprennsport? Es ist noch nicht sehr lange her, da gewannen deutsche Galopper im Ausland Gruppe-I-Rennen, ich denke dabei an Danedream, Novellist oder Pastorius, die den deutschen Galoppsport im internationalen Ranking weit nach oben brachten. Diese Entwicklung fand mit dem Melbourne-Cup-Sieg von Protectionist im November 2014 ihr vorläufiges Ende, wobei auch nicht vergessen werden soll, dass der 11-Längen-Derbysieger Sea The Moon im Sommer desselben Jahres kurzzeitig als Favorit für den Prix de l´Arc de Triomphe gehandelt wurde. Die nachfolgende Generation mit Ito, Iquitos, Dschingis Secret und Guignol an der Spitze zeigte zwar noch respektable Leistungen und konnte zahlreiche Gruppe-I-Rennen im Lande halten – ein Sieg auf höchster Ebene in England, Frankreich oder sonst wo auf der Welt gelang ihnen aber nicht mehr. Nachdem auch diese Pferde abgetreten sind, scheint es, als sei die biblische Formel zu voller Wirkung gekommen, denn es sieht so aus, als befände sich der deutsche Rennsport sportlich mitten in den mageren Jahren.

Andrasch Starke und Danedream 2012; Copyright Marc Rühl
Andrasch Starke und Danedream 2012; Copyright Marc Rühl

Von den fünf Grupperennen mit internationaler Beteiligung in diesem Jahr konnte nur das Busch-Memorial im Lande gehalten werden, im Übrigen dominierten Pferde aus England, Irland und Frankreich: Stormy Antarctic, French King, Raa Atoll und – Fox Champion, dessen Sieg am Sonntag im G2-Mehl-Mülhens-Rennen in Köln den vorläufigen Tiefpunkt dieser Entwicklung brachte. Nicht, dass nur drei deutschen Pferde den Weg zur Startstelle fanden (das ist 2013 auch schon einmal vorgekommen), aber dass diese drei – Sibelius, Revelstoke und Noble Moon – sich im Ziel bei elf Startern auf den Plätzen acht, neun und zehn wiederfanden, war das geradezu schockierende am Ausgang dieses Klassikers, der einen einigermaßen ratlos zurücklässt. Können unsere Pferde denn gar nichts mehr? Oder sind die anderen so gut? Die Antwort auf diese Frage wird man in nicht allzu ferner Zukunft bekommen.
Vom Standpunkt des Handicappers aus ist zu konstatieren, dass die Marke von 95 kg (Rating 110), die wir Fox Champion für seinen Sieg gegeben haben (gerechnet über den Zweitplatzierten, der mit 94,5 kg ins Rennen ging) in den letzten 20 Jahren nur einmal unterboten wurde. Das war 2006, als Royal Power 94,5 kg erreichte und später darüber auch nicht hinaus kam. Das will ich bei Fox Champion nicht hoffen. Er wäre nach fünf Starts noch ungeschlagen, wenn das Zielfoto bei seinem Debüt am 2. Juni vorigen Jahres anders ausgefallen wäre, denn er verlor nur mit „Nase“. Er ist ein Pferd mit Perspektiven nach oben. Man hat mit ihm jetzt Royal Ascot im Auge, ein häufiges Ziel für einen Mehl-Mülhens-Sieger, Royal Abjar (6.), Air Express (2.), Dupont (4.), Martillo (3.), Brunel (5.), Royal Power (7.) und zuletzt Excelebration (3.) haben sich dort in den G1-St James´s Palace Stakes zum überwiegenden Teil gut gehalten.

Video: 34. Mehl Mülhens Rennen 2019 (Gr.II) in Köln - Sieger: FoxChampion

Am Dienstag voriger Woche tagte in den Räumen des Direktoriums in Köln die Technische Kommission unter ihrem Vorsitzenden Rolf Leisten, zweimal im Jahr passiert das. Dieses Gremium wurde schon mit der Gründung des Union Klubs am 15. Dezember 1867 in die Welt gesetzt, ist also fast so alt, wie der deutsche Rennsport selbst. Die Technische Kommission hatte damals enorme Kompetenzen, agierte mit ihren fünf Mitgliedern bis 1919 allgewaltig als gesetzgebendes Organ des Rennsports. Die heutige Kommission besteht aus 17 Mitgliedern und ihre Macht ist beschränkt auf Empfehlungen für den renntechnischen Betrieb, denen die Mitgliederversammlung zumeist folgt, manchmal aber auch nicht (wie zum Beispiel in der Frage der Gewichtserlaubnis für Frauen).
Ich selbst bin kein Mitglied dieser Kommission, aber als Sachverständiger bei den Sitzungen anwesend, denn auf der Tagesordnung tauchen regelmäßig Themen aus dem Bereich des Ausgleicherwesens auf. Auch diesmal wieder. Neben diversen Listen und Tabellen, die Auskunft geben über den Status unserer Gruppe- und Listenrennen und deren Präsentation stets verbunden ist mit aufmunternden Blicken in Richtung des Handicappers, bei der Zuteilung der Gewichte für unsere Spitzenpferde nur ja nicht kleinlich zu sein, neben diesen Listen also wurde auch der Antrag eines Rennvereins auf eine Gewichtserlaubnis von zwei Kilo für Dreijährige in Handicaps behandelt.

Hamburger Derby 2018; Copyright Marc Rühl
Hamburger Derby 2018; Copyright Marc Rühl

So wie der Storch jedes Jahr aus Afrika zurückkehrt, so kommt auch jedes Jahr im Frühjahr zuverlässig das Thema „Handicapgewichte für Dreijährige“ auf den Tisch. Dreijährige stehen in Ausgleichsrennen – weil Neulinge – stets stärker im Fokus als ältere Pferde, und da Niederlagen naturgemäß häufiger vorkommen als Siege, entsteht schnell einmal der Eindruck, die Dreijährigen kämen zu schlecht weg. Wirklich nachweisen lässt sich eine Benachteiligung Dreijähriger allerdings nicht, jedenfalls nicht, was die Anzahl der Siege angeht. Von den 3445 Ausgleichsrennen in denen dreijährige gegen ältere Pferde zwischen 2008 und 2018 gelaufen sind, haben sie 633 gewonnen. 636 hätten es theoretisch – gemessen an der Zahl der ihrer Starts – sein sollen. Bis auf diesen minimalen Rückstand haben sie also genauso viel gewonnen, wie ihnen „zustand“. Ein geringes Defizit ergibt sich allerdings, wenn man zu den Siegern auch noch die Platzierten auf den Plätzen zwei bis vier hinzunimmt – von 2544 zu erwartenden Platzierungen haben sie nur 2324 erreicht.
Das vorige Jahr allerdings war für die Dreijährigen kein gutes Jahr, sie blieben mit nur 47 Siegen um 13 Siege hinter der statistischen Erwartung zurück. Das könnte daran gelegen haben, dass der vorjährige Derbyjahrgang ganz allgemein ein schwacher Jahrgang war, denn nicht nur in den Handicaps, auch in den Altersgewichtsrennen haben sie 2018 deutlich weniger gewonnen als in anderen Jahren. Eine Rolle dürfte auch spielen, dass die Altersgewichtstabelle es den Dreijährigen inzwischen schwerer macht. So durfte ein Dreijähriger vor zwanzig Jahren in der zweiten Maihälfte über eine Distanz von 2000 Metern noch eine Erlaubnis von 9,5 Kilo in Anspruch nehmen. Heute sind es nur noch 6,5 kg, die letzte Veränderung mit leichten Nachteilen für die Dreijährigen trat zu Beginn des Vorjahres in Kraft, in ganz Europa übrigens. Dass sich Dreijährige gerade in der ersten Jahreshälfte gegen die Älteren häufig schwertun, ist kein deutsches Phänomen. Andere Länder helfen sich damit, indem sie Handicaps ausschreiben, in denen nur Dreijährige laufen dürfen. Das gab es lange Zeit auch bei uns. Heute, bei der geringeren Anzahl von Pferden, macht das kein Rennverein mehr.
Was nun den Antrag auf die Zwei-Kilo-Erlaubnis angeht, so fand dieser keine Unterstützung. Einen derartigen Vorschuss für einen Jahrgang, dessen Qualitäten man noch gar nicht kennt, wollte niemand geben; er ginge ja auch zu Lasten der älteren Pferde. Dafür soll jetzt die Erfolgsrate der Dreijährigen in Ausgleichen monatlich überprüft werden, damit erforderlichenfalls Korrekturen schneller erfolgen können.

 

GERMAN RACING

Seit 2010 bildet GERMAN RACING die große Dachmarke, unter der regelmäßig spannende Pferderennen und stimmungsvolle Veranstaltungen auf den deutschen Rennbahnen stattfinden. Gleichzeitig fungiert die Marke als Oberbegriff für den Galopprennsport in Deutschland.

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