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Blog: Chefhandicapper Harald Siemen

Die Rätsel im Galopprennsport

23. Mai 2018

Manche Rätsel lassen sich einfach nicht lösen. Das muss kein Nachteil sein für die Menschheit, und schon gar nicht für den Galoppsport und die Vollblutzucht, deren Vorzug gerade darin besteht, in vielen Teilen rätselhaft zu sein. Wie kann man denn auch verstehen, wie ein Pferd wie Ancient Spirit, dessen bisherige Rennlaufbahn als unauffällig zu bezeichnen von der Wahrheit nicht weit entfernt sein dürfte, wie also ein Pferd wie Ancient Spirit quasi über Nacht zu einem strahlenden Sieger des G2-Mehl-Mülhens-Rennens werden konnte. Gewiss – große Erwartungen galten diesem Pferd schon immer, davon zeugt schon seine Teilnahme am Preis des Winterfavoriten im vorigen Oktober. Aber die zu Hause bei den Übungseinheiten erkennbar gewordene Klasse auch auf der Rennbahn umzusetzen, das war bis zum vorigen Sonntag nicht gelungen. Dann drehte sein Trainer an ein paar Schrauben, zog Scheuklappen auf, wählte eine etwas längere Renndistanz, und als sein Reiter auch noch den richtigen Knopf fand, auf dem das Wort „Gehen“ stand, wendete sich plötzlich alles. In jenem Moment, 500 Meter nach dem Start, als Ancient Spirit vom letzten Platz mit der Geschwindigkeit eines Higgs-Teilchens im Teilchen-Beschleuniger von Genf außen am Feld vorbei und klar an die Spitze des Feldes ging, vollzog sich die Verwandlung eines gewöhnlichen Pferdes in ein besonderes. Nur selten hat man ein Pferd mit so viel entfesselter Energie die lange Kölner Zielgerade heraufstürmen sehen, wie Ancient Spirit das an diesem Tag getan hat. Ich bin gespannt, ob er diese Form konservieren oder sogar noch weiter steigern kann. Außerdem hoffe ich, dass dieser grandiose Sieg jetzt auch einige andere Pferde eines Derbyjahrgangs mitreißen wird, einen Jahrgang, den ich bisher mit eher skeptischen Blicken betrachtet habe.

Vom Standpunkt des Handicappers war dies ein eher unterdurchschnittlich besetztes Mehl-Mülhens-Rennen, aber mit einem überdurchschnittlichen Sieger. Von den drei englischen Pferden im Rennen konnten sich zwei gut in Szene setzten und die beiden übrigen Plätze auf dem Treppchen einnehmen. Der drittplatzierte Fighting Irish hat sich bei seinen acht vorherigen Starts als sehr zuverlässiges Pferd erwiesen und mehrfach Ratings bis zu 92 kg erreicht. Zuletzt in Ascot fehlten seinem Reiter beim Zurückwiegen zwei Pfund, aber die dort „gezeigten“ 91 kg haben wir jetzt auch für das Mehl-Mülhens-Rennen in Anschlag gebracht. Die 4 ½ Längen Vorsprung und der Stil des Erfolges erlauben es, für den Sieg 5 Kilo zu berechnen, hinzukommen noch einmal 1 ½ Kilo, die den Zweiten vom Dritten trennten, so dass wir für Ancient Spirit auf eine Marke von 97,5 Kilo kommen (Rating 115). Das ist, wie gesagt, für einen Sieger dieses Rennen mehr als üblicherweise zu erwarten. In den letzten 20 Jahren bekamen nur Excelebration (98,5), Karpino, Irian und Martillo (jeweils 98 kg) mehr für ihren Mehl-Mülhens-Sieg. 97,5 kg wie Ancient Spirit erhielten auch noch Lucky Lion und Caspar Netscher. Im europäischen Kontext gesehen steht Ancient Spirit mit seiner neuen Marke zunächst auf einer Stufe wie Olmedo nach seinem Sieg im französischen Pendant, den Poule d´Essai des Poulains, aber deutlich über dem italienischen Premio Parioli-Sieger Wait Forever (95 kg). Über allen thront natürlich Saxon Warrior mit einer Marke von 100,5 kg (Rating 121), die er für seinen Sieg in den englischen 2000 Guineas in Newmarket bekommen hat. Die irische Ausgabe dieses klassischen Rennens gibt es am kommenden Samstag.

* * *

Seit ein paar Monaten ist bei uns bekanntlich eine neue Disqualifikationsregel bei Behinderungen in Kraft. Nach schier endlosem Hin und Her hatten sich Deutschland und auch Frankreich darauf geeinigt, dem anglo-irischen System beizutreten, wonach ein Pferd disqualifiziert wird, wenn es sich gegenüber dem Behinderten einen rennentscheidenden Vorteil verschafft. Dem groben Anschein nach ist die Arbeit für unsere Rennleitungen dadurch etwas einfacher geworden, trotzdem werden schwierige Fälle natürlich nicht verschwinden, wie sich am Pfingstsonntag beim Comer Group Oleander-Rennen in Hoppegarten gezeigt hat, als die Anwendung der neuen Regel zu einem echten Härtetest geriet. Nearly Caught geriet von Mitte der Zielgeraden an immer mehr nach innen und drängte dadurch auch Sound Check so weit in Richtung Hecke, dass er von seinem Reiter aufgenommen und nach einem Spurwechsel neu gebracht werden musste. Danach lief Sound Check noch bis auf eine halbe Länge an Nearly Caught heran, so dass die Rennleiter zu der Überzeugung kamen, dass Sound Check ohne die Behinderung gewonnen hätte. Eine Entscheidung, die nachvollziehbar ist, jedenfalls für mich. 

Video: Comer Group International 47. Oleander Rennen (Gr. II), Berlin-Hoppegarten - Sieger: Sound Check

Der ehemalige Chef-Steward in England, Paul Barton, hat einmal im Zusammenhang mit einer hochkontroversen Entscheidung (Disqualifikation von Simple Verse im St. Leger 2015) gesagt: „Die Entscheidung der Stewards muss nicht immer frei von jeglichem Zweifel sein, aber die Stewards sollten das Rennleitungszimmer mit dem angenehmen Gefühl verlassen, das Richtige getan zu haben.“ (Niemals einen Zweifel, das sei nebenbei gesagt, haben ohnehin nur die Dummen, was für alle Lebensbereiche gilt.) Dass einige die Entscheidung in England oder sonst wo anders sehen, kann nicht überraschen; denn auch wenn die Regeln nun endlich einheitlich sind, heißt das noch lange nicht, dass sie auch überall gleich angewendet werden. So wird in Großbritannien ein Sieger erfahrungsgemäß nur disqualifiziert, wenn mit der Behinderung ein gefährliches oder rücksichtsloses Reiten verbunden ist. In Deutschland und wohl auch in Frankreich wird der Umgang mit Behinderungen etwas sensibler sein. 

Im Übrigen war der Ausgang dieses Oleander-Rennens sehr formgemäß. Sowohl Sound Check als auch Nearly Caught kamen mit einem Rating von 107 (93,5 kg) an den Ablauf, diese Marken haben beide wieder eingestellt. Auch die Rechnung zum drittplatzierten Parviz (93 kg) stimmt aufs Gramm.

 

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